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Das Geistliche Wort | 26.01.2020 | 08:40 Uhr

Der Geschmack von Frühling im Winter

Autorin:

Guten Morgen,

kalt ist es draußen,

die Natur ruht sich aus,

ist noch im Winterschlaf.

Das Alte ist vergangen,

das Neue noch nicht so richtig in Sicht.

Nur hier und da

übt schon jemand das Blühen:

das ein oder andere Schneeglöckchen.

 

Musik: Track 4: Comptine d’un autre été, làprès-midi, Yann Tiersen

 

Autorin:

Einer Legende nach

wurden sie von einem Engel erschaffen.

Und zwar von dem,

der einst Adam und Eva aus dem Paradies vertrieb.

 

Bitterkalter Winter soll es gewesen sein

und Eva glaubte nicht mehr daran,

dass es irgendwann wieder Frühling werden würde.

Daraufhin hauchte der Engel Schneeflocken auf die Erde,

die sich dann in Schneeglöckchen verwandelten.

 

Musik: Track 11: La valse d’Amélie (Version orchestre), Yann Tiersen

 

Autorin:

Auf meinen Spaziergängen durch die Natur finde ich sie.

Sie sind mit die Ersten, die sich trauen,

vom Frühling zu erzählen,

obwohl er noch längst nicht da ist.

 

Ungeduldig und neugierig

bringen sie den Schnee ringsum zum Schmelzen,

begrüßen keck die Lichtstrahlen,

und sind es noch so wenige.

 

Ihr Lied klingt nach trotzigem Trost,

nach Hoffnung hochhalten,

nach „alle Jahre wieder“.

 

Ihr lieben Glöckchen im Schnee,

ihr dürft jederzeit bei mir läuten,

mich überraschen,

mir was zeigen vom Frühling,

so heißt ihr ja auch,

„Zeigerpflanzen des Vorfrühlings“.

 

Eines habt ihr mir neulich schon gezeigt:

nämlich, dass Ameisen nicht nur kleine Nervensägen sein können,

sondern wahre Hoffnungsträgerinnen sind.

 

Indem sie nämlich euren Samen spazieren führen,

den Nährkörper dabei fressen

und den Samen anschließend fallen lassen.

So tragen Ameisen zu eurer Verbreitung bei.

 

Seit ich das weiß gehen sie mir

nicht mehr so sehr auf den Zeiger,

wenn sie sich mal in meine vier Wände verirren.

Freudenbotinnen sind sie,

genauso wie ihr,

ihr lieben Schneeglöckchen.

 

Musik: Track 11: La valse d’Amélie (Version orchestre), Yann Tiersen

 

Autorin:

„Kleine weiße Blume“ wurde einst auch

die Mystikerin Thérèse de Lisieux genannt.

Sie kam im späten 19. Jahrhundert

in der Normandie zur Welt.

Als Tochter eines Uhrmachers

und einer Spitzenmacherin.

 

„Wenn alle kleinen Blumen Rosen sein wollten“,

sagte sie mal,

„so verlöre die Natur ihren Frühlingsschmuck,

und die Fluren wären nicht mehr übersät

mit kleinen Blümchen.“ (2)

 

Thérèse de Lisieux glaubte daran,

dass jede noch so kleine liebevolle Geste

einen Unterschied macht in dieser Welt.

 

Als sie mit 15 Jahren in das Karmelitinnenkloster von Lisieux eintrat,

suchte sie bewusst die Freundschaft zu jenen Mitschwestern,

die ihr eher nicht sympathisch waren.

 

Nicht um laute Worte ging es ihr,

sondern um die leisen Zeichen mitten im Alltag.

Dort wo sie arbeitete -

ob an der Pforte oder in der Sakristei,

im Speisesaal oder in der Wäschekammer -

aufmerksam zu sein,

den Menschen und den Dingen gegenüber.

 

Vom „kleinen Weg“ der Liebe sprach sie.

