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Hörmal | 13.10.2019 | 07:45 Uhr

Mut gegen Unrecht

 

Warum haben sie ausgerechnet eine Stadtführung durch das Warschauer Ghetto gebucht? Das war das Erste, was mich der Stadtführer gefragt hat, als ich vor einigen Tagen in Polen war. Mit dieser direkten Frage hatte ich nicht gerechnet. Wahrscheinlich lassen sich die meisten Touristen in Warschau durch die Altstadt führen oder auf den Spuren Frederic Chopins, der hier Kindheit und Jugend verbracht hat. Ich sagte nur: „Wir kommen aus Deutschland und es hat etwas mit unserer Geschichte zu tun.“ Immerhin vor 80 Jahren hatte Nazi-Deutschland Polen überfallen und 1940 das Ghetto errichtet als „Jüdischen Wohnbezirk in Warschau“ – wie sie es nannten. 400.000 Juden haben die Deutschen darin eingepfercht.

Ich war mit meinen Kollegen in Warschau, die auch für die Kirche im Radio sprechen, deutschlandweit. Wir haben den Stadtführer am Ghetto-Ehrenmal getroffen. Da, wo Willy Brand 1970 auf die Knie gefallen ist. Das Denkmal erinnert an die Helden des Aufstandes, dem die Deportation von hunderttausenden Juden in das Vernichtungslager Treblinka vorausging. Der Aufstand wurde von der SS niedergeschlagen und das Ghetto dem Erdboden gleich gemacht. Heute erinnern nur noch Hinweisschilder, Gedenksteine und -stätten an die 18 Kilometer lange Umgehungsmauer und an einige besondere Orte im Ghetto. Mit unserem Stadtführer sind wir einen Teil der ehemaligen Ghettomauer abgeschritten.

Dabei hat sich mir eine weitere Gedenkstätte tief eingeprägt, weil sie wie ein Aufschrei nachklingt, der an seiner Tragweite und Bedeutung bis heute nichts verloren hat:

Die Gedenkstätte erinnert an Szmul Zygielbojm. Der Name sagte mir bis dahin nichts. Ich hatte noch nie von ihm gehört. Es gibt allerdings so viele Geschichten aus dieser Zeit, die erzählt werden sollten. Die von Szmul Zygielbojm ist diese: Er gehörte zum ersten Warschauer Judenrat, der das Leben im Ghetto zu organisieren hatte. Zugleich hat Zygielbojm aber auch den jüdischen Widerstand organisiert. Und ihm war die Flucht aus dem Ghetto gelungen. In der Freiheit versuchte er die Weltöffentlichkeit über die Vernichtung der polnischen Juden zu informieren – aber er fand kein Gehör. Nach der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto beging er am 12. Mai 1943 Selbstmord und hinterließ einen Abschiedsbrief. Daraus wird an der Warschauer Gedenkstätte ein Satz zitiert, der mich bewegt hat: „Ich kann nicht schweigen und kann nicht leben, während die letzten Juden in Polen umkommen ...“

Szmul Zygielbojm hat sich das Leben genommen und dabei das letzte Mal für sich den Aufschrei gegen das Wegschauen versucht. Ein Akt der Verzweiflung.

Wie gesagt: Ich kannte das Schicksal von Szmul Zygielbojm vor meinem Besuch im Warschauer Ghetto nicht, aber seine Geschichte beschäftigt mich. Vor allem sein verzweifelter Aufschrei, dass Unrecht geschieht, aber nicht wahrgenommen wird, geschweige denn etwas dagegen unternommen wird. Der Aufschrei hat nichts an seiner Bedeutung verloren, auch wenn Polen und Deutschland heute befreundete Staaten sind und wir in einem friedlichen Europa zusammen leben. Weltweit aber auch vor meiner Haustür geschieht immer noch Unrecht, Unrecht gegen Migranten, gegen Andersdenkende, gegen soziale Minderheiten – auch wenn nicht erst Menschen dabei zu Tode kommen. Manchmal frage ich mich: Wie himmelschreiend muss Unrecht sein, dass die Menschen endlich hinhören wenn Unrecht geschieht – auch im Kleinen. Da muss es benannt werden und – da muss dagegen vorgegangen werden. Als Deutscher, als Christ, als Mensch hat mich der Aufschrei Szmul Zygielbojms bewegt. Ich hoffe nur, dass ich den Mut habe, gegen Unrecht einzuschreiten, wenn es heute geschieht.

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