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Das Geistliche Wort | 27.01.2019 | 08:35 Uhr

Auschwitz

Guten Morgen!

Sich zu erinnern, ist manchmal gar nicht so einfach. Es gibt bestimmte Sachen, an die ich mich deshalb nicht mehr erinnere, weil ich sie verdrängt habe, die mir unangenehm sind – meine Fehler zum Beispiel. Es gibt aber auch eine Art der systematischen Verdrängung und die habe ich als Kind und Jugendlicher erlebt, als es nämlich um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus ging. Allerdings ist heute ein Tag, an dem darüber gesprochen werden muss. Heute ist der Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Russen, der seit 1996 auch deutscher Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus heißt.

Musik I

Heute vor 74 Jahren haben russische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Ich bin zu jung, um Zeitzeuge zu sein, ich bin Jahrgang 1960. Aber ich habe mit meinen Eltern versucht darüber zu sprechen, die beide inzwischen auch schon verstorben sind. Ich wollte wissen, wie sie den Nationalsozialismus erlebt haben, die Gräuel des NS-Regimes: unvorstellbares Leid über Juden, Polen, Sinti und Roma und die vielen anderen Kriegsopfer.

Mein Vater tat sich schwer mit dem Erinnern. Er war Soldat der deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg. Er hat wie viele seiner Generation – kaum etwas erzählt. Wir durften ab und zu mal seine Durchschüsse an den Beinen und Armen angucken. Und dass wir selten Suppe zu Hause aßen, – das hatte was mit seiner Gefangenschaft nach dem Krieg in Russland zu tun, da gab es halt nur Suppe. Ich weiß nicht, was er genau im Krieg gemacht hat, ich weiß leider bis heute nichts Genaues über seine Einstellung zu den Nationalsozialisten. Ich vermute, er verstand sich wohl einfach als Soldat, der seine Pflicht zu tun hatte. Seine Tapferkeitsorden, die hatte er verwahrt – das einzige, was an den Krieg erinnerte.

Als Jugendlicher versuchte ich meine Mutter auszufragen, wie die Zeit im Krieg denn war. Besonders interessierte mich, was sie davon mitbekommen hatte, dass Juden deportiert wurden und dass ein großes Kaufhaus in unserer Stadt irgendwann den Besitzer wechselte. Sie wusste davon nichts, sie hatte es nicht mitbekommen. Wenn ich als Kind mit ihr einkaufen ging, dann sagte sie immer mit einer besonderen Tonlage: da hat mal ein Jude gewohnt – und mir war das als kleines Kind immer unheimlich: Was ist ein Jude? Auf den Punkt gebracht: Das, was wir heute Erinnerungskultur nennen, das gab es zu meiner Jugendzeit vor vierzig Jahren nicht.

Musik II

Erinnerungskultur: Das meint, dass eine Gesellschaft das Erinnern nicht dem Zufall überlässt. Erinnerungskultur meint, dass es feste Gedenktage gibt. Heute eben der Gedenktag an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Erinnerungskultur: die braucht nicht nur Gedenktage, die braucht auch Gedenkstätten. Es gibt die vielen kleinen Gedenkstätten, die goldenen Stolpersteine. Vor vielen Haustüren Deutschlands erinnern sie an die Menschen, die dort gewohnt haben und von den Nazis drangsaliert oder ermordet wurden. Und mitten in Berlin gibt es eine große Gedenkstätte: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Holocaust Mahnmal. Als ich dann Björn Höcke, Landesvorsitzender der AFD dazu sprechen hörte, war ich entsetzt. Er meint dazu:

Sprecher:

„Wir Deutschen… also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat… Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad… wir brauchen eine lebendige Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zu allererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt."

Ich fürchte, Herr Höcke steht mit seiner Meinung nicht alleine da. Er spricht im Einklang mit all denen, die sagen: „Ach ne, muss das sein, dieses ständige Erinnern an die Nazis. Muss das wirklich sein? Hört doch endlich auf mit dem Erinnern an den Holocaust.“

Ich frage mich: Kann man Geschichte wirklich so einseitig betrachten, so dass nur das Gute, das in Deutschland hervorgebracht wurde, zählt? Ist das nicht auch eine perfide Art der Verdrängung bzw. der Geschichtsklitterung. Was ist denn mit den Opfern deutscher Geschichte? Haben die Opfer nicht ein Recht, bedacht zu werden? Was ist denn mit den vielen, die ihr Leben nicht zu Ende leben konnten? Sollen sie dazu auch noch vergessen werden? Sollen auch die Erinnerungen derer, die die Folgen der Nazi-Herrschaft mit eigenen Augen sahen, auch vergessen werden? Z.B. das, was der russische Major Schapiro sah, als er mit seinen Soldaten in Auschwitz eintraf? Er berichtet:

Sprecher:

„In der zweiten Tageshälfte betraten wir das Lagergelände durch das Tor mit der Überschrift aus Drahtgeflecht: „Arbeit Macht Frei". Es war nicht möglich, die Baracken ohne Mundschutz zu betreten. Auf Holzpritschen stapelten sich die Leichen. Unter den Pritschen krochen bis auf die Knochen abgemagerte Menschen hervor, kaum noch lebendig, und schworen, keine Juden zu sein. Niemand hatte dort noch an eine Befreiung geglaubt."

