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Das Geistliche Wort | 28.03.2021 | 08:40 Uhr

Auf Heldenreise

Autorin: „Es war einmal in einem fernen Land in einer anderen Zeit, als du noch nicht geboren warst...“ So fangen sie an, die Geschichten, die die Menschheit erzählt, seitdem sie sprechen kann. Menschen erzählen - Geschichten von Gott und der Welt, Geschichten vom Leben. Menschen erzählten Geschichten von Krisen, Geschichten von Heldinnen und Helden. Bald erzählten sie von der Entstehung der Welt und der Menschen – alte Geschichten, die zwar nicht das enthalten, was wir Fakten nennen, die aber ordnend waren und Sinn stifteten.

 

Musik 1: The Woman he loves, von CD: Doctor Who - Series 9 (Original Television Soundtrack 2018, BBC), CD 4/ Track 13, Music: Murray Gold; Jack Sugden, Label: Silvia Screen Records, LC: 07371, EAN: 738572152024, Amazon.com Song ID: 296011430.

 

Autorin: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer.

Heute möchte ich mit Ihnen eine Reise machen ins Land der Geschichten. Ich will mit Ihnen Geschichten auf die Spur kommen, wie sie entlasten und einen Sinn ergeben, wie sie Halt geben, wenn uns alles zu entgleiten droht. Ich möchte mit Ihnen eigenen Geschichten auf die Spur kommen, die wir über unser Leben erzählen, um schließlich bei der Geschichte zu landen, in der für uns als Christinnen und Christen alle Geschichten aufgehoben sind.

 

Alles, was man erzählen kann, kommt in Fluss, kann in den Fluss der Zeit eingehen, Vergangenheit werden. Alles, was man erzählen kann, ordnet sich in heilsamer Weise, bekommt einen Anfang und ein Ende, wird angeordnet in Raum und Zeit. Geschichten werden so lange erzählt, bis endlich alles passt.

So braucht es das Gehirn: Die vielen Sinneseindrücke und Bilder, die Ereignisse und Gedanken überfluten das Gehirn und verwirren sich – Information Overkill. Es läuft heiß in unserem Kopf, bis sich alles zu einer Geschichte geordnet hat. Das Gehirn sucht Anfang und Ende, will einordnen in Raum und Zeit, einen Spannungsbogen schaffen und einen Sinn verstehen.

Es will einfach, dass alles passt, dass es eine Geschichte ergibt. Es arbeitet auf Hochtouren, sammelt und gestaltet neu, schafft architektonische Meisterwerke. Erst, wenn alles passt, kommt es zur Ruhe.

In diesem Rahmen kann das Gehirn dann viel zulassen, weil es ja weiß, dass es am Ende passt. In diesem Rahmen darf es Widersprüche geben, alle möglichen Prüfungen und Schrecklichkeiten, Streit und Auseinandersetzungen. In diesem Rahmen kommen Leid und Mitgefühl in Fluss. Und am Ende ist alles gut.

 

Musik 2: The Awakening, von CD: The Awakening (1994), Track 1, Musik: Jan Erik Noske, Label: Pandora Productions, JENCD 0003.

 

Autorin: Wo das Gehirn keine Geschichte bilden kann, muss es abspalten, verdrängen. Es legt das Material zur Seite, das nicht passt. Nur: Das Gehirn kann nicht Nicht-Merken: Jetzt rumort es unter der Oberfläche des Bewusstseins. Eindrücke aus vergangenen Zeiten führen dort ihr Unwesen. Die gehen nicht in den Fluss der Zeit ein, können nicht Vergangenheit werden, denn sie sind nicht eingeordnet in Raum und Zeit.

Wo dann doch ungeordnete Bruchstücke nach oben gespült werden, sind die nicht bewältigt, nicht Vergangenheit geworden und bestimmen die Gegenwart wie ein Spuk. irgendwelche Hinweisreize spülen alten Mist an die Oberfläche, lassen Gegenwart in altem Schrecken gefrieren. Altes Weh liegt im Gehirn auf Wiedervorlage, muss solange wiederholt werden, bis es endlich passt – bis eine Geschichte entstanden ist, die man mit Wehmut erzählt: eine heilsame Erinnerung.

 

Das Gehirn braucht diese Geschichten. Wir konstruieren aus einzelnen Ereignissen, aus Versatzstücken der Realität unsere Wirklichkeit, unsere subjektive Geschichte, die wir von nun an für wahr halten. Denn dem Gehirn ist es egal, ob es der Wahrheit entspricht.

