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Das Geistliche Wort | 20.12.2020 | 08:40 Uhr

Da ist einer, der ja zu dir sagt

Musik 1: Süßer die Glocken nie klingen, CD: Christmas Lounge, Track 5, Interpret: Tierra Negra, Musik: trad., Label: Tierra Negra Records, EAN/ISBN: 4260020840123.

 

Autor: Weihnachten findet statt. Der Baum ist gekauft, der Kühlschrank ist voll, aber die Vorfreude hält sich bei vielen in Grenzen. Denn das Schönste und Wichtigste am Fest wird plötzlich geregelt: Besuch aus der Familie und in der Familie. Was ist möglich, was ist erlaubt, wie wollen wir es machen? Besondere Zeiten sind das. Klar, Weihnachten findet statt, aber anders als sonst. Bei allem Lockdown-Frust wird mir bewusst, wie wichtig das für mich ist: Verbindung mit den Menschen in der Familie und im Freundeskreis. Davon lebe ich. Und auch von der Verbindung mit Gott und dem Kind in der Krippe. Für das, was ich empfinde, hat der Soziologe Hartmut Rosa den Begriff der Resonanz ins Spiel gebracht.

 

O-Ton-Rosa 1: Dasein ist in Resonanz sein, in Verbindung treten mit etwas, was uns meint, dass da etwas ist, was von sich aus zu mir spricht, was mich etwas angeht und was mich meint.

 

Autor: Rosa’s Buch „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“ ist ein vielgelesenes Sachbuch. Auch wenn der Buchtitel auf den ersten Blick wissenschaftlich theoretisch klingt, es geht dabei um ein zutiefst menschliches Bedürfnis: In Verbindung mit anderen sein, andere, die mich wahrnehmen und die ich wahrnehme,

 

O-Ton-Rosa 2: diese Sehnsucht, dieses Verlangen, gesehen und gehört zu werden, aber auch, ja, antworten zu können, also selbst wirksam die andere Seite zu erreichen.

 

Musik 2: A Betlehem, Du Vesle By (O little town of Bethlehem), CD: Natt i desember, Track 6, Musik: Lewis H. Redner, Interpreten: Knut Reiersrud/Iver Kleive, Label: Kirkelig Kulturverksted, EAN/ISBN: 7041889645428.

 

Autor: Hartmut Rosa unterrichtet an der Universität in Jena. Bei den Resonanzbeziehungen, ohne die keiner von uns sein kann, geht es für ihn um andere Menschen, klar, aber auch um Dinge und um die Welt als Ganzes, die Schöpfung, das Universum oder, religiös gesagt, um Gott und meine Beziehung zu ihm.

 

O-Ton-Rosa 3: Also ich brauche Menschen, mit denen ich in Resonanz treten kann, Dialogpartner, Menschen, die ich lieben kann, Freunde zum Beispiel, Eltern oder auch Lebenspartnerinnen und -partner.

 

Autor: Menschen, die mir etwas bedeuten und denen ich etwas bedeute.

O-Ton-Rosa 4: Aber ich brauche auch einen Umgang mit Materialitäten, mit Dingen, mit Stoffen, zu denen ich mich in ein Resonanzverhältnis setzen kann.

 

Autor: Ein duftendes Glas Tee oder schneebedeckte Berge können das sein, ein Bild, ein Kunstwerk im Museum oder gerade jetzt in dieser Zeit, der gedeckte Weihnachtstisch mit Kerzen und Stollen nach Omas Rezept. Diagonale Resonanz heißt das bei Hartmut Rosa. Wenn’s um Dinge geht. Wenn’s um Menschen geht, dann nennt er das Resonanz auf horizontaler Ebene. Und dann gibt es da eben auch noch eine dritte Ebene, bei der es nicht nur um Dinge geht, die mir wichtig sind oder die mich mit Menschen ins Gespräch bringt, sondern die davon erzählt, wie das mit Gott ist und mit mir.

