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Kirche in WDR 5 | 18.03.2019 | 06:55 Uhr

Anspruch und Zuspruch

Anspruch und Zuspruch

Meine Tochter war stinkig. Ich hab das aus dem Arbeitszimmer gehört. Sie hat geschimpft und gegrummelt. Ich dachte mir: Bau sie auf. Und nachdem es in ihrem Zimmer etwas ruhiger geworden war, bin ich rüber, hab vorsichtig an die Türe geklopft und dann rein in ihr Zimmer. Sie lag auf dem Bett – das Gesicht ins Kissen gedrückt. Und als sie hörte, wie ich die Tür öffne, nuschelte sie eine ebenso unmissverständliche wie eindeutig – sagen wir – „sprachlich nicht angemessene“ Aufforderung, den Raum doch wieder zu verlassen. Ich habe das ignorierte, sie trotzdem angesprochen und gemerkt, wie sie ein wenig zusammenzuckte. Wenig später dann – ich war wieder zurück in meinem Büro – ist sie zu mir gekommen. Hat ihren Kopf an meine Schulter gelegt, verlegen gelacht und gesagt: „Ich weiß ja, dass es das nicht besser macht – aber als Du gerade ins Zimmer kamst, dachte ich, es wäre mein Bruder. Zu dir hätte ich so etwas nie gesagt …“ Wir sind uns einig gewesen: Das machte es in der Tat nicht besser. Aber wir sind uns auch einig gewesen, dass es damit denn auch gut ist.

Später dann ist mir aufgefallen, was für eine wunderbare – sagen wir ruhig: Lektion mir meine Tochter da gerade erteilt hatte. Weil ich das nämlich auch von mir kenne, das ich manchmal viel zu wenig darüber nachdenke, mit wem ich gerade spreche. Und damit meine ich jetzt nicht irgendein obrigkeitshöriges Verhalten gegenüber Vorgesetzten oder Höhergestellten. Aber würde ich mich so verhalten, wie ich es gerade tue, wenn da nicht der Bekannte aus dem Ort – sondern mein Vater vor mir stünde? Wenn das nicht die Arbeitskollegin wäre – sondern meine Frau?

Und das Ganze jetzt mal noch eine Spur weiter gedreht – weil ich ja überzeugt bin, dass wir alle nach Gottes Ebenbild geschaffen sind. Aber wenn das so ist, wenn in jedem von uns das Antlitz des Allmächtigen strahlt, wenn wir alle ein wenig von der Göttlichkeit unseres Vaters im Himmel in uns tragen, wir alle seine Kinder sind und wenn wir dem lieben Gott tatsächlich immerfort im Anderen begegnen – wenn wir das alles wirklich ernst nehmen … ja, dann macht es das eigentlich nicht besser, wie meine Tochter sagen würde, ob wir uns dem anderen gegenüber schlecht verhalten oder direkt gegenüber Gott.

Vor dem Hintergrund der ganzen vielen kleinen und großen Schlechtigkeiten, die ich so tagein, tagaus zeige, müsste mir das nun eigentlich Sorge bereiten. Weil ich ziemlich häufig gerade nicht den lieben Gott im Anderen sehe. Sondern nur den Typen, der mich ärgert. Oder den Kollegen, der mich nervt. Es müsste mich also beunruhigen, wenn ich im Anderen das Göttliche nicht sehe – und mich auch nicht so verhalte. Tut es aber nicht. Weil diese Aufforderung, dieser Anspruch im anderen eine Schwester oder einen Bruder zu sehen nur die eine Seite der Medaille ist. Die andere Seite nämlich ist geprägt von schier unerschöpflichem Zuspruch – von Liebe und Güte, von Barmherzigkeit und Gnade. Der liebe Gott verzeiht. Immer wieder. Da ist also Anspruch und Zuspruch. Und damit lässt sich eigentlich gut leben: In diesem Wissen, immer trotzdem gewollt und geliebt zu sein. Nicht, um mich darin einzurichten. Aber um mich immer wieder daran aufzurichten.

Ich wünsche Ihnen, dass sie das auch können und gut in diese Woche kommen. Ihr Diakon Claudius Rosenthal aus Altenwenden.

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