Stimmig soll es sein: eine Geschichte mit Sinn und Verstand, mit Anfang und Ende. Einen Bogen soll sie spannen und am Ende Vergangenheit sein und zur Ruhe kommen. Solange das Gehirn arbeitet und konstruiert, ist es verschwenderisch und braucht es richtig viel Energie. Das darf kein Dauerzustand sein. Wenn alles passt, kommt es zur Ruhe und ist wieder genügsam.

 

So, wie wir Geschichten erzählen von Gott und der Welt und dem Leben, so konstruieren wir auch unsere eigene Geschichte: unsere Biographie, unsere Identität. Wir wollen von unseren Wurzeln erzählen können, davon, wie wir Krisen gemeistert und Probleme bewältigt haben.

Wir erzählen von Überlebensstrategien und Heldentaten. Das Gedächtnis zu verlieren, keine Geschichten von sich erzählen zu können, gehört zu den verstörtesten Erfahrungen, die wir kennen. Die eigenen Wurzeln, die eignen Eltern kennen zu lernen, scheint unbedingt wichtig für Kinder. Wo die Geschichte, die wir von uns erzählen stimmig ist, da ist das Leben im Fluss, da können alte Kümmernisse abfließen und Vergangenheit werden. Da können wir versöhnlich erzählen, auch wenn die Bilder schrecklich sind, da können wir Sinn zuordnen, können Raum für neue Geschichten schaffen jenseits von quälenden Wiederholungen. Da können wir auf den Spuren der Vergangenheit Mut zu neuem Leben finden. Da wird jedes Leben zur Heldenreise: zur Auseinandersetzung des Helden oder der Heldin mit Problemen und Schwierigkeiten – unter Entbehrungen, aus denen man am Ende gereift hervorgeht.

 

Ich frage mich, welche Geschichten Sie von Ihrem Leben erzählen können? Welche erzählen Sie besonders gern – von Ihrer eigenen Heldenreise auf dieser Welt?

 

Musik 3: The Shepherd's Boy, von CD: Doctor Who - Series 9 (Original Television Soundtrack 2018, BBC), CD 3/ Track 14, Music: Murray Gold; Jack Sugden, Label: Silvia Screen Records, LC: 07371, EAN: 738572152024, Amazon.com Song ID: 296011421.

 

Autorin: Wo keine Geschichte erzählt werden kann, kommt das Leben ins Stocken, wird das Gehirn fahrig und verwirrt, weil es eben nicht stimmt. Alpträume zeugen von verzweifelten Versuchen des Gehirns, etwas zu sortieren und zu Ende zu bringen. Schlimme Dinge aus der Vergangenheit tauchen wieder auf. Arbeit an der eigenen Biographie kann jetzt helfen, nach den eigenen Wurzeln graben. Erst wenn die alten Geschichten erzählt sind, können sie Vergangenheit werden und neuen Geschichten Platz machen.

 

Da, wo sich die eigene Geschichte sperrt und nichts zu passen scheint, da können andere Geschichten helfen, die eigene Wirklichkeit neu zu konstruieren, eine neue Geschichte für meine eigene Realität zu finden - Geschichten, die eine neue Perspektive anbieten, Baumaterial für die eigene Konstruktion. Auch in Pädagogik und Beratung werden Geschichten erzählt von anderen Menschen oder von kleinen Tieren, von echten Helden und Heldinnen des Alltags eben.

„So, wie es dem kleinen Bären gegangen ist, könnte es auch bei mir gewesen sein.“ Und plötzlich ergeben die schmerzenden Splitter in meinem Leben einen Sinn. Ich weiß es nicht mit absoluter Sicherheit, aber es ist stimmig, und endlich kommt es zur Ruhe.

 

„Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende!“ Dieses Wort, das mal dem brasilianischen Schriftsteller Fernando Sabino, mal Oscar Wilde oder John Lennon zugeschrieben wird, beschreibt die Logik dieser Geschichten.

 

Ich frage mich, ob es Geschichten gibt, die Ihnen geholfen haben, sich selbst besser zu verstehen, die Baumaterial geworden sind für Ihre eigene Geschichte?

 

Musik 4 = Musik 3

 

Autorin: Heute stehen wir am Beginn einer Woche, in der die Geschichte aller Geschichten erzählt wird: die Geschichte, in der die anderen Geschichten zur Ruhe kommen. In der Geschichte der Karwoche können die anderen Geschichten ihren Sinn finden und aufgehoben sein.

Es ist die Geschichte, in der am Ende alles passt, auch wenn es eine grausame Geschichte ist. An Ostern kann auch die Geschichte der Passion, die Palmsonntag beginnt, zu einem Ende kommen, kann die Erstarrung des Karfreitages wieder in Fluss kommen, kann neue Geschichten aus sich heraussetzen, kann Motiv und Antrieb für unsere Geschichten werden.

