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Kirche in WDR 3 | 07.09.2019 | 07:50 Uhr

Gefängnisbücherei


Zugegeben: Niemals in meinem Leben wollte ich in ein Gefängnis. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich war nicht als Straftäter in der Justizvollzugsanstalt Münster, sondern als Theologe und Supervisor. Meine Aufgabe bestand darin, mit einigen Gefangenen regelmäßig zu sprechen und ihnen dabei zu helfen, über sich und ihr Leben nachzudenken. Eine solche Unterstützung von Gefangenen hat eine lange Tradition. Schon das Neue Testament lädt dazu ein: „Besucht die Gefangenen!“

In der Justizvollzugsanstalt Münster habe ich erlebt, dass die Gefangenen nicht allein durch Besuche den Kontakt zur Außenwelt halten. Als Brücke in die Welt draußen hatte dieses Gefängnis nämlich viele Jahre lang eine Bibliothek, die größte Bewunderung auf sich zog. Der damalige Bundespräsident Horst Köhler hat sie im Jahr 2007 sogar mit dem „Deutschen Bibliothekspreis“ ausgezeichnet.

Am Anfang dieser Bibliothek stand ein Traum, den ihr Leiter Gerhard Peschers eines Nachts hatte und von dem er sagt: „Ich träumte von einem Baum, der auf einer Gefängnismauer wächst. Seine Wurzeln und Zweige erstrecken und biegen sich zu beiden Seiten und verbinden sie so. Der Baum trägt Bücher als grüne Blätter und bunte Früchte.“

Dieser Traum brachte Gerhard Peschers darauf, die jahrzehntealte Gefängnisbibliothek aufzugeben und im Gefängnis eine diesmal wirklich einladende Bibliothek einzurichten. Für seinen Plan begeisterte er eine renommierte Architektin, die ihm einen ungewöhnlichen Bibliotheksraum entwarf. Einen Raum, den man in einer Haftanstalt so tatsächlich niemals erwarten würde. Er ist übersichtlich möbliert mit Regalen und Theken aus hellem Holz und freundlichen Farben. In Eigenarbeit haben die Gefangenen die Wände und die Decke des Bibliotheksraumes mit Blattmotiven bemalt. Dadurch wirkt die Bibliothek wie eine Laube oder wie eine Oase innerhalb der harten Gefängnisarchitektur.

Ich finde das beeindruckend, was ich damals gesehen habe. Und ich bin traurig. Denn: Die Gefängnisbücherei hat dicht gemacht. Die JVA Münster entspricht nicht mehr den heutigen Bauauflagen. Und daher musste auch die Bibliothek weichen. Dabei hatte die Gefangenenbücherei geholfen, die Gefangenen auf das Leben nach ihrer Haft vorzubereiten: indem sie in der Bibliothek neue Fähigkeiten erlernen konnten. Und sie hatten durch die Bücherwelten Kontakt zum Leben draußen. „Gefangene besuchen“ – das heißt wie im Traum vom Bücherbaum eben nicht allein, dass Menschen von Draußen in die Haftanstalt kommen, sondern auch, dass Gefangene lesend die Welt draußen erkunden.

Diese Woche zu den sieben Werken der Barmherzigkeit geht zu Ende. In meinem Buch „So prägt Religion unsere Mitmenschlichkeit“ gebe ich noch weitere Beispiele, wie heute ganz konkret das gelebt wird, wovon Jesus damals schon gepredigt hat. Wer das Buch nicht kaufen möchte, findet es vielleicht in einer Bibliothek. Denn auch außerhalb von Gefängnismauern ist jede Bibliothek ein Tor zu vielen Welten, die unseren Horizont weiten.

Ein gutes Wochenende wünscht Ihnen Professor Hubertus Lutterbach aus Münster.



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