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Das Geistliche Wort | 23.02.2020 | 08:40 Uhr

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“

Autor: Guten Morgen. Helau und Alaaf. Die jecken Tage sind wieder da. Und ich bin mittendrin. Ich begegne Menschen, die ich kenne – und erkenne sie nicht wieder. Der Eine wird zum Krümelmonster, die Andere schlüpft ins Einhornkostüm, wieder andere verwandeln sich in Eisprinzessin Elsa, den Helden „Captain America“ oder den Anti-Helden „Joker“… Einmal jemand ganz anderes sein. Dazu die Musik im Karneval, die alten Schlager…

 

Musik 1: Track 1 „Wir sind alle kleine Sünderlein…“,  CD: Willy Millowitsch – Wir sind alle kleine Sünderlein, Interpret: Willy Millowitsch, Komponist: Werner Twardy und Fred Conta (Musik), Heinz Korn (Text); Karussell Musik, Hamburg 1997, LC-Nr. 00245


Autor: Der Karneval verbindet Menschen. Ich bekomme schnell Kontakt und mitunter  unverhofft einen kleinen Kuss auf die Wange, von einer Frau, die ich nicht kenne. Es herrschen andere Regeln in den tollen Tagen. Fröhlichkeit allenthalben ist das Motto. Im Rheinland und anderswo. Kunterbunt ist die „fünfte Jahreszeit“. Der Karneval bringt mir zu Bewusstsein, dass ich mich auch anders verhalten kann als in meinem Alltag– spontaner, freier, ungebremster. Nach dem Motto: Eigentlich bin ich ganz anders, aber komme so selten dazu. Allen Jecken gemeinsam scheint die Sehnsucht zu sein, dem Alltag zu entkommen, wo und wie auch immer sie ihrer närrischen Leidenschaft frönen. Die jecke Zeit ist kurz.  Denn am Aschermittwoch ist ja alles vorbei…


Musik 2: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“
, CD Jupp Schmitz und seine Lieder Medley 4, Bearbeiter (Aufnahme): Sonneborn, Günter, Solist: Schmitz, Jupp, Labelcode: 00287, Label: Odeon, Verlag: Jupp Schmitz, Bestellnummer: 798023-2, EAN: 007779802326.


Autor: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei – …“, ist ein geflügeltes Wort im Karneval. „… deshalb lasst uns feiern, deshalb lasst uns ausgelassen sein und das Leben genießen...“  Dieser Slogan legitimiert den überschäumenden Froh­sinn, das Über-die-Stränge-Schlagen, mit dem ich schlechten Nachrichten und düsteren Prognosen trotze.

Aber stimmt das denn überhaupt? Dass am Aschermittwoch alles vorbei ist? Leider Gottes wird manches nicht vorbei sein. Die Krankheit, die jemanden in meiner Familie getroffen hat.  Das Unglück des Freundes, dessen Ehe nicht gehalten hat. Die Sorge um das Fortkommen der Menschen, die auch hier in meiner reichen Stadt in Armut leben. Die Hilflosigkeit gegenüber den globalen Problemen der Menschheit. Klima. Krieg. Hunger. Flucht. Und nicht vorbei sein wird das Säbelrasseln der Mächtigen weltweit, die Kriege riskieren, wo  Friede nottut. Aber Gott sei Dank ist auch anderes nicht vorbei am Aschermittwoch: 

Gott sei Dank ist meine Freude auf den nächsten Tag meines Lebens nicht vorbei. Nicht vorbei ist das Staunen über die Natur, die auch in diesem Jahr ins Frühjahr aufbrechen will. Nicht vorbei ist die Liebe zum dem Menschen, der zu mir hält, auch wenn ich es manchmal nicht verdiene… Und nicht vorbei ist die Hoffnung, dass sich die großen Probleme in der Welt doch noch werden lösen lassen.

In diese trotzige Fröhlichkeit könnte sich auch das Kirchenjahr einreihen... Doch es schlägt einen völlig anderen Ton an. Und zwar nicht erst nach dem Aschermittwoch, sondern schon heute. Mitten in die karnevalistische Ausgelassenheit platzt ein Text aus dem Markus-Evangelium der Bibel. Es handelt sich um die sogenannte erste Ankündigung des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu.

