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Das Geistliche Wort | 18.10.2020 | 08:40 Uhr

Der Antisemitismus trägt weißen Hemdskragen

Autorin: Unsicher stehe ich vor meinem Kleiderschrank – was soll ich nur anziehen. Gleich treffe ich die Jüdin - Ruth Schulhof-Walter in der Kölner Synagogengemeinde. Ich kenne sie nur vom Telefon. Eine Stunde haben wir sehr intensiv diskutiert. Es ging direkt um alles.

Sie Tochter eines Holocaust Überlebenden, der seine gesamte Familie im KZ verloren hat. Ich – zumindest potenziell – die Tochter der Täter auch wenn mein Vater kein Nazi war. Am Ende des Telefonats steht fest: Sie kann mir vertrauen.

Ob sie eine orthodoxe Jüdin ist – keine Ahnung. So eine mit Perücke und Seidenstrümpfen – mitten im Sommer? Also, was soll ich anziehen. Ich entscheide mich für ein legeres Sommeroutfit mit viel Stoff.

Als ich ankomme, muss ich durch eine Schleuse. Wie am Flughafen. Dahinter wartet sie schon auf mich. Wir sind uns sofort sympathisch. Sie trägt Jeans und T-Shirt. Auf dem Kopf wilde, blonde Locken. Wir gehen direkt in medias res. Juden in Deutschland heute – hat der Antisemitismus zugenommen?

 

 O-Ton: Jeder privat merkt das, und auch wir als Synagogengemeinde merken das.

Die Bedrohung nimmt zu, die Anrufe, die E-mails, die persönlichen Ansprachen, die Drohanrufe, also das wird schon sehr viel mehr. Und die Familie, die jetzt Kinder haben, die melden uns immer wieder, dass ihre Kinder gemobbt und bedroht werden.

Das Gängigste ist tatsächlich, was, was man so aus der Presse kennt, dass Kinder mit „Du Drecksjude “ auf dem Schulhof betituliert werden oder geschlagen werden oder sich drei auf einen stürzen.

 

Autorin: Erzählt Ruth Schulhof-Walter. Die nüchterne Juristin neigt nicht zu Übertreibungen. Ich aber bin befangen. Sie merkt es und bietet mir Kaffee an und koschere Kekse. Homemade. Aus der Küche der Gemeinde. Essen hilft. Ich fange an, mich zu entspannen.

 

O-Ton: Unsere Jungens tragen in der Öffentlichkeit so gut wie keine Kippa.

Die Kinder tragen auch keinen Davidsstern um den Hals, der sichtbar ist und die Eltern sagen ihnen immer wieder – wenn zu Hause z. B. Hebräisch gesprochen wird: Sprecht in der Bahn deutsch. Die Kinder werden schon von zu Hause darauf hingewiesen, vorsichtig zu sein.

 

Autorin: Aus gutem Grund. Der Antisemitismus hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten drastisch zugenommen. Und nicht jeder Vorfall landet in der Presse, sehr wohl aber bei dem Zentralrat der Juden.

 

O-Ton: Angefangen hat das im Grunde genommen jetzt wieder so vermehrt aufzutreten zum einen mit der AFD, die das salonfähig macht mit der Welle der Flüchtlinge, die gekommen sind und dann hat sich das gesellschaftliche Klima aufgrund dieser Flüchtlingswelle schon so geändert, das vermehrt gegen alles, was nicht in Gänsefüßchen „ursprünglich deutsch“ ist, sehr viele Vorbehalte da sind sehr viel Aggression da ist.

 

Musik:  Winter came early, Interpret: Mo' Blow, Komponist: Tobias Fleischer, CD: Gimme the Boots, Track 10, Label: ACT Music + Vision GmbH & Co. KG, LC: 07644

 

Autorin: Antisemitismus kennt Ruth Schulhof-Walter von klein auf. Als Vierjährige ist sie von Israel nach Deutschland gekommen. Zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern. Sie erinnert sich noch an ihre Kindheit in Tel-Aviv. An den Strand. Die pralle Sonne, ihre empfindliche Haut, die unbeschwerten Sommertage. Deutschland sollte nur eine Zwischenstation sein auf dem Weg nach Australien. Ihr Vater ist Bierbrauer. Er hat dort in Übersee schon alles klar gemacht. Doch dann überfällt ihn die Wehmut. Obwohl Überlebender der Shoah, bleibt er in Deutschland. Zusammen mit seiner Familie.

 

O-Ton: Bis jetzt habe ich mich hier eigentlich ganz sicher gefühlt. Ja, ich trage keinen Davidsstern um den Hals, ich trage keine Kippa in der Öffentlichkeit, ich habe auch schon früher schon antisemitische Äußerungen gehört, aber das waren Äußerungen, da war keine Gewalt. Jetzt kommt die Gewalt und der fühle ich mich hilflos ausgeliefert und ich fühle mich auch deshalb hilflos ausgeliefert, weil die Justiz nicht reagiert. D. h.  die, die gewalttätig werden gegen Juden, die werden nicht wirklich bestraft. Das wird immer runtergespielt.

