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Das Geistliche Wort | 25.12.2020 | 08:40 Uhr

Der Gott mit dem Antlitz des Menschen

Autor: Ich weiß nicht mehr, wie oft ich nachts an Betten saß. Durch Nachtdienste auf einer chirurgischen Station der Frankfurter Uniklinik, als Sitzwache bei Schwerkranken habe ich mein Studium finanziert. Ich weiß auch nicht mehr, wie oft ich dabei aufgeschreckt bin. Wenn der Atem eines Patienten flacher wurde, wenn eine Patientin leise in ihrem Schmerz wimmerte, dann schlug mir das Herz bis zum Hals. Denn ich wusste, wenn ich nicht aufpasse, stirbt dieser Mensch vielleicht. Wie oft habe ich den Puls gefühlt? Den Blutdruck gemessen? Ein Medikament gereicht? Wie oft war ich bis zum Umfallen müde? Wachgehalten hat mich immer dieses Gespür für eine unglaubliche Verantwortung. Sie lastete schwer wie Blei auf mir.

 

Und dann kam endlich der Morgen. Wenn die ersten Strahlen durch das Dunkel fingerten, wusste ich: nur noch eine kleine Weile. Mit dem Licht des neuen Tages kündigte sich meine Ablösung an. Die ganze Last konnte mir von den Schultern fallen.

 

Musik 1: Gib mir die Ohren der Hirten, von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 13, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung: Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Solche Erinnerungen trage ich auch Jahrzehnte später in mir. Und noch heute, alarmiert von Geräuschen, schrecke ich bisweilen nachts auf. Weil das so ist, brauche ich nicht viel Phantasie um mir auszumalen, wie es den Wächtern in der Nacht von Bethlehem ging, von denen die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium erzählt:

 

Sprecherin: Und es waren Hirten in derselben Gegend bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

 

Autor: Sie sind Tagelöhner, angeheuert zur Nachtarbeit. Männer und Frauen, immer nur für eine Schicht. Ihr Job ist es, eine Schafherde zu beschützen – gegen wilde Tiere, auch gegen Diebe. Geht kein Tier verloren und ist der Großbauer mit ihnen zufrieden, bekommen sie am nächsten Morgen ihren schmalen Lohn und vielleicht auch eine Zusage für die nächste Nacht.

 

Die Angst zu versagen, kann ich körperlich nachspüren. Sie war mir in jeder Nacht gegenwärtig. Auch darum bin ich auch überzeugt, dass so wie ich damals im Krankenhaus die Hirten auf dem Feld den Morgen herbeigesehnt haben, das erste Licht des neuen Tages, den Moment ihrer Ablösung, das Aufatmen darüber, dass alles gut gegangen ist.

 

Musik 2: Der Engel sprach, von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 11, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung: Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Und dann passiert in dieser einen Nacht absolut Unerwartetes, später Unvergessliches. Ich bin mir sicher, sie werden geschrien haben vor Angst und ihre Nerven lagen blank. Denn:

 

Sprecherin: des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie – und sie fürchteten sich sehr.

 

Autor: Wahrscheinlich übertreibe ich. Aber wenn sich so etwas damals in meiner Nachtwache auf der Chirurgie ereignet hätte, ich hätte einen Herzinfarkt bekommen. Es sei denn, der Engel hätte auch mich schnell wieder beruhigen können mit Worten wie:

 

Sprecherin: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids.

 

Musik 3: Und dann warst du da, von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 12, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung: Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Autor: Im Krankenhaus habe ich durch Nächte gewacht, in denen es um Leben und Tod ging. Plötzliche Blutungen. Das Aussetzen der Atmung oder des Herzschlags. Manchmal gab es keine Rettung. Aber meistens fanden die Ärztinnen und Ärzte, gemeinsam mit uns vom Pflegepersonal, einen Weg, das Leben festzuhalten. Das waren unvergesslich schöne Momente. Die Sonne schien aufzugehen, mitten in der Nacht. Und wir wussten kaum, wohin mit unserer Freude.