 

Wir Christinnen und Christen erinnern uns an die letzte Woche im irdischen Leben des Jesu von Nazareth. Alles, was das Leben Jesu ausgemacht hat, alles, was ihm wichtig war, läuft in dieser Woche auf den entscheidenden Höhepunkt zu: auf das Ende der gefrorenen Angst und der Normalität des Unmenschlichen.

 

Jesus ist zum Passahfest mit seinen Freunden und Anhängern nach Jerusalem gekommen. Sie wollen das Passahfest feiern, die Erinnerung daran, dass Gott das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten errettet hat.

Aber nicht irgendwie sind sie nach Jerusalem gekommen, sie haben angeknüpft an eine uralte Geschichte. Auf einen Esel soll der Retter Israels reiten. Und genau das tut Jesus. Die Menschen haben schnell verstanden. Sie knüpfen Hoffnungen an diesen Jesus von Nazareth. Jetzt endlich kommt der, der sie befreien soll. Der die Diktatur der Römer beendet. Der die Ehre des Volkes wiederherstellt. Der Ordnung schafft mit Macht.

So sammeln sich die Menschen auf den Straßen. Sie wollen dabei sein, wenn eine neue Geschichte geschrieben wird. „Hosianna“, rufen sie, „Gelobt sein, der da kommt!“ Sie jubeln und schmücken die Straßen mit Palmwedeln. die Begeisterung des Mobs auf der Straße wird nicht lange anhalten. Ein Jesus, der weder politisch noch machtvoll agiert, passt nicht ins Bild. Irritation im Gehirn – Stress, weil nichts mehr passt. Enttäuschte Gesichter.

Schon fünf Tage später wird der Mob vor Pilatus stehen und „Kreuzige ihn!“ schreien.

 

Musik 5 = Musik 1

 

Autorin: Solange es nicht stimmig ist, bleibt das Gehirn unter Druck. Wilde Konstruktionen und Theorien versprechen Erfolg und führen dann doch nicht zu Entlastung. Widersprechende Geschichten wechseln – „Hosianna und „Kreuzige ihn“ –, ohne dass es stimmig und am Ende gut ist.

 

So entstehen Geschichten von Hass und Abwertung.

Geschichten, die nicht heilsam sind, die nie zur Ruhe kommen und sich immer wiederholen. Zerstörerische Geschichten: Verschwörungstheorien, Mobbing und Verleumdung. Immer wieder wird versucht, Stimmigkeit in einer komplexen Welt durch einfache Lösungen und Schuldzuweisungen zu erreichen. Das kennen wir auch heute.

Geschichten und wilde Konstruktionen, die erst einmal erfolgreich sind, weil alles zu passen scheint, auch wenn nichts real ist und schon gar nicht gut am Ende.

Geschichten, die Stimmigkeit mit Gewalt erreichen wollen, mit dem „Kreuzige ihn! Schluss mit den Gedanken eines verklärten Wanderpredigers, die nicht in diese Welt des normativ Faktischen passen. Schluss! Aus! Basta!“

Schon scheint Karfreitag am Kreuz alles im Schrecken zu erstarren, in Grausamkeit festgefroren. Bis Ostern deutlich wird, dass die Liebe und die Menschenfreundlichkeit Gottes nicht totzukriegen sind. Alles kommt wieder in Fluss.

 

Diese Woche erzählt für uns Christinnen und Christen die Geschichte, die die Geschichte aller Geschichten ist. Sie erzählt von Verzweiflung und roher Gewalt. Das weiterzuerzählen bedeutet, es nicht wiederholen zu müssen. Diese Woche erzählt von Tod und Auferstehung Jesu, von einem menschenfreundlichen Gott, vom Ende der Idee, dass Menschenopfer Sinn machen. Am Ende ist alles gut. Und diese große Geschichte Gottes mit den Menschen kann den Rahmen bilden für unsere Geschichten, für lauter einmalige Heldenreisen, wo am Ende alles gut ist.

 

Musik 6 = Musik 2

 

Autorin: Wenn Sie jetzt durch diese Woche gehen mit der Geschichte der Geschichten, mit der Passions- und Ostergeschichte, dann wünsche ich Ihnen, dass das eine Stärkung sein kann für Ihre ganz persönliche Geschichte, für Ihre eigene Heldenreise. Auch an ihrem Ende wird alles gut sein.

 

 

Ihre Sabine Haupt-Scherer aus Bielefeld.

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