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Kirche in WDR 3 | 04.03.2021 | 07:50 Uhr

Parodieverfahren

Guten Morgen!

Eines meiner Lieblingsstücke aus der Klassik ist ein ganz kurzes Klavierstück von Johann Sebastian Bach: das Präludium in C-Dur aus dem „Wohltemperierten Klavier“, das vor fast 300 Jahren erschien. Es war das erste und letzte Bach-Stück, was ich bei meinem Klavierunterricht gelernt habe. Das ist lange her. Damals war ich zehn. Und ich war damals nicht fleißig genug, um weiter zu üben und mehr und besser Klavierspielen zu lernen. Dabei hatte Bach das „Wohltemperierte Klavier“ ja als Sammlung komponiert „zum Nutzen und Gebrauch der Lehrbegierigen Musicalischen Jugend“ wie er selbst auf das Titelblatt schrieb. Ich war wohl nicht „lehrbegierig“ genug. – Aber das ist eine andere Geschichte.

Was allerdings geblieben ist, das ist meine Begeisterung für Bach – nicht nur fürs „Wohltemperierte Klavier“, sondern auch für seine Orgelwerke und Oratorien.

Bachs Präludium in C-Dur begegnet mir bis heute immer wieder – allerdings in einer bearbeiteten Form. Der französische Komponist Charles François Gounod hat 130 Jahre nach Erscheinen des „Wohltemperierten Klaviers“ das Präludium mit einer Melodie versehen und dann dazu den Gebetstext des Ave Maria gesetzt. Das ist bei Hochzeiten bis heute einer der „Tophits“! – Ich weiß dass, weil ich als Priester eine ganze Reihe von Trauungen halte, und da begegnet mir das Stück immer wieder. Die Brautleute sind davon sehr angetan – auch wenn sie oft nicht wissen, dass das lateinische Gebet zu den Grundgebeten der katholischen Kirche zählt: Es geht dabei um den Besuch des Erzengels Gabriel bei Maria, der sie begrüßt und ihr die Geburt Jesu verkündet. – Jungfrauengeburt bei einer Trauung. Eigentlich zum Schmunzeln – für mich jedenfalls.

Bach selbst hat das Verfahren schon in ähnlicher Weise angewandt: Er legte über einige seiner eigenen Kompositionen später einen neuen Text und machte damit aus einem weltlichen Musikstück ein geistliches. Die Musikwissenschaft nennt das Parodieverfahren. Ein ganz bekanntes Beispiel ist der Anfangschor des Weihnachtsoratoriums von Bach. Da heißt es unter Pauken- und Trompetenschall: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage.“ Wie gesagt: das ist eine musikalische Parodie. Ursprünglich hatte Bach die Musik komponiert als eine Glückwunschkantate für Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen und Königin von Polen. Und diese Kantate beginnt mit folgendem Text: „Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“

Von Salutklängen für eine Königin hin zur Ankündigung der Geburt des Gottessohnes – das ist doch auch zum Schmunzeln.

Jedenfalls finde ich bemerkenswert dabei: Bach hat bei diesem Parodieverfahren immer eine Richtung gewählt. Er ist von der weltlichen Komposition ausgegangen und hat sie dann für ein geistliches Werk verwandt – nie umgekehrt. Für mich steckt dahinter mehr als nur eine einfache Zweitverwertung von weltlicher Musik: alles Alltägliche, Weltliche, Profane, kann ich heranziehen, um daraus etwas anderes zu machen und zwar etwas Außergewöhnliches, Geistliches, Sakrales. Nichts ist zu banal und zu menschlich, als dass daraus nicht ein Hinweis auf Gott gezogen werden könnte.

Bach hat das geschafft mit seiner Musik, und so schrieb er unter all seine geistlichen Werke einen einfachen Satz: „Soli Deo Gloria!“ „Allein Gott zur Ehre!“ So verstanden, höre ich die Lieblingsstücke der klassischen Musik noch einmal ganz anders: Mögen sie noch so weltlich sein, sie verweisen immer auch über sich hinaus auf etwas Göttliches.

Und heute: Viel Freude mit den klassischen Lieblingsstücken. Das wünscht Ihnen Ihr Pater Philipp Reichling aus Duisburg-Hamborn.

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