 

O-Ton-Rosa 5: Diese vertikale oder existentielle Achse der Resonanz, die unter dem liegt, weil natürlich Menschen sterben können oder sich mir entfremden können oder ich mich ihnen, und auch Dinge können verloren gehen. Und dann stellt sich die Frage: Was liegt am Urgrund meiner Existenz? Und das lässt sich dann nicht mehr einfach durch Dinge oder Menschen beantworten oder gar ersetzen.

 

Musik 3: Det Är En Ros Utsprungen (Es ist ein Ros entsprungen), CD: Jul Pa Svenska; Track 1, Musik: Michael Praetorius, Interpreten: Georg Wadenius/Arild Andersen/Jan Lundgren, Label: Parlophone Music Sweden, LC: 01666, EAN/ISBN: 4029759090212.

 

Autor: Für den Wissenschaftler und Christen Hartmut Rosa kommt auf der dritten Ebene der Resonanz Gott ins Spiel.

 

O-Ton-Rosa 6: Gott als Chiffre, als Inbegriff dafür, dass im Ganzen, dass die umgreifende Realität oder die letzte Wirklichkeit, wie man mit Jaspers oder anderen sagen könnte, dass die spricht, dass also am Grund unserer Existenz ein Antwortgeschehen liegt und nicht das schweigende Universum.

 

Autor: Wer nach Gott fragt und sucht, muss in den Weiten des Universums nicht verloren gehen.

 

O-Ton-Rosa 7: Da spricht etwas zu uns,

 

Autor: und wir können antworten.

 

O-Ton-Rosa 8: Also, ich denke mir Resonanz ja als wirklich zweiseitige Beziehung. Es braucht eines Brückenschlags, den ich nicht alleine herstellen kann.

 

Autor: Hartmut Rosa ist in einer nichtchristlichen Familie aufgewachsen. Verschiedene Menschen, vor allem aber die Lieder und die Musik haben ihn in die Kirche gelockt. In der Kirche hat er erlebt, wie Gott von sich aus die Brücke schlägt und er selber nur staunend spüren kann: Da meint und will einer mich.

 

O-Ton-Rosa 9: Ich erinnere mich, als ich noch als sehr Kirchenfremder mal in einem Gottesdienst saß, an diesen Satz, wo jemand betete: ‚Herr, du sagst ja zu mir, wenn alles nein sagt‘. Und das hat, ich hab das unmittelbar erfahren, was das bedeutet, dass da einer ist, der ja zu dir sagt, auch wenn die ganze Welt und du dir selber nicht mehr trauen kannst.

 

Autor: So hat er auch die Bibel kennen- und schätzen gelernt, vor allem einzelne Zeilen wie im Buch des Propheten Jesaja, wo Gott den Menschen zuspricht:

 

O-Ton-Rosa 10: „Ich hab dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“. Das gibt so’n unmittelbaren Sinn des Getragen- oder des Aufgehobenseins.

 

Musik 4: He knows my name, CD: Songs 4 Worship 50, Disk 2/Track 6, Musik/Text/Interpret: Tommy Walker, Label: Time Life/WEA, EAN/ISBN: 0610583305920.

He knows my name, he knows my every thought, he sees each tear that falls, and he hears me when I call.

 

Sprecherin Overvoice: Gott kennt meinen Namen, er kennt jeden Gedanken von mir, jede Träne, die ich vergieße, sieht er. Er hört mich, wenn ich rufe.

 

Autor: Wie wahr und wie schön! Wenn das nur immer so einfach wäre! Tränen können verbittern und verschließen: Kein Denken daran und kein Fühlen, dass Gott mich kennt, dass er mich sieht und hört!

 

O-Ton-Rosa 11: Natürlich ist es so, dass, wenn ich ganz schlecht gelaunt bin, weil ich ‘ne schlimme Niederlage erlitten habe, dann bin ich dispositional nicht in der Lage, also, in meiner Verfassung nicht willens oder nicht in der Lage, mich berühren zu lassen.