 

Sprecherin: Markus 8, 31-37

Danach begann Jesus den Jüngern klar zu machen, was Gott mit ihm vorhatte: dass der Menschensohn vieles erleiden und von den Ratsäl­testen, den führenden Priestern und den Gesetzeslehrern verworfen werden müsse, dass er getötet werden und nach drei Tagen auferstehen müsse. Jesus sagte ihnen dieses ganz offen. Da nahm Petrus ihn beiseite, fuhr ihn an und wollte ihm das ausreden. Aber Jesus wandte sich um, sah die anderen Jünger und wies Petrus scharf zurecht. „Geh weg!“, sagte er. „Hinter mich, an deinen Platz, du Satan! Deine Gedanken stammen nicht von Gott, sie sind typisch menschlich.“ Dann rief Jesus die ganze Menschenmenge hinzu und sagte: „Wer mir folgen will, muss sich und seine Wünsche aufgeben, sein Kreuz auf sich nehmen und auf meinem Weg hinter mir hergehen. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Aber wer sein Le­ben wegen mir und wegen der Guten Nachricht verliert, wird es retten. Was hat ein Mensch davon, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber zu­letzt sein Leben verliert? Womit will er es dann zurückkaufen?“

 

Musik 3: Track 12 „Reprise II“ von CD: 360°, Interpret: Johannes Falk, Florian Sitzmann, Andie Mette, David Mette, Christoph Carl, Komponist: Johannes Falk, Florian Sitzmann; Gerth Medien, Asslar 2013; LC-Nr.: 13743.

 

Autor: In der Tat scheint in diesem Text schon die Passionszeit zu beginnen. Eben noch hatte im Markus-Evangelium Petrus zu Jesus die gro­ßen Worte gesprochen: „Du bist der Christus!“, und auf einmal geht es um Leiden, um Kreuz und Sterben. Drastisch wird hier deutlich gemacht, dass Jesus der Sohn Gottes, der Erlöser der Welt ist. Aber nur als der, der durch das Leiden gegangen ist, kommt er zum Ziel. Er ist der Sohn Gottes, aber er teilt als der Menschen­sohn das Schicksal der Gefolterten dieser Welt.

Drei Tage vor Aschermittwoch sträubt sich das Evan­gelium gegen die Brandung des allgemeinen Frohsinns. Keine Fröhlichkeit und keine Ausgelassenheit werden hier verbreitet, sondern düstere Gedanken an Leben und Tod verderben mir die Stimmung.

Das alles wäre ja vielleicht noch aus­zuhalten, wenn da nicht auch noch der zweite Teil unse­res Textes wäre: Die Jünger sollen ihm auf diesem Weg folgen. Jesus wird nicht der Einzige bleiben, der das Kreuz zu tragen hat. Von denen, die an ihm hängen, erwartet er, dass sie in seinen Fußstapfen seinem Beispiel folgen.  „Sich selbst verleugnen“, wie es bei Martin Luther heißt: Wer wird das tun wollen in einer Zeit und in einer Welt, in der alle danach streben, sich selbst zu finden und zu verwirklichen?

Freilich: der Blick in die Geschichte zeigt, dass es immer mal wieder einzelne Menschen gegeben hat, die diesen radikalen Weg als den ihren identifiziert haben. Der Theologe und Pfarrer Dietrich Bonhoeffer war so einer. Er hat seinen Glauben und sein Gewissen bis hin zum gewaltsamen Tod durch die Nationalsozialisten durchgehalten. Mir selbst sind die Stiefel einer wörtlich verstandenen Nachfolge schon immer mehrere Nummern zu groß gewesen. Ma versuche in der Regel eher, einen Weg zu finden, der beides miteinander vereinbart: Das Genießen dieses Lebens, die Freude am Dasein mit seinen schönen und mit seinen problematischen Seiten – und zugleich mit dem Vertrauen auf eine Kraft, die wir „Gott“ nennen, eine Orientierung zu haben, die durch’s Leben hilft!

 

Musik 4 = Musik 3:

 

Autor: Wenn die schönen, die genussvollen Erfahrungen mein Leben dominieren, dann kann ich trefflich über den Sinn meines Lebens philosophieren! Aber wehe, wenn sich andere Erfahrungen einstellen, wehe, wenn das Hochglanzbild Risse oder gar Brüche bekommt, wenn Krankheit mein Lebensgefühl auf den Kopf stellt, wenn Misserfolge mir die Zukunft platzen lassen, wenn das, was ich für mein Leben hielt, plötzlich wie ein Trümmerfeld vor mir liegt. Wie kann Gott das zulassen, was mit mir und meinem Leben geschieht? Warum ist mir dies und das passiert? Und wie soll es jetzt weitergehen? Bohrende Fragen, wenn auf einmal vorzeitig Ascher­mittwoch ist, wenn alles vorbei scheint, was mein Le­ben ausgemacht hatte. Oder wenn ich Angst habe, nicht mehr mitzukommen mit dem allgemeinen Tempo um mich herum. Da bekommt das Wort vom „Abstellgleis“ eine neue, persönliche Bedeutung. Täglich müssen die Abstellgleise in unserer Gesellschaft erweitert werden, auf denen die alten, die langsamen, die ausgemusterten Waggons stehen. Sie warten auf etwas Glück und schauen staunend zu, wie die Intercity-Züge immer schneller an ihnen vorbeirasen. Und es wird erwartet, dass sie gefälligst applaudieren. Die Kleinen, die Aussortierten, die Austherapierten, die Langsamen, die Ausgeschnauften – alle, die nicht mehr mitkommen.