 

Dabei litt sie häufig unter starken Zweifeln,

lebte in innerer Dunkelheit.

 

Vielleicht wusste sie sich deswegen besonders verbunden

mit Menschen, die auf der Suche waren.

Mit den Sehnsüchtigen

und mit den Andersgläubigen.

Mit den Armen

und mit den Hilflosen.

 

Ihre Ungetröstetheit verwandelte sie

immer wieder in trotzige Liebe;

besonders in den letzten,

schweren Monaten ihres Lebens,

bevor sie mit 24 Jahren

an Tuberkulose starb.

 

„Ich kann nicht beten!“ sagte sie auf dem Sterbebett. (3)

Aber auch: „Mein Gott, ich liebe dich.“ (4)

Das sollen ihre letzten Worte gewesen sein.

 

Musik: Track 11: La valse d’Amélie (Version orchestre), Yann Tiersen

 

Autorin:

Die Mystikerin Thérèse de Lisieux

ging in ihrem Leben

den sogenannten „kleinen Weg“ der Liebe.

Welcher Weg liegt heute vor mir?

 

Ich sehe die Schneeglöckchen um mich herum und frage mich:

Welche Schneedecke, welches Eis,

könnte ich heute zum Schmelzen bringen?

Welche Hoffnung hochhalten,

wie zu einer solchen Zeigerpflanze werden?

Den Vorfrühling einläuten,

wo alle noch dem Winter glauben?

 

Thérèse de Lisieux gehörte zu dem Orden

der Unbeschuhten Karmelitinnen.

Als äußeres Zeichen ihrer inneren Haltung

zogen die Nonnen beim Eintritt in den Orden ihre festen Schuhe aus

und stattdessen Sandalen an, wie arme Leute damals.

Teils gingen sie auch barfuß.

 

Ich überlege:

Vielleicht ziehe ich heute auch mal meine Schuhe aus,

und gehe ein paar Schritte barfuß weiter,

um herauszufinden,

wo ich stehe,

auf welchem Boden,  

und wie ich sie gehen kann,

diese kleinen Schritte der Liebe.

 

Musik: Track 11: La valse d’Amélie (Version orchestre), Yann Tiersen

 

Autorin:

Ich wage mich hinaus:

Ist der Boden unter meinen Füßen warm oder kalt?

Weich oder hart oder irgendwas dazwischen?

 

Wie fühlt sich eine Wiese an, wie der Schnee

und wie eine Pfütze?

Wie der Kies,

die Teerstraße und

wie der Zebrastreifen?

 

Welche Geräusche machen meine Füße,

und was bleibt an ihnen kleben?

 

Wie weit kann ich gehen und wie tief -

wie schnell bin ich,

und wie langsam muss ich werden?

 

Musik: Track 11: La valse d’Amélie (Version orchestre), Yann Tiersen

 

Autorin:

Ich bin wieder zuhause angekommen,

husche schnell in meine Wohnung …

 

… teste noch ein wenig weiter:

wie fühlt sich der Holzboden an,

wie der Läufer,

und wie die Fliesen im Bad?

 

Langsam wird es mir etwas kalt,

ich ziehe mir wieder Socken und Schuhe an,  

und bin um einige Fragen reicher -

und um einige Ideen,

was den Weg vor meinen Füßen angeht,

und von wo aus es losgehen kann,

was anders zu machen.

 

Musik: Track 3: La valse d’Amélie, Yann Tiersen

 

Autorin:

Den Vorfrühling einläuten,

den Neuanfang,

wie ein Schneeglöckchen,

wo alle noch dem Winter glauben.

 

Wie geht das?

 

Ich könnte heute ein paar neue Wörter erfinden.

Zum Beispiel aus dem Wort „Tugend“ ein Tu-Wort machen;

wie wäre es mit folgender Wortschöpfung: „tügern“?

Das meint „etwas Positives hervorheben“,

während „Lästern“ von „Laster“ kommt.

