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Das Geistliche Wort | 10.01.2021 | 08:40 Uhr

Ein Herz und eine Seele-Ökumene unterm Kreuz


Der heutige Sonntag liegt zwischen zwei Terminen, die für die ersehnte Einheit unserer Kirchen kaum gegensätzlicher sein können. Am vergangenen Sonntag jährte sich zum 500sten Mal, dass Papst Leo X. Martin Luther den Kirchenbann androhte. Zuvor hatte der Reformator den Papst als Antichrist beschimpft. Mit dem Wortgefecht kündigte sich die Kirchenspaltung in unserem Land an. Und in acht Tagen beginnt die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Die vor 500 Jahren geschlagene Wunde soll wieder verheilen. Als katholischer Priester und Freund der Ökumene frage ich mich schon seit vielen Jahren: Wie kann die Christenheit die Spaltung überwinden und zu einer neuen Einheit finden. Darüber möchte ich heute etwas nachdenken, quasi zwischen den beiden Terminen. Guten Morgen!

Wenn es um die Ökumene geht, also um die Einheit der Kirchen, dann zeigt sich bedauerlicherweise trotz vieler Initiativen eine gewisse Müdigkeit. Manche Christinnen und Christen resignieren, weil die endgültige Einheit der Kirchen nicht gelingen will. Auch ich bin über meine ökumenische Leidenschaft alt geworden. Vieles ist erreicht, doch der entscheidende Schritt steht aus: konkret das gemeinsame Abendmahl.

Trotzdem prägt selbst in meinem Alter nicht Resignation, sondern Hoffnung mein ökumenisches Bemühen. Ich bin nicht allein. Viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter sind seit Langem mit mir auf dem Weg für die Einheit der Kirchen. Unsere evangelischen und katholischen Herzen brennen, und jedes Treffen unserer Gruppe facht das ökumenische Feuer neu an. Kirchliche Dokumente können es nicht löschen. Die verschlossenen Ohren mancher Kirchenbeamter provozieren, trotz unserer grauen Haare weiterzumachen und für die Zukunft das einzufordern, was unser Bruder Jesus Christus selbstverständlich wünscht: Die Einheit seiner Jüngerinnen und Jünger! Das war ihm ein Herzensanliegen. Und es ist uns sehr wichtig. Daher sind wir um der Ökumene willen nach Wittenberg und Rom gepilgert. Wir haben uns informiert. Der Stadtpfarrer von Wittenberg erzählte uns von dem Thesenanschlag Luthers und seine weitreichenden Konsequenzen. Ein Monsignore in Rom berichtete vom päpstlichen Einheitssekretariat und das vielfältige Bemühen mit den vielen christlichen Konfessionen, die es weltweit gibt. Beide taten es jeweils aus ihrer Sicht. Allerdings trieben uns die erlebten Gegensätze nicht auseinander, sondern wir spürten: In Wittenberg und Rom gibt es jeweils eine Botschaft, deren Ursprünge ähnlich klingen. Und die lautet: Unser gemeinsames Fundament ist der Glaube an Jesus Christus.

Einmal von dieser Idee ergriffen, haben wir uns weiter auf den Weg gemacht, um Spuren ökumenischer Gemeinsamkeit zu finden. Und so sind wir immer wieder aufgebrochen und herumgereist.

Auf einer der weiteren Pilgerfahrten haben wir zufällig die Gemeinsamkeit an einem Kunstwerk entdeckt, das „Ökumene“ betitelt ist. Nahe meiner Heimat Mönchengladbach steht im Bergischen Land der Altenberger Dom. Er ist eine wuchtige Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die seit über hundert Jahren ökumenisch genutzt wird. Jeden Sonntag findet hier ein evangelischer und ein katholischer Gottesdienst statt. Lange vorher haben hier Klosterbrüder gesungen und gebetet. Ihr frommes Tun ging zurück bis auf einen der ersten Zisterziensermönche, den heiligen Bernhard von Clairvaux. Das Kloster Altenberg wurde schon zu seinen Lebzeiten 1133 gegründet und existierte solange, bis Napoleon die Mönche vertrieb und es säkularisierte. Jahrzehnte nach der Vertreibung entstand eine ökumenische Gemeinsamkeit, die weder von einem weitsichtigen Superintendenten noch von einem klugen Bischof begründet wurde. Vielmehr bereitete die Baufälligkeit der Kirche Sorge. Zur Unterhaltung brauchte man viel Geld. Der preußische König war bereit, die Renovierung des Altenberger Domes zu finanzieren, wenn ihn die katholische und evangelische Kirche zukünftig gemeinsam nutzen würde. Die Kirchen haben sich darauf eingelassen, und bis heute funktioniert die ökumenische Eintracht. Die finanzielle Not machte Ökumene möglich. Aber statt stolz von einem Dom der Ökumene zu reden, spricht man verschämt von einer Simultankirche zu Deutsch: von einer Kirche, die gemeinsam zu nutzen ist. Damals war es ein kleiner Schritt, den das fehlende Geld ermöglichte. Dabei geht es eigentlich um viel mehr: Es geht um das gemeinsame Fundament der christlichen Konfessionen, um die Einheit, die die Bibel möglich macht.

