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Hörmal | 04.08.2019 | 07:45 Uhr

Matronen und Merkel

Ich bin Fossiliensammeln mit meinem Patenkind in der Eifel, in Nettersheim, als ein Schild uns darauf hinweist: „Zu den Matronen“. „Stimmt da war ja was“ – die spätrömischen Matronen-Heiligtümer, von denen ich in der Theologievorlesung mal gehört hatte. Mein Patenkind aber will nicht zu den Matronen, also schmeiße ich kurz Wikipedia an, um das noch einmal nachzulesen. Und dann sehe ich sie: die drei Frauen, die in Stein gemeißelt nebeneinander sitzen. Die mittlere etwas kleiner, die Haare hochtoupiert. Sie strahlen Ruhe und Macht aus. Ein einprägsames Bild.

Über 800 Darstellungen der „aufanischen Matronen“, so werden die Figuren genannt, wurden bislang gefunden – besonders in der Rheingegend, am Rand der Eifel. Sie alle entstanden in der Zeit zwischen 70 und 300 nach Christus. Viel ist nicht bekannt über diese Kultfiguren. Dass sie verehrt wurden, das steht außer Zweifel, das sagen die Weiheinschriften. Aber: Rätselhaft ist immer noch: Was sich genau hinter diesen verehrungswürdigen Frauen verbirgt: Waren es Göttinnen? Und wer hat sie verehrt? Was haben sie bewirkt? Die Geschichte damals wurde von Männern geschrieben und die schrieben meist auch über Männer-Götter. So geben die drei Matronen schon seit Jahrzehnten Anlass für Spekulationen. Manche gehen sogar so weit und nehmen in dem Zuge den Begriff Matriachat in den Mund.

Vom Matriachat habe ich auch tags drauf gelesen, nach unserem Tag in Nettersheim, nämlich in der Presse. Als ein Foto die Runde macht, das verblüffend ähnlich aussieht wie das Bild aus Nettersheim: Drei Frauen. Ruhig sitzen sie zusammen im Schloss Bellevue, die Haare gerichtet. Sie strahlen Macht und Ruhe aus: Angela Merkel, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer.

In meinem Urlaub wurde nämlich Frauen-Politik-Geschichte geschrieben: Zum ersten Mal ist eine Frau EU-Kommissionspräsidentin geworden – und dann noch eine Deutsche! Aber: Keine Zeitung hat überschwänglich getitelt „Wir sind Europa!“ – auch nicht die große Boulevardzeitung, die damals mit „Wir sind Papst“ aufgemacht hatte. Warum eigentlich?

Fast überall wurde dieses Foto mit den drei Frauen gezeigt. Und verblüffend oft tauchte der Begriff „Matriachat“ auf[1] – meist aber mit gewissen Vorbehalten. Die große Boulevardzeitung druckte gar einen Abgesang auf die Macht der Männer[2] ab – geschrieben: von einem Mann. Angela Merkel, die „Mutti“, wurde beschrieben als eine, die Emmanuel Macron den Namen von der Leyen „eingeträufelt“[3] habe – als habe sie listig Gift eingesetzt.

Ich habe mich an dem Tag gefragt, warum so viele Männer nur so ein Problem haben mit machtvollen Frauen. Ich meine: gerade mal genau einhundert Jahre ist es her, dass Frauen in Deutschland überhaupt das Wahlrecht bekommen haben. Da ist doch diese Entscheidung wirklich historisch. Dass Frauen ebenso nach der Macht streben wie Männer – warum wird das gleich als List ausgelegt? Das ist doch eigentlich nur konsequent, wenn Mann und Frau gleichberechtigt sind – oder?

Gerade die katholische Kirche tut sich da schwer. In diesem Jahr ringen Frauen um mehr Einfluss in der Kirche wie schon lange nicht mehr. Und sie tun es beharrlich. Ich finde das gut. Es erinnert mich an eine Zeile aus einem Gedicht von Berthold Brecht, bei dem es um die Tugend der höflichen Beharrlichkeit[4] geht – da heißt es: „dass das weiche Wasser in Bewegung/ mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt./ Du verstehst, das Harte unterliegt“

Höflich und beharrlich: auf diese Art hat Merkel in den vergangen Wochen Frauengeschichte geschrieben, weich statt hart, ruhig und machtvoll. So, wie im Bild der drei Matronen.


[1] https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kramp-karrenbauer-von-der-leyen-merkel-ist-schon-matriarchat-kolumne-a-1278540.html

[2] https://www.bild.de/politik/kolumnen/franz-josef-wagner/post-von-wagner-liebe-superfrauen-63365724.bild.html

[3] https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/akk-von-der-leyen-und-merkel-warum-uns-dieses-foto-freut-63365776.bild.html

[4] http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/Kahl_Brecht-Laotse.pdf

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