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Das Geistliche Wort | 17.02. 2019 | 08:35 Uhr

Das Leben ist zerbrechlich

Musik 1: Titel: Track 10 Fragile, CD: Fields of Gold. The Best of Sting 1984 – 1994, (3:54). Interpret: Sting, Label: 1994 UMG Recordings, Inc. © 1998 A&M Records Inc., ASIN: B001SQOM86, LC Nummer Barcode (Text): 7 31454 02869 1; Barcode (String): 731454028691, LC-Nummer: 0485

Autorin: Fragil und zerbrechlich ist das Leben. So besingt es der britische Musiker und Sänger Sting in seinem Song „Fragile“ (1).

Ja, zerbrechlich ist das Leben. Jeden Tag neu.

Niemand kennt die Zukunft.

Niemand weiß, wann und wie das Leben zuende geht.

Manchmal geschieht es friedlich und lebenssatt.

Manchmal viel zu früh.

Brutal herausgerissen aus dem Leben.

Durch eine Krankheit oder einen Unfall. Durch Gewalt und Terror.

Unendliches Leid, Verlust und Verzweiflung.

An den Bruchkanten und Narben des Lebens spüre ich verwundbare Haut.

Eingerissene Tiefenschichten.

Fragil. Zerbrechlich. Endlich.

Sting singt nicht nur davon, wie zerbrechlich das Leben ist.

Er sagt auch klar: Gewalt führt zu nichts. Nie und für niemanden. Auch nicht für diejenigen, die sich durch Bürgerkriege, Terror und Gewalt ihre eigene Macht sichern wollen.

Musik 2 = Musik 1

Autorin: Mit dem Song „Fragile“, „Zerbrechlich“, eröffnet Sting ein Live-Konzert. Dieses Konzert gibt er am Abend des 11. Septembers 2001 vor seiner Villa „Il Palagio“ in Italien. Einige Stunden vorher sind die beiden Türme des World Trade Centers aufgrund der Terroranschläge in New York eingestürzt. Erst will Sting das Konzert absagen. Die Anschläge in New York und Washington sind zu ungeheuerlich und entsetzlich. Die Zahl der Opfer steigt stündlich an. Schließlich entscheidet er sich doch für das Konzert. Er singt an gegen den Schmerz und den Wahnsinn. Die Terroristen sollen ihr Ziel nicht erreichen. Das Ziel, die menschliche Sehnsucht nach friedlichem Zusammenleben zu zerstören. Terror sät Hass und Gegengewalt. Hass führt zu noch mehr Hass, Gewalt zu noch mehr Gewalt. Aber die Opfer werden dadurch nicht wieder lebendig, die Angehörigen werden dadurch nicht getröstet. Stattdessen gibt es noch mehr Hass und Gewalt.

So auch einige Jahre später, am 13. November 2015. Da wird der Musikclub Le Bataclan in Paris Ziel eines Terroranschlages. 89 Menschen werden ermordet. Genau ein Jahr später, im November 2016, wird der Club in Paris mit einem Konzert von Sting wieder eröffnet. Wieder singt er „Fragile“. Wieder ein klares Zeichen gegen den Terror. Und die Menschen haben mit gesungen, geweint und an die Toten gedacht.

Mit einfachen Worten und einer zu Herzen gehenden Melodie fordert Sting mit seinem Song „Fragile“ dazu auf, achtsam mit dem Leben zu sein. Und er verheimlicht nicht, dass der Alltag oft ganz anders aussieht: voller Aggressionen und Häme.

Beleidigungen, Shitstorms und Mobbing haben Konjunktur - online und offline. Täglich werden immer mehr Nutzer der sozialen Netzwerke anonym beleidigt und beschädigt. Frieden – er braucht anderes: Er braucht Menschen, die zuhören können. Die neugierig sind und den anderen verstehen wollen.

Musik 3: Titel: Track 16 Everybody Hurts von CD: In Time 1988-2003. The Best of R.E.M., (5:18), Interpret: R.E.M., Label: Concord Records (Universal Music), ASIN: B01FK3FKX8 (8.07.2016). LC-Nummer: 00392

Autorin: Doch was heißt es zu begreifen: Das Leben ist zerbrechlich und endlich?

