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Das Geistliche Wort | 09.06.2019 | 08:40 Uhr

Sprachengewirr

Manchmal verstehe ich nur Bahnhof. Neulich beim Zahnarzt zum Beispiel. Unter dem gleißend hellen Licht der Behandlungslampe mit weit aufgerissenem Mund höre ich, wie der Arzt seiner Mitarbeiterin kryptische Kürzel diktiert. „Eins vier ok.“ „Drei drei ok.“ „Vier zwei e-f okklusal.“ Für mich eine verwirrende Sprache. Und um Sprachengewirr soll es heute am Pfingstsonntag gehen. Guten Morgen!

Der Zahnarzt ist Experte der Zahnheilkunde. Er hat, wie seine Mitarbeiterin, eine spezielle Ausbildung durchlaufen, hat eine Fachsprache gelernt. Er kann Krankheiten diagnostizieren, fachgerecht beschreiben und therapieren. Über die Fachsprache können der Zahnarzt und seine Mitarbeiterin sich problemlos verständigen. Da bin ich als Nichtexperte eben ausgeschlossen. Ich bin Theologe und in einer Gemeinde tätig und sprachlich wahrscheinlich auch befangen.

Neben meinem Zahnarzt kenne ich noch viele andere Experten. Meine Schwester zum Beispiel ist Finanzbeamtin. Auch sie beherrscht eine bestimmte Fachsprache. Wenn sie von Paragraphen der „A-O“ oder von der „Afa“ spricht, ist für mich recht schnell der Punkt erreicht, wo ich wiederum nur Bahnhof verstehe.

Ehrlich gesagt bin ich in meinem Leben von ziemlich vielen Experten umgeben: das sind nicht nur Ärzte oder Beamtinnen, sondern auch Anwälte, IT-Techniker aber auch Feuerwehrleute, Bäcker, Zugführer oder Musikerinnen. Und denen zuzuhören – da komm ich oft nicht mit.

Denn jeder und jede ist Fachmann oder Fachfrau auf einem anderen Gebiet mit eigener Fachsprache, die ich nicht verstehe.

Solange Experten unter sich bleiben, können sie sich ohne größere Schwierigkeiten über ihre Themen verständigen. Schwierig wird die Kommunikation erst dann, wenn jemand dabei ist, der die Fachsprache nicht gelernt hat. Er oder sie kann der Unterhaltung in der Regel kaum folgen, steigt resigniert aus. Kommunikation ist gescheitert, wegen Sprachengewirr! Und das in einem Zeitalter der Kommunikation – ganz schön verrückt.

Sprachengewirr und Kommunikation ist auch das Thema der Pfingstgeschichte, die heute in allen christlichen Gottesdiensten zu hören ist. Da heißt es:

Sprecher: "Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab." (Apg 2,1-4)

Verschiedene Sprachen, ja Sprachengewirr – aber trotzdem gelingt Kommunikation. Das ist der Clou der Pfingstgeschichte! Weiter heißt es da:

Sprecher: "In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie waren fassungslos vor Staunen und sagten: Seht! Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadokien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Kyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten,  Juden und Proselyten, Kreter und Araber - wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden." (Apg 2,5-11)

Jeder, wirklich jeder, versteht! Wie durch ein Wunder verstehen die verschiedenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Sprachen plötzlich etwas von den Taten Gottes.

Dass Kommunikation gelingt, ist keine Selbstverständlichkeit. Erst recht nicht heute in einer Gesellschaft voller Expertinnen und Experten. Der Soziologe Niklas Luhmann hat herausgearbeitet, dass unsere Gesellschaft aus ganz verschiedenen Teilsystemen besteht.[1] Jedes Teilsystem nimmt unser Zusammenleben aus einer anderen Perspektive in den Blick: Naturwissenschaftler suchen nach rationalen Erklärungen für Naturereignisse. Politiker ringen um Entscheidungen, wie Menschen zusammenleben können. Ökonomen trachten nach Gewinnoptimierung. Und Theologen wie ich stellen die Frage nach Diesseits und Jenseits – und so weiter. Aber können sich alle noch miteinander verständigen? Das Problem: Je mehr Teilsysteme es gibt, desto schwieriger wird es, dass Kommunikation gelingt. Denn jedes Teilsystem hat seine eigene Logik – seine eigene Fachsprache. Die zunehmende Erfahrung ist doch die eines Anti-Pfingstereignisses: Wir verstehen einander nicht mehr, weil wir nicht mehr dieselbe Sprache sprechen. Unsere Gesellschaft hat sich in zu viele einzelne Teilsysteme ausdifferenziert. Ich frage mich: Wie kann heute noch Kommunikation gelingen?

Kommunikation ist in einer ausdifferenzierten Gesellschaft schwierig. Jedes Teilsystem spricht seine eigene Sprache. Die Kommunikation des christlichen Glaubens ist von dieser Herausforderung nicht ausgenommen. Manche meinen gar, die Kirche verrecke an ihrer unverständlich gewordenen Sprache.[2] Jedenfalls hat auch die Kirche ein Kommunikationsproblem. Ihre Sprache bleibt zu oft in einer eigenen Welt. Und wer diese religiöse Fachsprache nicht erlernt hat, versteht oft nur Bahnhof. Dazu kommt die oft zu hörende Mahnung: „Glaube ist Privatsache.“, „Gott gehört in die Kirche.“ „Wer von Gott reden oder hören möchte, soll das in seiner Freizeit, am Wochenende in der Kirche oder beim Bibelkreis tun. Da gehört es hin!“

Und auf der Arbeit, da wird eben eine andere Sprache gesprochen – je nachdem, ob ich Facharbeiter, Physiker oder Krankenpfleger bin. Da stört Gott eher.