 

Musik 5 = Musik 3:

 

Autor: Mir liegt seit Jahren ein Lied am Herzen. Ein Lied, das mein Leben vor mir ausspannt, das vor mir ausbreitet, was Mensch sein bedeutet. Mich abholt in meiner eigenen Gefühlswelt. In schlichten Tätigkeitsworten, die ich aus meinem Leben wiedererkenne.  Eines der erfolgreichsten deutschen Lieder der jüngeren Vergangenheit: Die Ballade mit dem Titel „Mensch“ von Herbert Grönemeyer. Ihre letzten Zeilen lauten:

 

Musik 6: Track 1 „Mensch“ von CD: Mensch, Interpret: Herbert Grönemeyer, Alex Silva, Armin Rühl, Alfred Kritzer, Marie Grönemeyer, Dodo Nkishi, Komponist: Herbert Grönemeyer; Grönland Records, Berlin 2002; LC-Nr. 01387


Autor: Dieses Lied weiß davon, erzählt davon, dass Nähe und Schmerz, dass Leiden und Lieben zu unserer Existenz gehören. Herbert Grönemeyer singt ja nicht gerade „schön“, aber vielleicht deshalb nehme ich ihm die Bot­schaft ab, weil zu spüren ist, dass seine Worte durch sein Leben hindurchgegangen sind, dass eigenes Erleben hinter diesen Worten steckt. Ein Mensch, der selbst durch Leiden gegangen ist, der den Tod nächster Angehöriger verkraften musste, singt anders vom Leben als jemand, der das Glück hatte, noch nicht vom Schicksal gebeutelt worden zu sein. Ein Mensch, der durch das Leiden gegangen ist, braucht das Leiden nicht zu verdrängen, sondern nimmt auch da noch Nähe wahr, menschliche Nähe, aber auch die Nähe Gottes.

Jesus, in dem uns Gott hautnah kommt, zeigt, dass es Menschsein nicht anders gibt als auf dem Weg der Liebe, der Nähe zueinander und darum auch auf dem Weg des Lei­dens. Er selbst muss es aushalten, sterblich zu sein und der Willkür der Menschen ausgeliefert zu werden. Es ist ja keineswegs die pure Lust am Leiden, die ihn treibt, sondern der Wille, in die Tiefen unserer Existenz zu gehen und seine Liebe durchzuhalten bis zum Ende. Und so macht auch mich erst die Auseinandersetzung mit den schweren Seiten meines Lebens zum Menschen, zum Ebenbild Gottes. So bedenken wir in der Passionszeit auch, was das Leiden in unserem eigenen Leben bedeutet und wie wir auf die, die leiden, zugehen können.

Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Passion ist Teil des Kirchenjahrs und Teil unseres Le­bens. Denen, die feiern wollen, wird nicht die Freude verdor­ben. Wir halten aber fest, dass das Leben sich nicht darin erschöpft. Trauer und Schmerz sind keine Erfahrungen, die uns von Gott trennen.

 

Musik 7 = Musik 6:

 

Autor: Im Kämpfen und Irren, Lieben und Hoffen, im Mitfüh­len und Vergeben sind wir Mensch und darin ist auch Gott Mensch. In solchen Lebenserfahrungen ist er nahe, auch wenn wir meinen, er sei uns fremd. Nichts ist vorbei, wenn ein schwerer Weg beginnt. Wenn ich die Kontrolle abgebe, werde ich Kraft und Stärke emp­fangen. Wenn ich mich aus der Hand gebe, werde ich mich gehalten spüren. Wenn ich vertraue, werde ich erfahren, dass Mächte, die sich be­drohlich vor mir aufgebaut haben, ihre Macht verlieren.

D’r Zooch kütt, … Heute und morgen gibt es viele Prozessionen der guten Laune.

Ich fühle mich von meinem Glauben eingeladen, mein ganzes Leben als eine Prozession der Zuversicht zu verstehen. Gott sei Dank!

 

Musik 8: “O happy Day“, Tonträgertitel: Rock Times, Vol. 8-1969/70 aus der Serie: 36 Jahre Rockgeschichte, Komponist: Hawkins, Edwin R, Chor: The Edwin Hawkins Singers: Labelcode: 07684, Label: AUDIO Verlag: B. Feldman/T/AS HEC Music,  Bestellnummer: 2700028 EAN: 4010427000282.

 

Ich wünsche Ihnen tolle Tage – nicht nur zur Karnevalszeit, Ihr Pfarrer Michael Opitz aus Düsseldorf.

 

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

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