 

Genau so werden die Hirten diese Nacht von Bethlehem erlebt haben. Da ist plötzlich Licht und Gesang und die Verheißung neuen Lebens. Und es dämmert ihnen, langsam beginnen sie zu verstehen, was dieser Lichteinfall Gottes inmitten ihrer Nachtwache bedeutet. „Euch ist heute der Heiland geboren“? Was bedeutet Heiland? Es bedeutet, dass da jemand ist, der eine Notlage erkennt, der zu Hilfe eilt, der eine heilsame Idee hat, mit der er dich rettet. Genau das beginnen als Allererste die Hirten auf dem Feld zu verstehen:

 

Musik 4: Der Engel sprach, von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 11, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung:           Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Sprecherin: Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

 

Autor: Ein Kind in Windeln. Der große Gott macht sich klein und legt sich uns Menschen in den Arm. Der große Gott thront nicht unendlich weit entfernt über uns, sondern kommt zu uns, teilt unser Leben mit all seinen Tiefen und Höhen. Der große Gott kennt unsern Hunger nach Lebensglück und unseren Durst nach Liebe – und lässt sich finden, mitten unter uns. Als Kind im Stall zeigt sich uns Gott im Antlitz eines Menschen.

 

Kein Wunder, dass sich die Hirtinnen und Hirten das nicht entgehen lassen wollen. Nichts hält sie mehr. Sie lassen alles stehen und liegen und rufen einander zu:

 

Sprecherin:  Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die der Herr uns kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

 

Musik 5: Und dann warst du da, von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 12, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung: Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Autor: Inmitten der Nacht stehen sie da, Hirten, die so manche harte Erfahrung im Leben geprägt hat. Sie kennen Momente der Angst und der Trostlosigkeit. Sie wissen, wie rau es im Leben zugeht. Und dass es für die auf der Schattenseite des Lebens bei der Geburt eines Kindes keine andere Wiege gibt als eine Futterkrippe, das haben sie in der eigenen Familie auch schon erlebt.

 

Und doch ist da etwas, was sie gefangen nimmt, was sie fassungslos macht, was sie staunen lässt. Mitten in der Nacht stehen sie nicht nur vor dem Anbruch des neuen Tages. Nein, vielmehr stehen sie und manche knien auch vor dem Kind im Stall, weil ihnen die Augen und Ohren aufgegangen sind für die Verheißung, die mit diesem Kind in unsere Welt gekommen ist.

 

Sprecherin: Euch ist heute der Heiland geboren.

 

Autor: Es ist eine Vision, die in dieser Nacht in den Hirten aufblüht. Es ist die Vision von einem Leben unter ganz anderen Vorzeichen als bisher. Im Nachtfrost Herzenswärme. Im Nachtschwarz ein Lichtblick. Das Leben, gegründet auf Hoffnung, die wächst und wächst, so wie dieses Kind.

 

Sprecherin: Euch ist heute der Heiland geboren.

 

Autor: Es ist die Vision vom Anbruch des Gottesreiches, von einem neuen Himmel und einer neuen Erde, die von jetzt an von Mund zu Mund weitergesagt wird. Die Vision von einer neuen Zeit, in der bestehende Unrechtsverhältnisse auf den Kopf gestellt und alle Tränen abgewischt werden. Einer Zeit, in der selbst der Tod seine Macht verliert. Hier, in einem Stall am Rand der Welt, hat diese Vision ihren Ursprung.

 

Weitergedichtet hat sie in jüngerer Zeit zum Beispiel der Schweizer Pfarrer Kurt Marti. Sein Gedicht hat in der Vertonung des katholischen Kirchenmusikers Winfried Heurich einen Platz im Stammteil des Evangelischen Gesangbuches gefunden.

 

Musik 6: Der Himmel, der ist, von LP: Lasst uns das Ja zum Leben feiern (1984), Track 12, Komponist: Winfried Heurich, Texter: Kurt Marti, Interpreten: Vokalensemble Neues Geistliches Lied, Liebfrauenkirche Frankfurt/M, Leitung: Winfried Heurich, Verlag: Studio Union, Lahn-Verlag, Kevelaer.

 

Sprecherin Overvoice:  Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen. Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.