 

Apropos Laster:

Im Loslassen könnte ich mich heute üben -

von Lastern und von Lasten.

Ich könnte verzeihen.

Mir selbst. Und der Freundin,

dem Partner, den Eltern.

Die Fenster aufreißen,

und mein Herz den ersten Sonnenstrahlen hinhalten;

dass mir wieder warm wird,

von innen her warm,

leicht ums Herz.

  

Ich könnte das Schöne im Unperfekten meines Lebens suchen.

Dafür gibt es im Japanischen sogar einen eigenen Ausdruck: „Wabi Sabi“.

Und eine davon inspirierte Reparaturkunst: „Kintsugi“.

Zerbrochene Gefäße werden wieder zusammengefügt;

Bruchstellen mit goldener Farbe hervorgehoben.

Aus Wunden werden Wunder.

 

Wie gut ist das:

Wenn Narben nicht mehr versteckt werden müssen;

die auf der Haut und die auf dem Herzen.

Wenn das, was mich gezeichnet hat, mich gleichermaßen auszeichnet.

Und mein Zerbruch der Beginn von etwas Neuem sein kann;

das Alte dabei aber nicht weg muss, sondern zur Erfahrung wird,

Erfahrung, die Gold wert ist,

Gold, das geteilt werden will.  

 

Ich könnte heute Menschen einladen.

Menschen, die mir sonst nicht auf Anhieb in den Sinn kämen:

Freunde, die ich ewig nicht gesehen habe.

Oder die alte Dame in meiner Straße.

Ich könnte meine Nachbarschaft einladen.

Nicht einfach zu einem fertigen Kaffeeklatsch.

Nein, wir könnten alles gemeinsam vorbereiten,

zusammen etwas backen.

 

Eine bulgarische Kulturanthropologin

hat diese schöne Idee entwickelt:

das sogenannte „Nachbarschaftsbacken.“

 

Dr. Nadezhda Savova-Grigorova lädt

einmal im Monat die Nachbarschaft ein,

in ihre Bio-Bäckerei in Sofia.

Zum gemeinsamen Backen.

Um Verständigung zu fördern.

Ihr Motto ist: „Make bread, not war!“

 

Sie weist darauf hin,

dass in allen drei abrahamitischen Religionen

das Brot eine verbindende und heilige Bedeutung hat.

Bethlehem, der Geburtsort Jesu,

heißt sogar übersetzt „Haus des Brotes“.

Und doch ist unsere Welt so zerklüftet wie nie

und Bethlehem einer ihrer zerrissensten Orte.

 

Mittlerweile gibt es die sogenannten Brothäuser

nach dem Vorbild von Savova-Grigorova

in 20 Ländern auf fünf Kontinenten.

 

Musik: Track 3: La valse d’Amélie, Yann Tiersen

 

Autorin:

Ich lasse mich inspirieren,

und stehe heute gemeinsam mit Familie, Freund*innen,

Jung und Alt an unserem langen Küchentisch,

um Hefegebilde zu backen.

 

Wir bestäuben die Tischplatte mit Mehl

und entdecken, dass man darin malen kann.

Einfach mit den Fingern, ganz ohne Farbe.

 

Wir geben uns ein Thema: die letzte Woche.

Und wir fangen an zu erzählen. Versuchen eine Spur.

Weniger mit Worten,

eher still, mit Bildern,

in diesem Mehl

auf dem Tisch,

um den herum wir miteinander stehen.

 

Musik: Track 5: The Drowned Girl, Yann Tiersen

 

Autorin:

Dann schieben wir das Mehl

in der Mitte des Tisches zusammen und vermengen es

mit der in lauwarmer Milch aufgelösten Hefe.

Wir geben lauwarme Butter und ein wenig Salz und Zucker dazu,

vermen­gen die Zutaten,

verbinden alles zu einem großen Ganzen

und kneten, kneten, kneten.

