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Hörmal | 20.09.2020 | 07:45 Uhr

75 Jahre Friedland

Spätsommer 1945. Der zweite Weltkrieg ist in Europa seit drei Monaten beendet. Viele Städte, nicht nur in Deutschland, liegen in Schutt und Asche. Das Straßen- und Schienennetz ist vielfach zerstört, und Millionen Menschen sind unterwegs: Heimkehrer aus der Gefangenschaft, Flüchtende und Vertriebene, Männer, Frauen, Kinder. Es herrschen chaotische Zustände. Die einen wollen nur zurück nach Hause, in ihre Heimat, die anderen zu Verwandten oder einfach nur in den Westen, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen wollen. Dazu müssen sie aber oft weite Strecken zurücklegen und die unterschiedlichen Besatzungszonen der Alliierten durchqueren.

Um den Strom der vielen Menschen zu ordnen, entsteht das Grenzdurchgangslager Friedland, das genau heute vor 75 Jahren seinen Betrieb aufgenommen hat.

In den ersten drei Monaten nach der Eröffnung werden hier mehr als eine halbe Millionen Heimkehrer, Flüchtende und Vertriebene durchgeschleust, erhalten Papiere und eine erste Betreuung. In den beiden darauffolgenden Jahren werden es weitere 800.000 Menschen sein, die Friedland passieren.

Erst zehn Jahre später kommen die letzten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion frei. 1955 hatte Bundeskanzler Konrad Adenauer das in zähen Verhandlungen erreicht. In Friedland werden die Heimkehrer freudig erwartet von Familienangehörigen, Vertretern aus Politik und Kirche. Tränen fließen. Und dann passiert etwas Unerwartetes: Die Menschen stimmen ein Lied an. Es ist nicht die Nationalhymne, sondern ein altes Kirchenlied: „Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen“[1], wie ein Ausschnitt aus der damaligen Wochenschau dokumentiert[2]:

„… der uns aus Mutterleib und Kindesbeinen an unzählig viel zu gut bis hierher hat getan.“

Der Krieg scheint nun tatsächlich beendet zu sein.

Ich selber stamme nicht aus einer Familie, die nach dem zweiten Weltkrieg fliehen musste oder vertrieben wurde.

Aber seitdem ich die Geschichte von Friedland kenne, läuft mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich dieses bekannte Kirchenlied höre. Da heißt es weiter:

„Der ewigreiche Gott woll uns in unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben und uns aus seiner Gnad erhalten fort und fort und uns aus aller Not erlösen hier und dort.“[3]?

Bei diesen Zeilen muss ich an die Menschen denken, die noch heute auf der Flucht sind – 80 Millionen sind es derzeit weltweit – und an ihre Hoffnung auf Erlösung.

Die Geschichte von Friedland jedenfalls ist mit der Rückkehr der Kriegsgefangenen von 1955 nicht beendet.

Später kommen die Spätaussiedler aus Mittel- und Osteuropa durch Friedland in die Bundesrepublik. Es folgen Flüchtende aus Ungarn, Chile, Vietnam, Übersiedler aus der DDR und in der jüngeren Geschichte Flüchtende aus dem früheren Jugoslawien, aus Syrien und dem Irak. Bis heute zählt man etwa viereinhalb Millionen Menschen, für die Friedland die erste Anlaufstelle war. Friedland gilt als „Symbol … für Hilfe aus dem Flüchtlingselend“[4]  wie es der frühere Innenminister Otto Schily einmal gesagt hat, und trägt den Beinamen: „Tor zur Freiheit“[5].

An dieses „Tor zur Freiheit“ zu erinnern ist wichtig, denn unser Land ist bis heute für Geflüchtete jenes „Friedland“ auf ihrer Suche nach „edlem Frieden“ und einem „fröhlichen Herz“, wie es in dem alten Kirchenlied so schön heißt.


[1] Text und Musik: Martin Rinckart, 1636. Melodiefassung nach Johannes Crüger, 1647.

[2] https://www.youtube.com/watch?v=SOCJwvrDnUA.

[3] Text und Musik: Martin Rinckart, 1636. Melodiefassung nach Johannes Crüger, 1647.

[4] Otto Schily als Innenminister zum 60. Jahrestag der Gründung Friedlands. Zitiert nach: „Friedland: Das ‚Tor zur Freiheit‘“ https://www.ndr.de/geschichte/schauplaetze/Friedland-Durchgangslager-seit-75-Jahren-Tor-zur-Freiheit,friedland102.html.

[5] Ebd.

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