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Kirche in WDR 5 | 10.05.2021 | 06:55 Uhr

Besuch beim Meister

Unsere alte Standuhr läuft nicht mehr. Also … eigentlich läuft sie zwar, aber so falsch, dass es nervt. Außerdem bleibt sie immer stehen. Die naheliegende Lösung: Ich brauche einen Uhrmacher, der mir das gute Stück reparieren kann. Das Problem: Jeder Uhrmacher, den ich frage, winkt ab. Die Uhr sei zu alt, Ersatzteile gebe es nicht – und überhaupt: Das lohne doch wohl nicht. Endlich finde ich dann jemanden, der sich auf antike Uhren spezialisiert hat und der mir vertrauenswürdig erscheint. Zwei-drei Emails hin und her und dann verpacke ich das gute Stück ordentlich in dicke Decken, mache mich auf den Weg aus dem Sauerland ins südliche Ruhrgebiet und stehe wenig später in einem Raum, in dem es klickt und tickt und gongt und bimmelt. Auf dem Arm eine Kiste, aus der lediglich das Pendel herausragt. Kein schönes Pendel, wie ich finde. Leicht verbogen, nicht dekoriert oder anderswie gestaltet – aber das war mir eigentlich immer egal. Das Pendel sieht ja nie jemand, weil unsere Standuhr eine „geschlossene“ ist. Doch der Antik-Uhrmacher in Hattingen sieht jetzt dieses Pendel. Genauer gesagt: Er sieht nur dieses Pendel. Und dann sagt er: „Ach – Sie bringen mir da eine Schwarzwälder Uhr?“ Ich fühle mich ziemlich blöd. Denn ich habe keine Ahnung, was ich antworten soll. Was weiß ich, was das für eine Uhr ist. Mir war da damals das schöne Holz-Gehäuse wichtig – nicht das Uhrwerk. Ich ziehe deshalb schweigend das Handtuch beiseite und sehe, wie der Uhrmacher zu strahlen beginnt: „In der Tat, eine Schwarzwälder Uhr“, sagt er. „Mit einem 30-Stunden-Laufwerk.“ Keine Ahnung, woran er das erkannt hat. Dann hebt er sie aus dem Karton. Für mich ein Ziffernblatt mit einem Holzkasten dahinter. Der Antik-Uhrmacher aber redet weiter – erkennbar mehr zu sich, als zu mir: „Holzgespindelt. Wunderbar. Eindeutig von vor 1850...“ Und dann blickt er zu mir auf und meint: „Bei diesen Uhren wird man verrückt. Wenn da was zu reparieren ist, dann muss man die vollständig auseinandernehmen. Da sitzt man dann Wochen dran. Die repariert Ihnen keiner mehr.“ Kurze Pause. Ich befürchte, dass ich ein weiteres Mal unverrichteter Dinge wieder gehen muss. Dann sagt der Uhrmacher: „Außer mein Meister. Der liebt diese Uhren...“ Dann nimmt er sie wieder in die Hand und ich höre Sätze wie: „Die ist ja geölt worden – darf man nicht. Hier hat mal einer was ausgebessert. Muss aber lange her sein …“ Am Ende waren wir uns einig. Er nimmt sich der Uhr an. Weil es – wie er sagt – eine wirklich schöne Uhr ist.

Kurz darauf verlasse ich die Werkstatt. Glücklich und erleichtert. Nicht nur, weil die Uhr nun endlich repariert wird. Sondern weil da jemand war, der um den Wert dieser Uhr wusste. Der Dinge an ihr sah, die mir nie aufgefallen wären – und vielen Uhrmachern vor ihm auch nicht. Für den dieses Uhrwerk nicht nur alt und reparaturbedürftig und am besten wegzuschmeißen ist – sondern der das Handwerk und die Kunst zu würdigen weiß, mit der dieses Stück vor mehr als 170 Jahren gefertigt wurde. Je mehr ich auf der Rückfahrt über das gerade Erlebte nachdenke, desto mehr überkommt mich der Wunsch, dass auch ich einmal nach meinem Leben hier mit einem solchen Blick betrachtet werde. Will sagen: Wo ich in den Spiegel schaue und nur einen weiteren kaputten, gebrochenen, fehlerhaften oder schlechten Menschen sehe – da sieht der Meister ein Kunstwerk. Wo ich verzweifle, ob sich meine Macken und Fehler noch reparieren lassen und wo mir selbst der Fachmann sagt, da sei er raus – da gibt es dann doch den Meister, der mehr in mir sieht, der sich vielleicht sogar an mir freut und sich für mich begeistert. Der auch viel Zeit und Arbeit und Mühe nicht scheut, um wieder in Ordnung zu bringen, was die Zeit zerschlissen und unsachgemäßer Gebrauch kaputt gemacht haben. Mir hat der Hattinger Antik-Uhrmacher an diesem Nachmittag ziemlich viel Kraft und Hoffnung mitgegeben – und ich wünsche Ihnen für den Tag und die Woche, dass Sie die gleiche Hoffnung und Kraft in sich tragen können, dass da einer ist, der darum weiß, wie wunderbar auch Sie geschaffen sind. Ihr Diakon Claudius Rosenthal aus Altenwenden.

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