Dürfen solche Erinnerungen vergessen werden?

Musik III

Dürfen gerade wir Deutschen die Gräuel unserer Geschichte einfach vergessen? Ich sage dazu klar: Nein! Und ich setze mich dafür ein als Schulseelsorger und Religionslehrer an einem katholischen Gymnasium im Duisburger Norden. Wir pflegen an unserer Schule eine Erinnerungskultur, die gerade die Opfer in den Blick nimmt. Gerade erst im November hatten wir eine Überlebende des Holocaust, die israelische Künstlerin Sara Atzmon zu Gast, die den Schülerinnen und Schülern erzählte, was sie als Kind im Konzentrationslager Bergen-Belsen erlebte und wie sie überlebte. Warum nimmt eine 85jährige die Strapazen einer Vortragsreise nach Deutschland auf sich? Weil – so sagt sie – die Schüler verstehen sollen, was Hass anrichten kann.

Noch leben Augenzeugen des Holocausts. Und ihr Blickwinkel ist wichtig, der Blickwinkel der Opfer! Warum? Es geht um Menschenwürde, unverlierbare Menschenwürde und die hat aus meiner Sicht ihr Fundament in biblischen Erzählungen. Im Religionsunterricht thematisiere ich das: Es geht um die Geschichten von der Erschaffung der Welt, die großartige Vorstellung davon, das wir eine einzige Menschheitsfamilie sind, dass jeder Mensch ein Ebenbilder Gottes ist. Mich fasziniert die Geschichte von Noah, mit dem Gott nach der Sintflut einen Bund schließt. Da heißt es nicht: Noah war Christ oder Jude oder Moslem. Nein. Da heißt es: Noah war ein gerechter Mensch. Dann geht es um die Propheten. Sie setzen sich ein für Gerechtigkeit und stehen dabei klar auf der Seite der Armen und Unterdrückten.

Biblische Geschichten haben sich niedergeschlagen in offiziellen kirchlichen Aussagen. Und genau das erarbeite ich mit den Schülerinnen und Schülern in der Oberstufe, wo ich unterrichte: Zentraler Text dabei ist ist die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Da heißt es:

Sprecher:

„Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern… Deshalb verwirft die Kirche jede Diskriminierung eines Menschen oder jeden Gewaltakt gegen ihn um seiner Rasse oder Farbe, seines Standes oder seiner Religion willen, weil dies dem Geist Christi widerspricht.“

Eine klare Ansage.

Musik IV

Erinnerungskultur, die die Opfer in den Blick nimmt und nicht vergisst, ist mehr als reine Erinnerung, ist mehr als bloßes Nicht-Vergessen. Erinnerungskultur lässt eine Haltung entstehen, die die Würde des Anderen achtet – eben auch heute. Sie lässt eine Haltung entstehen, die Unrecht sieht und dagegen einschreitet. Und die vor allem heute auf die Opfer achtet, schützt – besser noch: verhindert, dass es neue Opfer gibt.

Ich denke noch einmal an meine Eltern und ihren Umgang mit dem Nationalsozialismus. Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann weiß ich nicht so recht, ob ich wirklich selbst so viel anders bin als sie, ob ich nicht auch verdränge, wegschaue, nicht wahrnehme. Viel zu leicht ertrage ich doch die Berichte von den Tausenden von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken. Ich verdränge auch, dass es ja mein Reichtum und mein Lebensstil sind, die diese Menschen zu Flüchtlingen machen, die hierher wollen. Ich weiß, dass Millionen Menschen in der Welt verhungern – und was tue ich dagegen? Ich ignoriere die konkrete Tatsache, dass es in Duisburg viel zu wenig Hilfsangebote gibt für die Menschen, die aus Osteuropa gekommen sind und im Norden der Stadt in überfüllten Wohnungen leben. Und es ist nur eine schwache Rechtfertigung, wenn ich sage: Ich kann natürlich nicht bei allen Problemen eingreifen und persönlich helfen. Aber ein erstes geht vielleicht doch: auf Unrecht aufmerksam machen, dafür sensibilisieren, wo Menschenwürde in den Dreck gezogen wird in meinem konkreten Umfeld: in der Schule, da wo ich wohne, bei den Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Und das kann ich heute schon machen hier und jetzt.

Musik V

Aus Duisburg grüßt Sie herzlich Hermann-Josef Grünhage

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