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Kirche in WDR 3 | 14.04.2021 | 07:50 Uhr

Fuzzy logic

Ich verrate Ihnen heute einmal ein Geheimnis meines Glaubens. Und das hat seine Gründe. Vor genau einem Monat war ein Sonntag und ich war dabei, mich innerlich vorzubereiten auf die kommende Woche.

 

Ich ahnte schon, dass die „nicht ohne“ werden würde – immerhin stand die Veröffentlichung des Kölner Missbrauchsgutachten an. Dann aber kam der Montag. Und wie aus heiterem Himmel kam das „Nein“ aus Rom zur Segnung von homosexuellen Paaren. Und damit brach eine Woche los, wie ich sie selten erlebt habe, was meine Kirchlichkeit angeht.

 

So viele Telefonate mit Freunden, Kolleginnen und Menschen, die mich kannten. Immer wieder kam: „Jetzt reicht‘s – ich trete aus.!“ Selten habe ich so oft meine Art zu Glauben erklärt, wie in jener Woche.

 

Also mit „meiner Art zu Glauben“ meine ich auch: Warum ich noch katholisch bin. Natürlich könnten Sie jetzt sagen: Der wird ja von der Kirche bezahlt. Das stimmt. Aber: so gut leben ist derzeit nicht unterm Krummstab und auch ich muss immer wieder prüfen, warum ich eigentlich noch katholisch bin. Sonst wäre ich mir selbst gegenüber unredlich.

 

Also warum ich, trotzt allem, gerne katholisch bin?  – das. für mich: der Sinn fürs Ambivalente. So nenne ich das. Ich kenne wenig andere Religionen, die den Sinn für das Ambivalente so konsequent offen halten, wie die Katholische.

 

Ich könnte auch einen anderen Begriff dafür verwenden. „Fuzzy logic“. Der Begriff kommt meist in der Reglungstechnik zur Anwendung. Aber er beschreibt, was ich im Grunde an meiner katholischen Kirche so schätze. Wer gesundem Menschenverstand einmal genauer auf die Katholische Kirche schaut, der wird an allen Enden viel „Fuzzyness“ finden: Goldene Kirchen, in denen über Armut gepredigt wird. Ein Glaubensbekenntnis, das an der entscheidenden Stelle unscharf bleibt, „fuzzy“ eben: Jesus Christus ist wahrer Mensch und wahrer Gott.

 

Das passt nicht in eine Zeit, die sich mehr und mehr den binären Codes verschreibt, mit denen Computer arbeiten: Entweder – Oder. Das Ambivalente ist: „et – et“. Zu Deutsch: „und – und“. Beides gleichzeitig.

Und: In einer Welt, die mehr als „fuzzy“ ist,  brauche ich persönlich nicht noch eine Religion, die mir vermeintliche Vereindeutigungen vortäuscht. Dagegen schätze ich die Religionsform, die den Sinn für das Ambivalente offen hält.

 

Und in meiner Kirche finde ich immer wieder Menschen, die einen ausgeprägten Sinn dafür haben, dass das Leben nicht ganz so einfach ist, wie es scheint. Lebensklugheit könnte man das auch nennen. Zum Beispiel ist da Pfarrer Franz Meurer aus Köln-Vingst. Bekannt ist er als Armenpriester – auch hier im WDR. Wissen Sie was? Obwohl Pfarrer Meurer viel für die Armen hier in Köln tut  ist er zugleich einer der größten Förderer des Kolumba-Kunstmuseums des Erzbistums Köln. Das ist ein wunderbarer Ort – wie ich finde: moderne Kunst trifft auf die alten Meister. Man sollte ja meinen: eine Kirche, die sich den Armen verschreibt, sollte als allererstes ihre Kirchen und all die goldene Kunst verkaufen zu Gunsten der Armen. Aber: So einfach ist das nicht. Selbst die, die sich ganz den Armen verschreiben, zehren von Momenten der Schönheit. Pfarrer Meurer sagt da immer mit Hilde Domin: „Wir essen das Brot – aber wir leben von Glanz.“[1]

 

Auch das ist eine ambivalente Aussage – und wie ich finde: ziemlich lebensklug. Nun finde auch ich, dass die Kirche nicht in allen Bereichen gleich lebensklug ist und kompetent. Und – offen gestanden – oft handelt sie auch nicht klug. Wenn ich z.B. an die eingangs zitierte Ansage der Glaubenskongregation zur Segnung von Homosexuellen denke.

 

Aber, ich finde weiterhin: Ausgerechnet Papst Franziskus ist jemand, der auch auf seine Kirche mit einem hohen Sinn für Ambivalenz schaut.

 

Gleich zu Beginn seines Pontifikates hat er eine Aussage gemacht, die mich trägt. Da sagt er: „Womöglich geht bei euch sogar ein Brief der Glaubenskongregation ein und wirft euch vor, dies oder das gesagt zu haben. Aber habt keine Angst. Erklärt dann, was zu erklären ist, aber macht vor allem weiter. Macht die Fenster auf und tut, was das Leben von euch verlangt. Ich habe lieber eine Kirche, die etwas tut und dabei Fehler macht, als eine, die selbst krank wird, weil sie sich verschließt.“[2] Das genau beschreibt das Geheimnis meines Glaubens: Ich bin gerne in einer Kirche, die in ihrer „fuzzy logic“ Fehler macht. Krank machen mich Kirchenführer, die den Sinn fürs Ambivalente ablegen. Krank macht mich eine Kirche, die sich verschließt.

Einen guten Tag wünscht Klaus Nelißen aus Köln.


[1] Aus dem Gedicht „Die Heiligen“ von Hilde Domin.

[2] Zitiert nach: https://www.faz.net/aktuell/politik/vatikan-korruption-und-homosexuelle-seilschaft-12219176.html

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