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Das Geistliche Wort | 11.04.2021 | 08:40 Uhr

Barmherzigkeit-Schlüssel zum Leben

 

Sind es harte Zeiten? Seit über einem Jahr sind wir im Corona-Krisenmodus. Das zweite Osterfest auf Abstand liegt hinter der Kirche und dazu ein wahres „Annus horribilis“, was die Aufarbeitung des Missbrauchs anbelangt. Manchmal wundere ich mich, dass der Tonfall in den Debatten noch rauer werden kann – aber mir scheint: Das wird er. Und oft denke ich mir dann: Auf die Haltung kommt es an! Ich denke das, wenn Menschen hartherzig, selbstgerecht und unbarmherzig sind. Denn solche Eigenschaften  begegnen  mir öfter als mir lieb ist – beruflich wie privat, im Kern der Kirche ebenso wie bei Kirchenkritikern. Ich erlebe sie in allen Lagern: rechts oder links, progressiv oder konservativ, liberal oder alternativ. Harte Herzen – in einer harten Zeit?

Musik 1: Wolf Biermann, Du lass dich nicht verhärten

Ich habe ein Problem mit den Hartherzigen. Und ich mag sie weder bei den Einen noch bei den Anderen. Solche und ähnliche Haltungen verbreiten eine miese Stimmung, verpesten das Klima, z. B. wenn jemand über Andere herzieht, kein gutes Haar an den Überzeugungen der Anderen lässt oder diese der Heuchelei bezichtigt. In sich selbst verliebt kritisieren diese Menschen Andere, sich selbst allerdings lassen sie außen vor, sehen den Balken im eigenen Auge nicht. Mich macht das wütend, manchmal auch traurig. Das Einzige, was dabei herauskommt, sind nämlich gegenseitige Vorwürfe und Rechtfertigungen. Wie hilfreich ist dagegen eine andere Haltung, nämlich die des weiten Herzens und der Barmherzigkeit. Neulich hat mir davon eine Frau erzählt. Ich habe sie kennen gelernt in einer Beratung, die ich als Supervisorin hin und wieder gebe. Als junge Erwachsene war sie in eine schwierige Lage geraten, hatte aufgrund ihres Drogenkonsums kein Geld, so dass sie in die Trinkgeldkasse ihrer Einrichtung griff. Der Diebstahl flog auf; sie selbst war noch in der Probezeit; ihre damalige Chefin kündigte ihr nicht. Sie spürte vielmehr die Not der 20-jährigen und suchte mit ihr nach einem Weg aus der Misere. Eine für diese Frau sehr heilsame Erfahrung. Die Barmherzigkeit ihrer Chefin hat der Frau damals geholfen; längst hat sie ihren Weg gefunden und steht heute prima da. Trotzdem bleibt die Frage: Muss nicht jede und jeder auch lernen, sein Handeln zu verantworten, für das gerade zu stehen, was er bzw. sie angerichtet hat? Wo kämen wir dann hin, wenn über jeden Griff in die Kasse, jede Lüge und jeden Betrug einfach hinweggesehen wird? Wir brauchen Normen und Regeln für unser Zusammenleben. Sonst funktioniert es nicht.

Das stimmt. Zugleich gibt es aber wohl im Leben eines jeden Menschen Situationen, da gelten andere Gesetze, da werden die üblichen Regeln außer Kraft gesetzt. Ich erinnere mich z. B. noch heute fast 50 Jahre später, an das Gespräch meiner Mutter mit einer meiner Lehrerinnen eine Lehrerin, die ich immer wieder geärgert und schließlich auch getäuscht hatte. Sie kam zu meiner Mutter, um mein Schwänzen einer Klassenarbeit aufzudecken. Meine Mutter hat mich damals geschützt, was sie allerdings nicht daran gehindert hat, mir anschließend ordentlich „den Marsch“ zu blasen.

Und so wie sich meine Mutter meiner erbarmt hat, später auch andere Menschen: Diese Menschen haben mir nicht nur gut getan, sie haben mir -mehr noch - eine Erfahrung ermöglicht, die der Priester und Dichter Wilhelm Bruners in folgende Worte kleidet:

Sprecher:

