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Kirche in WDR 4 | 02.09.2019 | 08:55 Uhr

Es ist Krieg


Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist, ist das Wochenende leider auch schon wieder vorbei. Tja.

Am 2. September 1939, also heute vor achtzig Jahren hatte das Wochenende gerade angefangen. Es war Samstag, der Tag nachdem der Zweiten Weltkriegs angefangen hatte. „Es ist Krieg“ – das war die Schlagzeile der Zeitungen. Am Tag vorher, am Freitag war die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert. Es folgten fast sieben dunkle Jahre, in denen die Deutschen nach und nach die ganze Welt in Brand gesetzt haben. 55 Millionen Tote. Eine unvorstellbare Zahl.

In vielen Familien ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sehr konkret. Mir fällt das in Trauergesprächen auf, wenn ich beerdige. Denn jetzt stirbt die Generation der Menschen, die den Krieg als Kinder erlebt haben.

Die letzte Generation der Augenzeugen. Die Generation meiner Eltern.

Ungefähr zweihundert Meter hinter meinem Elternhaus ist in einem kleinen Wäldchen ein Brunnen. Er ist mit einer Stahlplatte verschlossen. Wer sie öffnet erkennt einen gemauerten Schacht, der sich immer neu mit dem Wasser aus einer Quelle füllt. Der Kragen des Schachtes ist mit Beton eingefasst. Und in den Beton sind Buchstaben einer fremden Sprache eingeritzt. Rätselhaft.

Als wir Kinder waren haben wir meine Mutter gefragt, was diese Zeichen bedeuten. Sie hat uns erzählt, dass im Zweiten Weltkrieg auf dem kleinen Bauernhof ihrer Eltern russische Zwangsarbeiter beschäftigt worden sind. Sie haben bei der Bestellung der Felder helfen und die Brüder ersetzen müssen, die zum Wehrdienst eingezogen worden waren. So hatten die Zwangsarbeiter auch den Brunnen graben und aufmauern müssen. Und haben mit kyrillischen Buchstaben in den feuchten Beton ihre Namen geritzt. Und das Datum. Und damit auch ihre Angst, ihren Schmerz und ihre Sehnsucht nach ihrer eigenen fernen Heimat. Ihren eigenen Kühen und Pferden, dem Duft und dem goldenen Glanz ihrer Weizenfelder daheim, ihrem eigenen Brunnen, ihren Eltern und Großeltern. Von denen sie sicher nicht wussten, wie es ihnen ging. Ob sie gesund waren. Ob sie überhaupt noch lebten.

Vor achtzig Jahren hat der Krieg angefangen. Nicht einfach so, wie eine große Maschine, die einer anschmeißt. Und die dann losrattert.  Vor achtzig Jahren ist es losgegangen mit Geschichten wie diesen. Mit Kindern, die auf einmal Soldaten wurden und Menschen verletzt und getötet haben. Mit Kindern, die auf einmal mit Menschen zusammen gelebt haben, die aus einem fernen Land verschleppt und zur Arbeit gezwungen wurden. Geschichten, millionenfach: Die erzählen, wie Angst in eine ganze Welt eingesickert ist, und Gewalt und Mord und Tod und Vernichtung; in eine Kinderseele, in ein Menschenherz, in eine Familie, eine kleine heile Welt, eine Stadt, ein Land, ein Volk, einen Kontinent.

Meine Mutter hat uns Kindern die Geschichte mit den Zwangsarbeitern in ihrer Familie erzählt. Meine Mutter hat nichts verschwiegen vom Krieg.  . Ich bin ihr dankbar dafür. Denn sie hat gewusst, dass diese Geschichten in ihrer Summe alles andere gewesen sind – aber sicher kein Fliegenschiss.

Deswegen gehe ich an diesem Montagmorgen in die Agneskirche und stelle Kerzen auf. Für meine Mutter – vor allem aber für die Zwangsarbeiter. Keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist. Ich wünsche ihnen aber, dass sie den Frieden gefunden haben, den ihnen die Welt nicht gegeben hat.


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