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Kirche in WDR 3 | 19.10.2019 | 07:50 Uhr

Es knospt


Die einen lieben sie, die anderen können mit ihnen nichts anfangen, für einige sind sie der Schrecken des Deutschunterrichtes für andere die hohe Kunst der Lyrik: Gedichte.

Mich haben Gedichte schon in der Schule beeindruckt; warum, konnte ich damals noch gar nicht so genau benennen. Heute ist mir deutlich: Gedichte sind verdichtete Lebenserfahrung, einerseits mit einem Anteil an Allgemeingültigkeit, andererseits sehr individuell. Wer sich auf sie einlassen kann, bekommt Anteil an der Gedanken und Einsicht in die Welt des Dichters.

Eine ganze Zeit lang geriet diese Form von Lebenseinsicht bei mir in Vergessenheit, aber irgendwann waren sie wieder da, die Gedichte. Und derzeit sind sie sehr präsent in meinem Alltag. Das eine oder andere auswendig zu lernen war ursprünglich mein Plan. Aber das braucht ja auch einiges an Zeit und Aufmerksamkeit; mehr, als ich regelmäßig in meinem Alltag erübrigen kann oder auch will. Und dann kam mir die Idee, Gedichte in meiner Wohnung sichtbar werden zu lassen. Mit einem Kreidestift schreibe ich sie auf Spiegel oder Fensterscheiben, und so begleiten mich die Texte ein paar Wochen, bis sie einem neuen Gedicht Platz machen müssen. So steht zurzeit auf meinem Küchenfenster:

Sprecherin: "ES KNOSPT UNTER DEN BLÄTTERN. DAS NENNEN SIE HERBST."

Das ist ein Minigedicht von Hilde Domin. Ich lese es jeden Morgen beim Frühstück. Großartig, dieser Text! Auf den ersten Blick verstört er und bringt die Wahrnehmung der Jahreszeiten durcheinander.

Knospen, das ist doch Frühling, Lebensanfang, das ist Leichtigkeit, dass ist Sonne und Wärme. Davon sind wir jetzt im Oktober ziemlich weit entfernt. Uns erwartet in den nächsten Wochen das Gegenteil: Kälte, Regen, Dunkelheit, das Absterben der Natur.

Allerdings stimmt auch: Die Knospen an den Bäumen, die im Frühling aufbrechen, die werden ja bereits vor dem Winter angelegt. Das Knospen also geschieht bereits im Herbst, sehen können wir es dann aber erst im Frühling.

Ich nehme dieses kleine Gedicht in meinen Alltag und in meine Beziehungen hinein. Und dann wird mir deutlich, wie wichtig es ist, das, was auf der Oberfläche erscheint, immer wieder auf die darunterliegende Wirklichkeit hin zu befragen. Wo steckt bereits im Konflikt der Faden der Versöhnung? Was bleibt, wenn etwas zu Ende geht – bloß eine Erinnerung oder eine Aufgabe? Wo finde ich in Stunden der Trauer oder der Angst meine vielleicht längst angelegten Knospen der Zuversicht und der Freude?

Manchmal erlebe ich es, dass Menschen mir als bekennender Christin Naivität oder Blauäugigkeit unterstellen, nur weil ich im Herbst die Knospen bereits sehe. Sie sagen dann: Wo ist denn dein Gott, wenn Menschen von Leid und Krankheit überfallen werden? Wie kann Gott das zulassen?

Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht. Aber Gott nur zu danken, wenn etwas gut gegangen ist, dann ist das so, wie die Knospen nur im Frühling zu sehen. Das ist etwas Selbstverständliches und Leichtes. Aber mir geht es – wie Hilde Domin – um mehr: die Knospe nämlich schon im Herbst zu entdecken. Das erfordert eine ausgeprägte Aufmerksamkeit für die Wirklichkeit. Und natürlich braucht es Freude am Entdecken und Neugier, und zwar nicht nur jetzt im Oktober.

Es knospt unter den Blättern. Das nennen sie Herbst.

Dass Sie heute eine Knospe entdecken, wo Sie sie nicht erwartet hätten, wünscht Ihnen Ingelore Engbrocks aus Oberhausen.

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