Der französische Journalist Antoine Leiris beantwortet die Frage auf seine Weise: Er hat bei den Terroranschlägen von Paris im November 2015 seine Frau Hélène im Club Le Bataclan verloren. Sie wurde vom Kugelhagel der Terroristen des Islamischen Staats ermordet. Ihr gemeinsamer Sohn Melvil war damals 17 Monate alt. Antoine Leiris hat sich über Facebook in einer Art offenen Brief an die Terroristen gewandt. Binnen kürzester Zeit wird sein Eintrag 77.000 Mal geteilt.

Sprecher: „Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. (…)

Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. Auch wenn ihr euch sehr darum bemüht habt; auf den Hass mit Wut zu antworten würde bedeuten, derselben Ignoranz nachzugeben, die euch zu dem gemacht hat, was ihr seid. (…)

Meinen Hass bekommt ihr nicht!“ (2)

Autorin: Antoine Leiris hat seine Ehefrau bei dem Terroranschlag in Paris verloren. Und sein Sohn seine Mutter. Niemand würde Antoine verdenken, wenn er den Terroristen den Tod wünschen würde. Aber genau das tut er nicht. Diese Macht will er den Terroristen nicht geben. Denn: Wer hasst, spricht die gleiche Sprache wie die Mörder. Wer hasst, bleibt mit den Mördern gefühlsmäßig verstrickt. Er macht sich abhängig, stiert nur noch auf die Täter. Das zerstört irgendwann auch das eigene Leben. Antoine Leiris weiß: Seine Lebensenergie würde verloren gehen. Dann würde keine Kraft übrigbleiben, seinem Sohn ein liebender Vater zu sein. Sein Leben wäre auf ewig darin gefangen, die Terroristen zu hassen und sich zu rächen.

Nach dem Terrorakt entscheidet er: Er wird nicht hassen. Trauern ja, weinen, schreien, schweigen, reden, schreiben, sich sehnen, vermissen, unendlich traurig und verzweifelt sein - über diesen sinnlosen Terrorakt, der sein Glück zerstört hat. Aber hassen wird er nicht.

Antoine Leiris hat dazu später auch ein Tagebuch geschrieben. Er dokumentiert darin die ersten Tage nach dem Mord an seiner Ehefrau. Ich habe das Buch gelesen, habe mit getrauert und mich erschüttern lassen. Und ich habe Respekt gewonnen vor seiner Entscheidung, Hass nicht mit Hass zu beantworten. Denn es macht die Toten nicht wieder lebendig, sondern vergiftet das Leben der Überlebenden.

Was er stattdessen tut: Den Mord an seiner Frau betrauern. Die Zerbrechlichkeit des Lebens beklagen. Das kostbare Leben seines Sohnes beschützen und alle Energie darauf verwenden, dass der Junge trotz des Verlustes der Mutter sein Leben weiter leben kann.

Musik 4: wie 3.

Autorin: Der Journalist Antoine Leiris hat sich entschieden: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“.

Bei der christlichen Feindesliebe geht es um ein ähnliches Grundprinzip. Das heißt:

Ich hasse nicht, nur weil du hasst. Ich morde nicht, nur weil du mordest. Stattdessen achte ich die Würde aller Menschen. Egal woher sie kommen, egal was sie tun und an was sie glauben. Das bedeutet nicht, dass ein Mörder straffrei bleibt. Ganz und gar nicht. Er muss sich vor Gericht verantworten. Aber es wird klar, was wichtiger ist: Respekt haben vor jedem Leben. Trotz allem. Diese Haltung durchbricht den Teufelskreis von Hass und Gewalt. Jesus drückt das in seiner berühmten Bergpredigt so aus:

Sprecher: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?“ (3)

Autorin: Mit Liebe ist gemeint: Ein respektvoller Umgang mit dem Nächsten. Und zwar nicht nur mit denen, die mir nahestehen oder die mir sympathisch sind. Sondern mit allen. Mit den Feinden, den Unbekannten, den Fremden und denjenigen, die ich nicht mag, weil sie anders leben und handeln als ich selbst. Das ist der Auftrag, den Jesus jeder Christin und jedem Christen ins Stammbuch schreibt.

Doch was bedeutet das?

Jesus ist überzeugt: Hass, Rache und Gewalt erzeugen nur noch mehr Gewalt. Ein Teufelskreis. Und ich bleibe Sklavin meiner feindseligen Gesinnung. Denn Menschen, die verfeindet sind, sind aneinander gebunden. Ob es einzelne sind oder eine ganze Nation. Rachefantasien ketten aneinander. Niemand lässt los. Niemand wird losgelassen. Denn wenn der eine dieses macht, muss der andere sofort jenes tun.