Der Altenberger Dom erstrahlt heute wieder in seinem mittelalterlichen Glanz. Dabei gibt es aber noch Neues zu entdecken, was die aktuelle Nutzung durch die katholischen und evangelischen Christen widerspiegelt.

So gibt es im linken Seitenschiff des Domes die Skulptur des Bildhauers Werner Franzen aus dem Bergischen Land. Der Künstler war erfüllt von der ökumenischen Idee und hat ein altes Motiv aufgegriffen, das im Leben des heiligen Bernhard von Clairvaux eine zentrale Rolle spielte. Eine Legende erzählt eine liebevolle Begegnung Bernhards mit dem Gekreuzigten Christus. In seiner Frömmigkeit war er nämlich ein tiefer Verehrer des Kreuzes. Seine Kreuzestheologie und Kreuzesmystik prägten die mittelalterliche Theologie. Sogar Martin Luther schätzte die Gedanken Bernhards. Vor allen Dingen faszinierte Luther die Betrachtungen Bernhards über das Kreuz, die er immer wieder zitiert hat.

In der Legende heißt es nun: Eines Nachts versank Bernhard im Gebet vor einem Kreuz. Zunächst beachtete er gar nicht, wie sich die Arme des Gekreuzigten von den Balken des Kreuzes lösten. Dann aber beugte sich Christus herab und umarmte ihn. Die Geschichte hat die Menschen immer wieder bewegt und widerspricht dem aggressiven Ton Bernhards, mit dem er zu Kreuzzügen aufrief. Sie erzählt von Zärtlichkeit und Zuneigung. Selbst als Jesus leidet, spendet er Trost für andere, indem er sie umarmt. Viele Künstler haben die Szene aufgegriffen. In der Kunstgeschichte spricht man vom Motiv der „Umarmung“.

Diese Legende spielt auch in der Skulptur von Werner Franzen im Altenberger Dom eine Rolle. Allerdings überrascht, wie er die Szene neu interpretiert. Er bietet eine andere Pointe. Vor dem Kreuz knien Bernhard von Clairvaux und Martin Luther gemeinsam. Bernhard, in der Darstellung ein alter Mann, stützt sich auf seinen Abtsstab, Luther, ein Jüngling, umklammert eine Schriftrolle.

Ich verstehe das so: Katholisches Amtsverständnis und evangelische Bibelfrömmigkeit klingen hier an, aber die theologische Differenz trennt nicht. Denn der Gekreuzigte löst wieder seine Arme vom Kreuz und umarmt beide Kniende gleichzeitig. Der Herr Jesus Christus nimmt liebevoll Bernhard und Luther in seine Arme. Unter dem Kreuz wird keiner konfessionell ausgeschlossen, da der Katholik Bernhard und der Protestant Martin Luther gleichzeitig in den Armen des Gekreuzigten ruhen. Beide werden gleich geliebt! Mehr noch: Christus hält sie beide fest, so dass sie keiner auseinander bringt. Hirtenstab und Schriftrolle, die  Sinnbilder für Amt und Bibel werden eigentlich zur Nebensache, einzig Christus, der Gekreuzigte zählt,

Vor dem Werk wurde mir klar, dass keine Konfessionsgrenze trennen kann von der Liebe Christi. Unter dem Kreuz zählen keine Bannflüche und Beschimpfungen. Mag Martin Luther Papst Leo X. auch als Antichrist verhöhnt haben und mag umgekehrt der Papst Martin Luther exkommuniziert haben, ich bin fest davon überzeugt: eine Versöhnung ist heute, fünfhundert Jahre später möglich. Der Gekreuzigte lässt keine Trennung zu.

In acht Tagen beginnt ja die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Das Motto lautet: „Bleibt in meiner Liebe!“ In der Skulptur von Werner Franzen wird das Motto für mich lebendig. Denn wer von den Armen des Gekreuzigten festgehalten wird, bleibt in seiner Liebe. Daher heißt die Skulptur auch zu recht „Ökumene“: Als Geliebte Christi ruhen alle Christinnen und Christen wie Martin Luther und Bernhard von Clairvaux in seinen Armen. Keine Kirchenleitung darf dazwischen schlagen und sie auseinander reißen. Sie würde – im Bilde der Umarmung durch Christus gesprochen – die blutenden Arme des Gekreuzigten treffen und ihm eine weitere Wunde zufügen. Das darf und soll aber nicht mehr geschehen. Daher lohnt sich jeder Einsatz für die Einheit der Kirchen. Auch wenn meine Haare grau geworden sind, werde ich mich mit den anderen weiter dafür engagieren

Ermutigt kehrte ich mit meiner Gruppe nach Hause zurück.

Aus Mönchengladbach grüßt Sie Albert Damblon

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