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Das Geistliche Wort | 29.09.2019 | 08:40 Uhr

Arm dran oder reich beschenkt-ein Grund, an Gott zu zweifeln?

Guten Morgen!

Arm dran – das sind nicht wenige Menschen in unserer Gesellschaft!

Zum Beispiel die im Krankenhaus liegen und verzweifeln, weil sie nicht mehr gesundwerden können, die große Schmerzen haben und denen kein Arzt und keine Therapie mehr helfen kann. 

Arm dran sind die, die eine winzige Rente haben und nicht wissen, wie sie überhaupt über die Runden kommen sollen oder auch, die ohne eigene Schuld in einer Beziehung allein gelassen worden sind.

Arm dran sind Menschen, die sich allein oder einsam fühlen und die niemand besucht. Für sie ist jeder Tag wie der andere, eintönig und leer.

Jeder von uns kennt in dem einen oder anderen Sinne sicherlich einen Menschen, der arm dran ist und der schnell bedauert wird: Armer Kerl! Mit dem möchte ich nicht tauschen! Der tut mir leid! Was für ein Schicksal! Oh je, bei dem kommt’s dicke!

Aber neben dem Bedauern stellt sich mir die Frage: Warum müssen Menschen arm dran sein? Wieso gibt es in unserer Gesellschaft, in unserer Zeit, in unserer Welt Menschen, die arm dran sind? 

Warum sind Menschen arm dran? Solche Fragen stellen nicht nur Menschen heute. Diese Fragen haben Menschen zu allen Zeiten gestellt. Und wenn es Menschen waren, denen Gott irgendwas bedeutete, dann war das für sie oft ein Grund, an Gott zu zweifeln oder sogar zu verzweifeln

Noch grundsätzlicher gefragt: Wie kann Gott, der doch gütig und barmherzig ist, es zulassen, dass Menschen leiden, Schmerzen haben, bettelarm sind, sich einsam und verlassen fühlen? Das will doch Gott nicht! Das war doch nicht sein Plan, als er die Schöpfung „sehr gut“ gemacht hat, wie es in der Bibel heißt. Wie kann es eine Welt geben, in der es Menschen schlecht geht?

Wenn man so fragt und noch weiterdenkt, kann man anfangen, daran zu zweifeln – ob es Gott überhaupt gibt. Die Not des Menschen ist und bleibt die größte Anfrage und Anklage gegen Gott.

Heute wird in den Gottesdiensten der katholischen Kirche von einem Menschen berichtet, der „arm dran“ ist. Er heißt Lazarus und ist wirklich arm. Er muss unglaubliche Schmerzen erleiden und sein ganzer Leib ist voller Geschwüre. Und als wenn das nicht reicht, hat er auch unsäglichen Hunger und er kann sich kaum bewegen. Er siecht dahin. Und das Fatale an der ganzen Geschichte: Er liegt mit seinem ganzen Elend vor der Tür eines Reichen und der ignoriert ihn!

Mir scheint das überhaupt ein Grunddrama unserer Welt zu sein: Hier Reichtum, Vergnügen, Spaß, Party, Luxus und purer Genuss – und vor der Haustür Krankheit, Leid, Schmerzen, Armut und Not. Und mit der Haustür meine ich nicht nur die Eingangstür meines Hauses, sondern auch die Grenzen unseres wohlhabenden Landes und des reichen Europas.

Warum bin ich im Wohlstand groß geworden und warum hungern Millionen andere Menschen? Lazarus liegt immer noch vor der Tür des reichen Mannes und wird ignoriert. Ich weiß: Dieses Problem gibt es solange Menschen existieren. Und damit bleibt die quälende Frage: Wie kann ein solches Unrecht, ein so krasser Gegensatz zusammen gehen mit einem Gott, der die Rettung und die Erlösung des Menschen will, ja, der „das Leben in Fülle“ will? Ich kriege das nicht zusammen!

Der weitere biblische Text gewährt nun einen Einblick, der Gott eine bestimmte Rolle zuweist und zwar als Richter. Damit wird zwar nicht die Frage beantwortet, warum es das Leiden gibt auf der Welt, aber es wird die Verantwortung der Menschen betont, füreinander da zu sein. Da heißt es: Lazarus stirbt und wird in Abrahams Schoß geborgen. Er wird sozusagen von Gott umarmt und bekommt all das, was er zu Lebzeiten entbehren musste. Auch der reiche Prasser stirbt und kommt in die Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen leidet.