 

Autor: Das, was mich gerade umtreibt und beschäftigt, hat Einfluss darauf, was mich berührt oder nicht berührt. Wie das zu einem Dauerproblem werden kann, entlarvt augenzwinkernd die Anekdote vom Indianer in New York:

 

Sprecherin: Ein Indianer spaziert mit seinem New Yorker Freund durch Manhatten, bleibt plötzlich stehen, spitzt die Ohren und sagt zu dem Freund: „Wunderbar - ein Grillenzirpen mitten in Eurer Riesenstadt! Hör doch! Irgendwo muss sich hier eine Grille versteckt haben“. Der New Yorker sagt: „Ich höre gar nichts. Wie soll man auch bei diesem Taxigehupe das Zirpen einer Grille hören“. Da lässt der Indianer mitten im Straßenlärm ein 50cent-Stück fallen. Wie auf Kommando drehen sich die Fußgänger um und spitzen die Ohren.

 

Sprecherin: „Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“

 

Autor: Sagt die Bibel. Wenn deine Schätze Geld und materieller Besitz sind, dann wirst du darauf fokussiert sein.

 

O-Ton-Rosa 12: Also genaugenommen muss uns ja sogar das Badezimmer ansprechen und die Designermöbel und die Kaffeetasse. Und alles muss uns berühren und uns etwas sagen und zu uns sprechen. Und da ist, glaube ich, ‘n Problem drin.

 

Autor: Die Fixierung auf Designer-Möbel, auf das neueste Handy oder den PS-starken SUV vor der Haustür kann zur Resonanz-Sucht werden. Also: Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung durch das Umfeld in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, in der Schule, im Kollegenkreis auf der Arbeit. Viele werden sagen:

 

Sprecherin: An materiellen Dingen und die Resonanz, die ich dafür bekomme, hängt nicht mein Leben - eher schon an den Likes, die ich auf Instagram oder Facebook bekomme. Wer spitzt schon die Ohren für ein 50cent Stück auf der Straße?! Aber das Pling, das mir Facebook als Signalton sendet, wenn jemand einen meiner Beiträge mit „Gefällt mir” markiert oder einen Kommentar schreibt, darauf warte ich - manchmal sogar sehnsüchtig

 

Autor: Auch auf die Stimme von Gott? - vor allem dann, wenn die Likes ausbleiben oder die Kommentare oberflächlich und wenig wertschätzend sind, wenn du dich ignoriert oder zurückgesetzt fühlst?

 

O-Ton-Rosa 13: Das ist ‘ne interessante Frage, ob durch die Frustrierung von Resonanzerwartungen auf der horizontalen Ebene, ob gerade dadurch der Sinn für ‘ne Art von existentieller Tiefenresonanz entsteht, ja, wo man dann eben genau zu so etwas kommt wie diesem Satz: Herr, du sagst Ja zu mir, wenn alles nein sagt. Gott ist das, was noch Resonanz gibt oder uns in eine Art von Resonanzgeschehen stellt, wenn eben die Oberflächen alle verstummen.

 

Musik 5: O Come, O Come Emmanuel, CD (Single): O Come, O Come Emmanuel, Musik: trad., Text: John Mason Neale, Interpretin: Brooke Annibale, Label: Tone Tree Music, EAN/ISBN: 859735079689.

 

Sprecherin Overvoice: O komm, o komm, Immanuel, du wahres Licht der Welt. O komm, du Frühlingstag im Winter, komm und feure an unsere Lebensgeister durch deinen Advent. Vertreib die Schatten und die Nacht, durchbrich die Wolken und bring uns Licht! Freu dich, freu dich, o Israel, bald kommt, bald kommt Immanuel!

 

Autor: Ja, Gott soll mir wie ein Schatz sein, den ich finden will, wirst du dir sagen, wenn dir das das Suchen nach ihm und die Resonanz von ihm wichtig werden. Bleibt die Frage: Wie? Wie finde ich zu Gott, der mich sieht und der mich meint? Wie höre ich seine Stimme? Wie werde ich von ihm berührt? Wie geschieht das? Wann geschieht das und wodurch? Der Kopf und das Denken helfen uns da kaum weiter, jedenfalls nicht nur, aber das Herz, vor allem das Herz. Für Hartmut Rosa ist es schon immer und je länger je mehr die Musik, die ihm zu Herzen geht und mit ihr die Stimme des Heiligen.