 

Autorin: Ruth Schulhof-Walter spielt auf den Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge 2014 an. Erstaunlicherweise sind die jugendlichen Brandstifter damals mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Es habe sich um einen dummen Jungenstreich gehandelt – urteilte der Richter. Der Anschlag sei angeblich nicht antisemitisch gewesen, er habe nicht den Juden, sondern Israel gegolten.

 

O-Ton: Das heißt: Die Dimension dieser Tat hat der Richter nicht gesehen. Das sind die Dinge, die mir Angst machen. Wenn jemand mit 22 einen Brandsatz auf eine Synagoge wirft. Dann weiß er, was er tut. Das ist kein dummer Jungenstreich. Der junge Mann in Halle hat auch gewusst, was er tun will. Ganz genau gewusst. Er sagt es auch. Er wollte Juden töten. Wenn ich einen Brandansatz auf eine Synagoge schmeiße, dann will ich auch Juden töten. Das ist ein Mordversuch, das ist kein dummer Jungenstreich.

 

Autorin: Dass Polizei und Justiz auf dem rechten Auge manchmal blind sind, ist mittlerweile bekannt. Spätestens der NSU Prozess hat dies drastisch verdeutlicht. Für Ruth Schulhof-Walter hat sich wirklich etwas verändert:

 

O-Ton:  Als in den 90 er Jahren die Braunen waren mit den Springerstiefeln und den Glatzköpfen: Vor denen habe ich keine Angst, die sehe ich. Ich habe Angst vor den Antisemiten mit den weißen Kragen, die in hohen Positionen sitzen und das nimmt   - so wie ich das hier erlebe und ich arbeite in der Synagogengemeinde – nimmt das zu. Und ich fühle mich nicht mehr sicher. Und deshalb überlege ich, ob ich gehe.

 

Musik: Sunsqueezed, Interpret: Mo' Blow, Komponist: Matti Klein; Album: Gimme the Boots, Track 7, Label: ACT Music + Vision GmbH & Co. KG, LC: 07644

 

Autorin: Viele ihrer jüdischen Freunde und Freundinnen wandern nach Israel aus, sobald sie im Ruhestand sind. Auch von Gemeindemitgliedern weiß sie das. Sie brechen ihre Zelte in Deutschland endgültig ab oder behalten hier noch einen zweiten Wohnsitz. Pendeln alle drei Monate hin und her.

 

O-Ton: Ja, in Israel ist es auch nicht sicher. Da kommen regelmäßig, alle paar Tage aus Gaza Raketen – auch da ist es unsicher, aber da werde ich nicht diskriminiert. Ich fühle mich in diesem Land dreimal mehr sicher als hier.

 

Autorin: Das hat auch mit Corona zu tun. Was aktuell in Deutschland – in Zeiten von Corona – wieder auflebt, ist die Jahrhunderte alte Wahnvorstellung, dass Juden Schuld an den Seuchen sind. Im Mittelalter hat man ihnen die Schuld an der Pest gegeben. Man hat ihnen vorgeworfen, sie hätten die Brunnen vergiftet und so habe die Seuche ausbrechen können. Fakt ist: Die Juden haben ihre Brunnen besonders tief gegraben – so wollen es nämlich ihre Reinheitsvorschriften - die Pesterreger sind deshalb mit dem Wasser gar nicht erst in Berührung gekommen. 

 

O-Ton: Es ist immer sehr einfach, wenn man etwas nicht versteht, jemanden die Schuld zu geben, aber das was jetzt in manchen digitalen Veröffentlichungen zu lesen ist, das ist nichts anderes als das, was es im MIttelalter schon mal gab. Da war es die Pest und jetzt ist es Corona. Und die Juden Schuld an Corona. Das ist eben sehr einfach und ich würde mir wünschen, dass die Mehrzahl der Bevölkerung das mal registriert und ihre Meinung ändert. 

 

Autorin: „2022 bin ich weg“, sagt Ruth Schulhof-Walter. Und das meint sie ernst. „Weg“ heißt in Israel. Doch bis dahin hat sie sich noch etwas Großes vorgenommen.

Sie ist im Vorstand des Vereins 321-2021 – 1700 Jahre Judentum in Deutschland. Vor 1700 Jahren hat sich die erste jüdische Gemeinde in Köln gegründet. Die Vorbereitungen für das Festjahr laufen auf Hochtouren. Bundesweit werden Ausstellungen laufen, Konzerte, Symposien, Aktionen. Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft übernommen.