 

Jetzt braucht der Teig Ruhe.

Wir geben ihn in eine Schüssel,

decken ihn vorsichtig zu,

stellen ihn an einen warmen Ort und lassen ihn gehen.

 

Und wir?

Wir reichen einander die Jacken und gehen auch.

Nehmen uns ein Stündchen Zeit für einen Spaziergang

durch die Natur,

auf der Suche nach den ersten Schneeglöckchen.

 

Musik: Track 5: The Drowned Girl, Yann Tiersen

 

Autorin:

Als wir zurückkommen,

ist der Teig groß, und das Staunen auch.

Was Zeit bekam, ist gewachsen.

Worauf wir gehofft haben, ist aufgegangen.

So sehr, dass es für alle reicht.

Wir teilen den Teig untereinander auf,

dann formen wir daraus Bilder.

 

Dabei kommen wir von Hölzken auf Stöcksken,

von der letzten Woche auf die kommende Woche,

vom Fragen aufs Wagen …

 

Und dann vertrauen wir unsere Kunstwerke

dem Ofen an.

 

Nach und nach durchzieht der Duft von Frischgebackenem

das Haus, bis auch der letzte Winkel angefüllt ist davon.

 

Das riecht nach Familie, nach Kindheit, nach früher.

Aber auch nach hier und heute.

Nach Sonntag.

Und nach Kaffeekränzchen.

 

Nach Leben teilen,

mit vielen verschiedenen Menschen,

von überall her,

alle mit ihren eigenen Geschichten,

vereint an einer langen Tafel.

 

Musik: Track 5: The Drowned Girl, Yann Tiersen

Autorin:

Als alle wieder weg sind,

lese ich in einem Buch von Augustinus,

einem algerischen Philosophen

und Kirchenvater,

folgende Worte:

 

„Liebe und tu, was du willst!

Schweigst du, so schweige aus Liebe.

Redest du, so rede aus Liebe.

Rügst du, so rüge aus Liebe.

Schonst du, so schone aus Liebe.

Trage Liebe in deinem Herzen.

Aus dieser Wurzel kann nichts anderes

als Gutes hervorgehen.“ (5)

 

Und ich denke:

das ist wie Frühling mitten im Winter,

wie Blumen im Schnee, Schneeglöckchen,

 

Und: wie Brotbacken mit der Nachbarschaft,

und endlich lernt man einander kennen,

 

an einem Sonntag wie heute

mitten im Januar.

 

Musik: Track 1: I’ve Never Been there, Yann Tiersen

Autorin:

Es grüßt Sie Stephanie Brall

von der evangelischen Kirche

aus Hildesheim.

Musik: Track 1 bis Ende

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

Anmerkungen:   (1)    Gesamttext in Anlehnung an: Stephanie Brall et al, Leben lieben: Kreative Inspiration für Feiertage, Allerweltstage und Lieblingstage. bene! Verlag. 2019. S. 44+54-57, ISBN 978-3-96340-049-0.  
(2)    Thérèse von Lisieux aus: Thérèse von Lisieux, Selbstbiographie, Johannes Verlag, Einsiedeln 1958, S.5, ISBN 978-3-89411-280-6
(3)    Thérèse von Lisieux aus: Christian Feldmann, Kämpfer, Träumer, Lebenskünstler, Große Gestalten und Heilige für jeden Tag, Herder, 2005, S. 465, ISBN 978-3-451-273254 
(4)    Thérèse von Lisieux aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Therese_von_Lisieux (16.1.2020)  
(5)    Aurelius Augustinus aus: ders., Bekenntnisse, X, 27 (um 400)

 

GEMA-Angaben:

Die fabelhafte Welt der Amélie, Musik von Yann Tiersen, veröffentlicht am 23.04.2001 © 2011 Victoires Productions-Parlophone/Warner Music France, a Warner Music Group Company, LC 03098, ASIN: B00005QITU

 


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