Früher war das noch anders. Da waren Kirche und Gesellschaft deckungsgleich. Fürsten waren Bischöfe und der Glaube strahlte in alle Lebensbereiche der Menschen hinein. Man sprach eine Sprache. Und in dieser Sprache kam das Wort „Gott“ wie selbstverständlich vor. Und zwar nicht nur bei der Predigt am Sonntag, sondern auch am Küchentisch, im Beruf, auf der Straße.

Heute dagegen frage ich mich: Gibt es denn keine universale Sprache mehr, die jeder versteht? Gibt es jenseits aller gesellschaftlichen Teilsysteme nicht noch etwas, was die Menschen miteinander verbindet? Oder, mit dem heutigen Pfingstfest gefragt: Gibt es einen alle verbindenden Geist Gottes? Gibt es noch eine Sprache, die alle Menschen verstehen? Gibt es noch einen Geist Gottes, der die Menschen miteinander verbindet? Ich glaube ja. Da nämlich, wo jemand sich zurücknehmen kann und einem anderen den Vortritt lässt, wird eine Sprache der Zuvorkommenheit gesprochen, die immer noch verstanden wird. Da, wo ich einfach und ohne Hintergedanken helfe, wird die Sprache der Hilfe und Liebe gesprochen, die jeder versteht. Und diese Sprache beschränkt sich nicht auf den Sonntag und seinen Gottesdienst.

Ich denke an eine Erzieherin in der Gemeinde, in der ich lebe. Ihr Christsein endet nicht an der Kirchentür. Auf ihrer Geburtstagsfeier stimmt sie mit allen, die gekommen sind, „Großer Gott wir loben dich“, an. Im Alltag packt sie überall mit an, wo gerade Hilfe benötigt wird. Und an ihrem Arbeitsplatz, einem Kindergarten, spricht sie mit den Kleinen über Jesus. Das beeindruckt mich! Denn hier passiert nichts anderes als Pfingsten: die frohe Botschaft von Gottes großen Taten wird anderen verständlich gemacht. Hier geschieht Übersetzung – Übersetzung des Glaubens vom Sonntag in den Alltag, von der Kirche ins Leben in einer universellen Sprache der Nächstenliebe.

Pfingsten ist ja genau das: dass Kommunikation der Glaubensbotschaft gelingt, dass Menschen in ihrem Leben etwas von Gott verstehen. Pfingsten bedeutet: Jeder hört auf einmal diese Botschaft der Liebe Gottes zu den Menschen in einer Sprache, die er versteht.

Pfingsten ist die Geschichte von geglückter Kommunikation. Wenn Verstehen gelingen soll, müssen Horizonte verschmelzen, hat einmal ein Philosoph gesagt.[3] Dann muss ich mein Anliegen so übersetzen, dass die, die eine andere Sprache sprechen, es dennoch verstehen können. Ich darf aber auch von anderen erwarten können, dass sie ebenfalls übersetzen und sich um diese universale Sprache der Liebe und Zurückhaltung, des Wohlwollens und des Mitgefühls bemühen.

Übrigens: Mein Zahnarzt kann das. Er hat beim letzten Untersuchungstermin gemerkt, dass ich nur Bahnhof verstehe und hat mit mir mitgefühlt. Dann hat er mir „vier zwei e-f okklusal“ so erklärt, dass ich verstanden habe, welcher Zahn welches Problem hat. So eine Übersetzung wünsche ich mir auch von allen, die an Gott glauben und von ihm reden. Kirche in einer ausdifferenzierten Gesellschaft hat die Aufgabe, zu übersetzen. Jeder, der mit dem Heiligen Geist getauft ist, hat die Aufgabe, seinen Glauben in sein Leben zu übersetzen – auf der Arbeit und zu Hause und zwar in einer universalen Sprache, die jeder versteht. Denn er ist ja mit dem Pfingst-Geist, einem Übersetzer-Geist, gestärkt. So darf er frohen Mutes sein, dass Kommunikation gelingt, dass beim Gegenüber etwas ankommt von Gottes großen Taten, zum Beispiel durch Wohlwollen, Mitgefühl, Hilfeleistung, Zuvorkommen. Denn wo solch eine Sprache vom Heiligen Geist erfüllt ist, da ist sie verständig, da grenzt sie niemanden aus, da ringt sie ums Verstehen, statt zu polarisieren, verbindet sie Horizonte.

 

Einen schönen Pfingsttag mit viel glückender Kommunikation wünscht

Philipp Schmitz aus Aachen

[1] Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grunriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a. M., 1984. [2] Vgl. Erik Flügge, Der Jargon der Betroffenheit. Wie dir Kirche an ihrer Sprache verreckt, München 2016. [3] Vgl. Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Gesammelte Werke Bd. 1. Hermeneutik I, Tübingen 1990.

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