 

Autor: Wenn ich mir die Hirten damals im Stall vorstelle, dann kann ich sehen, wie harte Gesichtszüge weich werden, wie Freudentränen zu fließen beginnen und gebeugte Menschen sich aufrichten. Mit einer Wende in ihrem Leben haben sie nicht gerechnet. Woher hätte sie auch kommen sollen? Jeden Tag Hunger, jeden Tag neu Angst um den Job, jeden Tag die Furcht davor, krank zu werden, davon wird ihr Leben bestimmt. Kein Tag ohne Sorgen und Lasten. Doch jetzt ändert sich für sie die Perspektive. Ihre Augen sehen das Kind und ihre Herzen in ihm den Gott mit dem Antlitz des Menschen. In ihren Ohren klingt nach, wie hoffnungsvoll der Himmel die Erde grüßt. Und sie spüren, dass es von nun an auch an ihnen liegt, ob Liebe das Leben verändert.

 

Ob Liebe das Leben verändert? Meine Gedanken wandern zurück zu den Nachtwachen im Krankenhaus und eine ganz eigene Liebesgeschichte. Als ich am Heiligen Abend 1978 zum Nachtdienst kam, ließ mich die Stationsschwester wissen, dass sich die Aussichten einer noch jungen Patientin, die uns allen ans Herz gewachsen war, im Laufe des Tages deutlich verschlechtert hatten. Sie sei ins Koma gefallen und werde den ersten Weihnachtstag vielleicht nicht mehr erleben. „Kümmere dich gut um sie“, sagte die Stationsschwester, „kühle ihr bisweilen die Stirn und befeuchte ihre Lippen. Sprich respektvoll mit ihr, auch wenn sie dich nicht verstehen wird“.

 

Und dann blieb ich allein am Bett dieser Frau im Koma. Sie reagierte auf keinen Handgriff und kein Wort. Irgendwann, als weit nach Mitternacht alles Notwendige getan war, kam mir der Gedanke, ihre Hand in meine zu legen, und Weihnachtslieder zu singen. Eine Weile noch lag sie regungslos da. Bis ich mit einem Male spürte, wie ihre Hand meine zu drücken begann. Erst glaubte ich, mich getäuscht zu haben. Aber sie verstärkte den Druck und ließ meine Hand nicht mehr los.

 

So haben wir gemeinsam den ersten Weihnachtstag begrüßt: Ich mit Liedern für sie und sie mit ihrem warmen Händedruck. Und es war eines meiner schönsten Weihnachtsgeschenke, als ich drei Tage später erfuhr, dass sie aus dem Koma aufgewacht und gerettet sei. Ich bin auf die Knie gefallen und habe Gott gedankt für die Bewahrung. Und auf der Station gab es am nächsten Tag reichlich Kuchen für alle.

 

Jetzt, in der Weihnachtszeit 2020, die weltweit von Zerbrechlichkeit gezeichnet ist, bin ich froh von Rettung und Bewahrung erzählen zu können. Ich stehe damit in der Tradition der Hirten von Bethlehem. Sie haben vom Wunder dieser Nacht zuerst gehört. Sie haben als Erste das Kind im Stall gesehen, den Heiland, den der gekommen ist, um zu retten, der Hilfe bringt und der heil macht, der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

 

Musik 7: Der Engel sprach, von CD: von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 12, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung: Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Das konnten sie unmöglich für sich behalten. Das mussten sie weitersagen. Im Evangelium nach Lukas heißt es:

 

Sprecherin: Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen gesagt wurde.

 

Autor: Sich über ein Wunder zu wundern, halte ich als Reaktion für absolut angemessen. Und noch mehr, sich am Wunder dieser Nacht von Herzen zu freuen.

 

Eine gesegnete und schöne Weihnachtszeit wünscht Ihnen Eugen Eckert, Stadionpfarrer in Frankfurt a.M. und Referent für „Kirche und Sport“ der Evangelischen Kirche in Deutschland, der es noch einmal mit den Hirtinnen und Hirten hält:

 

Overvoice zu Musik 8: Und dann warst du da, von CD: Lass dein Licht leuchten – Neue Geistliche Lieder Advent und Weihnacht (2005), Track 12, Komponist: Horst Christill, Texter: Eugen Eckert, Interpreten: Arbeitskreis Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg, Leitung: Horst Christill, Verlag: Dehm-Verlag, Limburg, LC 11262.

 

Sprecherin: Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.

 

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

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