nirgendwo bist du mehr

als im auge des anderen

nur er kennt dein gesicht

du wirst es nie sehen

ohne das auge des anderen

spiegel deiner würde

nirgendwo bist du größer

als im barmherzigem blick

deines nächsten

Musik 2: Chor von Taize, Misericordias domini

Dass der barmherzige Blick des Nächsten lebensförderlich ist, erlebe ich auch in meiner Tätigkeit als Supervisorin, in der ich Menschen in ihren beruflichen Anliegen berate. Dabei zeigt sich oft, dass das liebevolle und versöhnliche Anschauen eines Problems schon eine neue Perspektive eröffnet und aus der Sackgasse führen kann. So war es z. B. bei einer Frau um die 50, die in ihrem Leben einige Schicksalsschläge wegstecken musste. Der Tod des Ehemannes, die Sorge um drei kleine Kinder, die Pflege von Eltern und Schwiegereltern hatten sie manchen Kampf gekostet. Dieser (Kampf) hatte sie stark, aber zugleich auch hart gemacht. Streng und hart mit sich selbst, forderte sie diese eiserne Disziplin dann allerdings auch von Anderen. Beruflich eckte sie dadurch immer wieder an, kam mit ihren Kollegen und Kolleginnen nicht zurecht, die ihr, wann immer möglich, aus dem Weg gingen. Im Zuge der Beratung erkannte die Frau ihr enges und hartherziges Verhalten sich selbst und anderen gegenüber. Was ihr einst im Leben geholfen hatte – ihre Härte und Strenge – stand ihr jetzt in der Zusammenarbeit im Wege. Zugleich entdeckte sie aber auch andere Erfahrungen in ihrem Leben, z. B. dass Menschen ihr in schweren Stunden die Kinder abgenommen oder sie in anderer Weise unterstützt hatten. Dadurch entwickelte diese Frau nach und nach einen anderen Blick. Sie befreite sich aus ihrer Enge und dem Schutzwall, den sie um sich gebaut hatte. Sie wurde weicher, sich selbst und anderen gegenüber, konnte sich ihre eigene Bedürftigkeit eingestehen. Indem sie sich ihres eigenen verwundeten Herzens erbarmte, gelang es ihr auch, die Nähe der Anderen wahrzunehmen und sich in diese einzufühlen. All dies führte zu einem deutlich verbesserten Miteinander. Sie selbst und auch die Anderen hatten wieder Spaß an der gemeinsamen Arbeit.

Musik 3: Chor von Taize, Misericordias domini

Barmherzig mit sich selbst zu sein, bedeutet also auch sich den eigenen Wunden zu stellen, sie zu durchleiden, ohne an sich selbst und anderen irre zu werden. Einige gelangen dadurch sogar zu unfasslich menschlicher Größe, wie der Journalist Antoine Leiris, der am 13.11.2015 bei den Anschlägen von Paris seine Frau und die Mutter seines siebzehn Monate alten Sohnes verloren hat. Er hat damals an die Attentäter einen offenen Brief geschrieben, der weltweit Aufsehen erregt und auch mich im Innersten bewegt hat. Unter dem Titel „Ihr bekommt meinen Hass nicht“, schreibt Leiris:

Sprecher:

„Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben. Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt, auf den Hass mit Wut zu antworten, würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit misstrauischen Blick betrachte, dass ich meine Freiheit der Sicherheit opfere. Verloren. Der Spieler ist noch im Spiel.“

Unter weiter: „Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern; ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufgewacht ist… er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann würden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag, und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen.“

Soweit die Worte des französischen Journalisten, die mich auch heute noch erschüttern und berühren. Ich finde es bewundernswert, wie er den Kreislauf von Hass und Gewalt durchbricht und seine innere Freiheit wiedergewinnt. Er lässt sich von den Mördern nicht in die Enge treiben, spielt ihr Spiel nicht mit, sondern widmet sich lieber seinem kleinen Sohn. Der soll frei und glücklich aufwachsen. Vor allen Dingen aber stellt er das Gottesbild der Attentäter in Frage. „Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben!“

Besser kann man das biblische Gottesbild kaum auf den Punkt bringen. Woran auch immer Menschen leiden, jede Wunde eines Menschen reißt auch eine Wunde in das Herz Gottes. Er thront  nicht über dem Leid; er lässt sich davon berühren und betreffen. Dies ist die Botschaft der Bibel von Beginn an. Und so spricht sie davon, dass Gott das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen und ihnen Befreiung geschenkt hat. Sie erzählt in unzähligen Geschichten, dass die Armen und Ausgebeuteten die Lieblinge Gottes sind, dass er ihnen zur Seite steht. Der Gott der Bibel hat für die Elenden – welcher Art auch immer – ein Herz. Für die Elenden ein Herz haben – das aber meint Gottes Barmherzigkeit.

Was auch immer Menschen einander antun und damit Gott antun, Gott lässt von seiner Liebe zum Menschen nicht ab. Um diese Botschaft willen ist Gott schließlich auch Mensch geworden. Daran glauben Christen und Christinnen.  Aber wie heute konnten Menschen auch damals nicht glauben, dass Gottes Macht sich allein in seiner Liebe zeigt, dass sein Wesen Barmherzigkeit ist. Und so führte Jesu Weg ans Kreuz. Am Kreuz wird Gottes alle Logik übersteigende Liebe zu den Menschen offenbar. Hier zeigt sich, wie Gott sich mit den Leidenden dieser Welt verbindet, wie sehr alle Wunden dieser Welt eine tödliche Wunde in sein Herz reißen.

Musik 4: Wolf Biermann, Du lass dich nicht verhärten

Das Osterfest schwingt noch nach. Und darin schwingt die Zuversicht, dass alle Leiden dieser Welt nicht vergeblich und sinnlos sind. Der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern die Liebe und das Leben. Wie aber die Liebe und das Leben tagtäglich verwirklicht werden können, darauf verweist der heutige Sonntag, den die katholische Kirche seit einigen Jahren ganz besonders der Barmherzigkeit widmet.

Dass diese Barmherzigkeit jedem und jeder gilt und ein Schlüssel zum Leben ist, davon bin ich zutiefst überzeugt und so erhoffe ich mir diese Haltung Barmherzigkeit für uns alle.

Musik V: Ludovico Einaudi, La Nascita delle cose segrete

Einen schönen Sonntag wünscht Ihnen Margret Nemann aus Münster

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