Aha – so kann man jetzt denken: Es gibt doch einen Gott. Und dieser Gott übt dann Gerechtigkeit. Denn nach diesem Leben wird jeder für seine Leiden ausgleichend belohnt und jeder für seine verschwenderische Ignoranz gerecht bestraft.

Damit ist zwar die Frage nicht beantwortet, warum Gott das Leiden überhaupt erst zulässt, aber immerhin kann man sagen: Gott gibt es und er gleicht am Ende die Sache dann doch noch irgendwie schon wieder aus. Gut so.

Eigentlich könnte die Frage nach Gott angesichts des Unrechts in dieser Welt erledigt sein, wenn man Gott nur die Rolle eines Richters gibt, der am Ende der Zeiten Gerechtigkeit walten lässt.

Aber bei dieser Vorstellung bleibt mir ein bitterer Beigeschmack: Nämlich jener, der Gott dann bloß auf den effizienten Richter reduziert, der am Ende irgendwie jeden nach seiner irdischen Lebensweise beurteilt. Das ist allerdings nicht der Gott, von dem Jesus Christus gesprochen und den er mit jeder Faser seines Herzens verkündet hat.

Am Ende der biblischen Erzählung vom armen Lazarus und dem reichen Prasser geht es um etwas Anderes: Es geht nämlich um ein Urübel, ja sagen wir es ruhig, um die Ursünde. Und die lässt sich am Verhalten des reichen Prassers ablesen. Er ist ignorant gegenüber dem, was sich vor seinen Augen abspielt. Anders formuliert: Der Mensch ist ignorant Gott gegenüber! Der Mensch marginalisiert Gott zu irgendeiner unbedeutenden Sache. Denn nach der Vorstellung Jesu, begegnet mir Gott in jedem Menschen: „Was ihr für einen meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“, heißt es an anderer Stelle im Neuen Testament (nach Mt 25,40). Wer wirklich an Gottes Gegenwart und Barmherzigkeit glaubt, der kann in dieser Welt nicht an der Not der Armen, der Leidenden, der Schmerzerfüllten, der Schicksalsgeplagten vorbeigehen, weil in ihnen Gott selbst mitleidet.

Die Geschichte vom armen Lazarus und dem reichen Prasser verurteilt nicht den Reichtum. Nein, sie kritisiert die Haltung des Prassers, der den armen Lazarus ignoriert. Vorbeisehen gilt nicht: Verurteilt wird, dass der reiche Mann am Schicksal des Armen keinen Anteil nimmt, ihm weder Zuwendung spendet noch Trost, ihm nicht seine Wunden wäscht und ihm Nahrung gibt, sondern einfach vorbeigeht.

Mit dem Armen wird eigentlich Gott ignoriert. Darin spiegelt sich das wieder, was schon das erste Buch der Bibel berichtet direkt nach dem Schöpfungswerk: Der Mensch ignoriert Gott, der ihm geboten hat, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen.

Die so genannte Sündenfallgeschichte macht deutlich: Die große Versuchung des Menschen besteht darin, Gott zu ignorieren, Gott draußen zu halten. Ganz nach dem Motto: Ich brauche ihn nicht ernst zu nehmen. Das, was Gott von mir will, kann ich links liegen lassen.

Gott aber möchte wahrgenommen werden und das nicht bloß in Geboten und Verboten, sondern in jedem Menschen. Das heißt: Er will nicht das Schicksal der Menschen, die arm dran sind. Gott will keine leidenden und armen Menschen. Gott will eine gerechte Welt und will die Welt zum Guten verändern. Allerdings will er die Veränderung dieser Welt nicht ohne uns! Er will Menschen befähigen und ihnen die Kraft schenken, dass sie selbst diese Welt zum Guten hin verändern und zwar aus der Freundschaft mit ihm. Deswegen darf es in dieser Welt keine Ignoranz geben, Ignoranz den Armen und Leidenden gegenüber und damit Ignoranz Gott gegenüber, der in jedem Menschen gegenwärtig ist. Gott will das Leben in Fülle – für jeden Menschen. Und er braucht sie und mich, damit die Welt gerechter wird.

Wie wäre es, daraufhin einmal mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Den Obdachlosen als Abbild Gottes zu sehen, dem Flüchtling wie Christus zu begegnen, und den Notleidenden als Gottes Zumutung und Zutrauen an mich verstehen? Ich weiß – dieser Blick kann verstörend sein, kann provozieren und stellt mich in Frage.

Aber wäre ich nicht arm dran, wenn Gott sich mir nicht zuwenden würde, im Nächsten, der mir begegnet?

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag mit vielen Begegnungen,

Ihr Mike Kolb     

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