Ein teuflisches Prinzip. Am Ende weiß keiner mehr, wie das Ganze einmal angefangen hat. So verfahren ist die Situation, so hasserfüllt und vergiftet die Atmosphäre. Lieber stürzen beide Seiten in den Abgrund, als sich gegenseitig in Ruhe zu lassen, geschweige denn sich zu verzeihen. Es entsteht eine tiefe gegenseitige Abhängigkeit. Am Ende wird man von den eigenen Rachegefühlen aufgefressen. Oder noch schlimmer: Man wird in der Verstrickung seinem Feind immer ähnlicher, bis man ihm vollkommen gleicht. Diese unheilvolle Verstrickung in gegenseitiger Feindschaft kann in die DNA eines ganzen Volkes übergehen, ohne dass man davon loskommt.

Aber wie kann ich mich aus so einer Verstrickung lösen?

Der Journalist Antoine Leiris zeigt es: Unrecht beklagen, Schmerz aussprechen und veröffentlichen. Dann: loslassen. Das klingt einfach. Aber es ist ein langer Prozess. Und er beginnt mit dem ersten Schritt. Und so ein Schritt kann weit führen. Fronten können sich verflüssigen. Das Hirn ist nicht mehr vernebelt mit Rachegedanken. Und ich kann wieder daran denken, wie es weitergeht. Ich verkämpfe mich nicht länger, sondern habe Energie frei für das, was mir wichtig ist.

Klar, es ist immer ein Risiko. Viele nennen es naiv. Selbstmörderisch. Wahnsinnig. Ich nenne es mutig. Es braucht Menschen, die den ersten Schritt gehen, die sich trauen zu springen. Sie brauchen Zivilcourage und Mut. Es ist kein Zeichen von Schwäche loszulassen, sondern ein Zeichen von Besonnenheit und Stärke. Denn es gibt keine Garantie und keine Sicherheit, dass die andere Seite in ähnlicher Weise abrüstet. Das kann passieren. Automatisch geschieht es nicht.

Musik 5 = Musik 1

Autorin: Auf Frieden hoffen und gleichzeitig verletzt sein – das ist eine Bruchstelle, und genau dort tut es weh. Manchmal ist es unerträglich. Alles schreit, schmerzt und drückt den Atem ab. Gleichzeitig eröffnet jede Bruchstelle einen Spalt. Durch diesen Spalt kann Licht einfallen. Da, wo es weh tut, liegt auch eine Möglichkeit, geheilt zu werden. Es ist ein Hoffnungsbild: Die Bruchstücke und Fragmente meines zerbrechlichen Lebens (…). Sie werden trotz allem zusammen gehalten. Irgendwie. Wunden können heilen. Auch wenn Schmerz und Narben bleiben. Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit sind in den Augen Gottes wertvoll und machen das Menschsein aus. Und oft sind Menschen stärker als sie sich selbst vorstellen können. Wer Schmerz erlebt und sich zerbrechlich fühlt, zerbricht noch lange nicht. Und wenn jemand nicht mehr kann, dann ist da Licht, das durch die Ritzen scheint.

Dass Sie immer wieder Licht sehen und Hoffnung spüren, das wünscht Ihnen Ihre Kerstin Söderblom, Pfarrerin und Studienleiterin im Evangelischen Studienwerk in Villigst in Westfalen.

Musik 6 = Musik 1

Fußnoten:

(1) Songwriter von Fragile: Gordon Sumner

Songtext von Fragile © Sony/ATV Music Publishing LLC

(1987, Album Nothing Like the Sun)

Text:

If blood will flow when flesh and steel are one

Drying in the color of the evening sun

Tomorrow's rain will wash the stains away

But something in our minds will always stay

Perhaps this final act was meant

To clinch a lifetime's argument

That nothing comes from violence and nothing ever could

For all those born beneath an angry star

Lest we forget how fragile we are

On and on the rain will fall

Like tears from a star

Like tears from a star

On and on the rain will say

How fragile we are

How fragile we are

On and on the rain will fall

Like tears from a star

Like tears from a star

On and on the rain will say

How fragile we are

How fragile we are

How fragile we are

How fragile we are.

(2) Antoine Leiris, meinen Hass bekommt ihr nicht, München 2016, S. 59-61.

(3) Matthäus 5,44–47.

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