 

O-Ton-Rosa 14: Ganz stark die Kirchenorgel, was einen ja wirklich das Berührtsein fühlen lässt - also, wenn ‘ne mächtige Orgel dröhnt, ist man mit dem ganzen Körper beteiligt. Oder auch dieses Segenslied ‚Herr wir bitten komm und segne uns‘.

 

Autor: Momente, die ihn spüren lassen,

 

O-Ton-Rosa 15: dass da was unaussprechlich Heiliges ist,

 

Autor: dass unser rationales Denken, auch das theologische, übersteigt und deswegen

 

O-Ton-Rosa 16: unaussprechlich bleibt.

 

Musik 6: Adeste Fideles (O Come All Ye Faithful), CD: Nordic Christmas, Track 7, Musik:

John Francis Wade, Interpreten: Tore Brunborg/Kjetil Bjerkestrand, Label: ACT, LC: 07644, EAN/ISBN: 614427904027.

 

Autor: Ich finde solche Momente im Gottesdienst, an Weihnachten, wenn's still wird, wenn ich innerlich zur Ruhe komme und spüre: Die Geschichte von damals, „es begab sich aber zu der Zeit“, sie ist jetzt für mich erzählt. Stille Nacht, heilige Nacht. Wie der leise rieselnde Schnee oder die funkelnden Sterne am Winterhimmel: oft erlebt und vor Augen gehabt - und dann plötzlich an einem bestimmten Tag im Tiefsten für mich: Heiliges Erschauern, Umgebensein von Gott, dem Schöpfer der Welt und des Lebens.

 

O-Ton-Rosa 17: In Verbindung treten mit dieser Kraft und der Unendlichkeit des Universums, wenn man in den Himmel schaut und zwar nicht über Computerbildschirme oder so, sondern mit bloßem Auge.

 

Autor: Für den Soziologen Rosa eine Erfahrung, die

 

O-Ton-Rosa 18: eher in einer Art von mystischer Verbindung liegt als in einem kognitiven System. Ich weiß, dass ich es nicht im Griff habe. Es hat auch einen Widerfahrnis- und vielleicht einen Gnade- oder Geschenkcharakter.

 

Autor: So wie eine Umarmung: Wenn ein Mensch mir liebevoll begegnet und in diesen Tagen zu mir sagt: ‚Fühl dich umarmt‘ und mich so spüren lässt, wie wertvoll ich ihm oder ihr bin, und mir dann die menschlichen Arme zu den Armen Gottes werden, und ich nur sagen kann: Danke, Gott, dass Du da bist und ja zu mir sagst.

Resonanz der Liebe, Liebe von Gott. In die Welt gekommen nicht zuletzt durch Jesus, das Kind von Bethlehem.

 

O-Ton-Rosa 19: Ich erinnere mich an eine Weihnachtspredigt, wo unser Pfarrer gepredigt hat: Das Besondere an Jesus ist eben nicht, dass er als strahlender König irgendwo sitzt oder auftritt, sondern er ist als Kind in ‘ner erbärmlichen Krippe geboren worden, und er endet am Kreuz, und dieses Kind will er sich nicht nehmen lassen. Und das hat mich wirklich tief beeindruckt. Das hab ich mir zu eigen gemacht. Ja, dieses Kind will ich mir nicht nehmen lassen, weil’s die Idee ist, dass da eine Antwortperson, ein Du genau da ist, wo es um die letzten Dinge geht, um den Tod, bei dem kein anderer mehr mitgehen kann.

 

Autor: So kann die besondere Botschaft von Weihnachten, das wir in besonderen Zeiten feiern, durch das ganze Jahr tragen, ja, durch das ganze Leben.

Dass Sie dies spüren und immer wieder neu davon berührt werden, wünschen Ihnen der Autor dieses Beitrags, Pfarrer Dietmar Silbersiepe aus Erkrath-Hochdahl, und Titus Reinmuth als Sprecher.

 

Musik 7: Å Kom, Å Kom Immanuel, CD: Pust Av Himmel, Track 1, Musik: trad., Interpreten: Tore Ljøkjel/Jon Børge Askeland/Stig Værnes/Oscar Jansen, Label: Lynor, EAN/ISBN: 7047430510016.

 
 

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

 

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