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Hörmal | 21.05.2020 | 07:45 Uhr

In den Himmel sehen

1971 kam eine weiße Postkarte auf den Markt mit einem kleinen Loch in der Mitte. Am rechten Rand steht eine Art Bedienungsanleitung: „A Hole to see the sky through“, „Ein Loch, um dadurch den Himmel zu sehen.“ Die Postkarte ist heute echt was wert. Sie geht auf einen Entwurf von Yoko Ono zurück. Yoko Ono ist vielen bekannt als Frau von John Lennon, aber sie hat sich als Musikerin und vor allem als Aktionskünstlerin einen internationalen Namen gemacht. Schon 1964 hat sie einen Entwurf dieser Postkarte skizziert mit einem Kreis in der Mitte. Auf den Kreis zeigt ein Pfeil mit der Aufforderung: „als Loch ausschneiden“. Dazu lautet dann die Aktionsbeschreibung: „Sende ein Loch, um dadurch den Himmel zu sehen. Schneide aus und versende.“[1]

Ich finde die Idee genial. Auch im Zeitalter von WhatsApp und Facebook, wo Fotos gepostet werden, hat diese Postkarte für mich nichts verloren von ihrer Botschaft. Yoko Ono möchte, dass wir den Himmel sehen, wie er ist. Es geht ihr darum, andere Menschen darauf zu stoßen, aufmerksam zu sein und die Wirklichkeit wieder bewusster wahrzunehmen, daher soll auch die Karte mit dem Loch versendet werden. Eine Postkarte, um eine Erfahrung zu machen.

Aber reicht nicht der einfache Appell: Augen auf und schau in den Himmel? Nein. Denn Yoko Ono eröffnet mit dieser Wirklichkeitserfahrung zugleich noch eine wichtige Erkenntnis. Das Loch in der Karte, durch das ich den Himmel sehen soll, ist wie ein Rahmen. Je weiter ich die Karte von meinem Auge fernhalte, desto kleiner wird der Lochausschnitt. Und umgekehrt: Je näher ich das Loch vor mein Auge halte, desto größer wird der Ausschnitt vom Himmel. Aber eines bleibt in beiden Fällen gleich: Ich kann immer nur einen Ausschnitt sehen, das Ganze ist einfach größer und weiter. Und diese Erkenntnis gilt eigentlich für alle Wahrnehmungen: Ich sehe immer nur einen Ausschnitt, nie das Ganze.

Warum ich gerade heute von einer Postkarte erzähle mit einem Loch, um den Himmel zu sehen? Heute ist Christi Himmelfahrt. Und im Grunde hat das Fest viel damit zu tun, dass wir Christen nur einen Ausschnitt von dem haben, was oder wer Christus wirklich ist. Traditionell wird an dem Tag daran gedacht, dass Jesus nach seiner Auferstehung in den Himmel aufgestiegen ist. Über die Jahrhunderte war das ein beliebtes Motiv bei den Künstlern: Jesus, der in den Himmel entschwebt. Fakt aber: Er war weg. Nicht mehr auf Erden. In der Apostelgeschichte, wo die Begebenheit in der Bibel erzählt wird, steht dieser schöne Satz, dass zwei Männer in Weiß kommen und die Jünger fragen: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Im Grunde ging es den Jüngern wie mit Yoko Onos Postkarte: Ihre Wirklichkeitswahrnehmung war genauso ausschnitthaft – auch ohne Postkarte mit einem Loch vor den Augen. So sehr sie auch aufmerksam waren und bewusst in den Himmel schauten, die ganze Wirklichkeit konnten auch sie nicht erfassen. Und das scheint mir eine Botschaft von Christi Himmelfahrt zu sein: Es gibt immer noch mehr wahrzunehmen. Das Ganze von Himmel und Erde, Leben und Tod, Schein und Sein, das haben wir nämlich noch nicht erkannt. Und Christi Himmelfahrt macht mir bewusst, wie ich mich danach sehne, einmal das Ganze zu sehen.


[1] Siehe: Grapefruit. A book of instructions + drawings by Yoko Ono, New York 2000, ohne Seitenzahl. “POSTCARD Send a hole to see the sky through. Cut out and post:” Deutsche Übersetzung: Philipp Reichling.

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