Ruth Schulhof-Walters persönliches Ziel: Antisemiten zu bekehren. Sie davon zu überzeugen, dass Juden Menschen sind wie du und ich. Was sie sich wünscht:

 

O-Ton 9: 13:07 Dass in der breiten Öffentlichkeit einfach mal registriert wird, dass wir Menschen sind wie alle anderen.  Wir unterscheiden uns nicht. Wir müssen duschen und essen, wir müssen unsere Steuern zahlen, wir gehen arbeiten. Das Einzige was uns unterscheidet ist die Religion und die Tradition. D.h. Wir feiern nicht Weihnachten und Ostern und wir haben vielleicht einen anderen Familienzusammenhalt. Aber ansonsten sind wir Nachbarn wie alle anderen auch.

 

Musik:  Ray, Interpret: Mo' Blow, Komponist: Matti Klein; Album: Gimme the Boots, Track 4, Label: ACT Music + Vision GmbH & Co. KG, LC: 07644

 

Autorin: Juden sind Teil unserer Kultur in Deutschland und Europa – sie sind unsere Väter und Mütter im Glauben. Gott ist in Jesus, einem Juden, Mensch geworden. Jesus wurde als Jude geboren und starb als Jude. Er war gläubig und gesetzestreu. Und die Heilige Schrift der ersten christlichen Gemeinden war die hebräische Bibel. Sie ist es übrigens bis heute. Christen sind mit dem Judentum also eng verbunden. Ich habe den Eindruck, dass ist ein Wissen, das zunehmend verloren geht. Und es gibt eine zunehmende Respektlosigkeit, die mich zutiefst beschämt.

 

O-Ton: Unser Rabbiner, der ein geborener Schweizer ist, eigentlich in Israel lebt und jetzt bei uns hier Gemeinde Rabbiner ist. Der hat gesagt: Ich brauche kein Auto. Ich fahre Straßenbahn und Bus. ich möchte gerne, wenn ich unterwegs bin, Kontakt zu den Menschen hier in Köln und nicht nur zu den Gemeindemitgliedern.  Das hat der ein paar Wochen gemacht und dann hat er gesagt: Das ist ihm zu gefährlich. Er ist mehrfach angegangen worden in der Straßenbahn und jetzt fährt er Auto. Natürlich er trägt `ne Kippa, aber er ist ein älterer Herr, der niemandem was tun würde und trotzdem haben die jungen Männer ihn angegriffen.

 

Autorin: Mein Gott, ist mir das peinlich. Das ist ja so, als könnte ich als Pfarrerin mit meinem Talar nicht U-Bahn oder Bus fahren, ohne angegriffen zu werden.

 

Musik: 75 percent in Love

Interpret: Mo’Blow; Komposition: Felix F. Falk; Album: For Those About To Funk, Track 11; Label: ACT Music + Vision GmbH & Co. KG, LC: 07644

 

 

Als ich gehe sagt, sagt die Jüdin Ruth Schulhof-Walter: Wenn sie Hilfe brauchen, ich bin für sie da. Das rührt mich sehr. Was uns wirklich verbindet ist der Glaube an Gott. Im jüdischen Gottesdienst sitzen Männer und Frauen getrennt. Unter den Frauen ist eine besondere Energie, erzählt sie. Die trägt. Ich beginne zu verstehen. Auch ich spüre diese Energie zwischen uns Frauen. Und gleichzeitig schäme ich mich. Für all das, was wir ihrem Volk angetan haben und immer noch antun. Ihre Synagoge ist ein Hochsicherheitstrakt. Als ich gehe, muss ich wieder durch die Schleuse. Wie am Flughafen. Oder so wie bei meinem Mann. Er ist Pfarrer in einem Gefängnis. Und gleichzeitig weiß ich, ich werde an ihrer Seite kämpfen. Gegen Antisemitismus. Nicht die Juden zu bekehren, sondern die Antisemiten, das ist das Gebot der Stunde.

Ich hoffe, auch Sie sind dabei.

Einen angenehmen Sonntag, Shalom, Friede sei mit Euch,

Ihre Sabine Steinwender Schnitzius, Rundfunkpastorin aus Wuppertal.

 

Musik: 75 percent in Love (auf Schluss)

Interpret: Mo’Blow; Komposition: Felix F. Falk; Album: For Those About To Funk, Track 11; Label: ACT Music + Vision GmbH & Co. KG, LC: 07644

 

 

Quellen:

Nach Auschwitz – Die radikale Anfrage an Anthropologie und Gotteslehre, aus der

Reihe: Religion betrifft uns, Bergmoser und Höller Verlag AG, 2015 (1)

 

Juden und Verschwörungstheorien, von Sabine Kaufmann und Tobias Aufmkolk in: planet-wissen. de, zuletzt aufgerufen am 14.9.20

 

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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