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Das Geistliche Wort | 18.08.2019 | 08:40 Uhr

Der Herr gebe Dir Frieden

Guten Morgen, liebe Hörer und Hörerinnen!

Frieden – eine uralte Sehnsucht der Menschen. Und je mehr um Frieden gebeten wird, umso mehr zeigt sich, wie nötig wir Menschen ihn haben und wie sehr er fehlt.

Ich bin Schwester Ancilla Röttger von den Münsteraner Klarissen und möchte ihnen anhand einer Geschichte etwas über meine Friedensvorstellungen erzählen.

Die Friedensgeschichte geht auf den heiligen Franziskus von Assisi zurück:

Es war im zwölften Jahrhundert: Franziskus war mit einigen Brüdern in der Stadt Gubbio, die zu der Zeit große Not litt. Ein schrecklicher, wilder Wolf machte die Gegend unsicher und fiel nicht nur Tiere, sondern auch Menschen an. Daher trauten sich die Bürger nicht mehr vor die Stadttore. Franziskus hatte Mitleid mit ihnen und wollte zu diesem Wolf hinausgehen, obwohl alle ihm inständig davon abrieten. Am Stadtrand verließen ihn auch seine Gefährten und er ging allein weiter. Da stürzte der Wolf auf ihn los, um ihn zu töten. Doch Franziskus ging ihm entgegen, machte ein großes Kreuzzeichen über das wilde Tier und segnete es. Er rief: „Komm her, Bruder Wolf! Im Namen Christi befehle ich dir, weder mir noch irgendeinem Menschen etwas Böses zu tun.“ Da kam der Wolf tatsächlich heran und legte sich vor den Heiligen hin. Und Franziskus hielt ihm in einer ernsten Ansprache all seine Übeltaten vor und schloss mit den Worten: „Bruder Wolf, ich will Frieden machen zwischen dir und ihnen, indem du sie nicht mehr angreifst; und sie sollen dir alles vergeben, was du getan hast… und dich mit Nahrung versorgen. Denn ich weiß, dass du all das Böse aus Hunger getan hast“. Zum Zeichen, dass der Wolf einverstanden war, legte er seine rechte Tatze ganz zahm auf die Hand des Heiligen. Dann gingen beide in die Stadt hinein, um vor allen Leuten noch einmal ihren Bund zu bezeugen. Als sich das ganze Volk auf dem Platz versammelt hatte, hielt Franziskus zuerst auch den Bürgern ihre Vergehen vor, um sie dann dazu aufzurufen, ihrerseits umzukehren. Er sagte: „Hört, meine Brüder! Bruder Wolf, der hier vor euch ist, hat mir versprochen, mit euch Frieden zu machen. Er wird euch auf keinerlei Weise mehr Böses antun, wenn ihr ihm versprecht, ihm jeden Tag das zum Leben Notwendige zu geben. Ich aber will für ihn als Bürge eintreten.“ Und zum Zeichen seiner Zustimmung legte der Wolf noch einmal seine Tatze in die Hand des Franziskus. Der Wolf lebte danach noch zwei Jahre in Gubbio. Als er dann an Altersschwäche starb, trauerten die Bürger um ihn.[1]

Was für eine Geschichte von Franziskus und dem Wolf von Gubbio! Die Bürger von Gubbio hatten befürchtet, dass Franziskus trotz seiner Friedensliebe von dem kämpferischen Wolf getötet würde – wie ja zuvor auch schon andere Menschen. In gewisser Weise wäre auch das Frieden, aber ein Friede den der Stärkere dem Schwächeren diktiert, ein gewaltvoller Friede der im Zweifelsfalle blutige Opfer fordert und von Abschreckung geprägt ist und zum Friedhof führt.

Ich frage mich: Um welchen Frieden geht es, wenn ich ihn wirklich suche? Um den Frieden des Stärkeren, der eintritt, wenn der Wolf alles tötet, was sich ihm widersetzt und der letztlich auf Abschreckung beruht? Oder um den Frieden eines Franziskus, der das Risiko in sich birgt, als einzelner für den Friedenswillen sogar getötet zu werden? Oder geht es nicht eher um den Frieden, den nicht nur der einzelne für sich persönlich gewinnt, sondern der zugleich das Zusammenleben der Menschen ermöglicht? Letzteres wäre der Friede, den die Bürger von Gubbio mit dem Wolf am Ende gefunden haben. Dann wäre Franziskus sozusagen ein Friedensvermittler.

Von Franziskus sagt der englische Schriftsteller Gilbert Keith Chesterton, dass ein Großteil seines Charmes darin lag, alle Menschen so zu behandeln, als seien sie Könige. Er schreibt:

„Keine Pläne oder Vorschläge, keine wirksame Reorganisierung wird einem gebrochenen Manne die Selbstachtung oder das Gefühl, mit seinesgleichen zu sprechen, wiedergeben. Eine einzige Gebärde jedoch bringt es zustande. … Man muss sich Franziskus vorstellen, wie er so mit einer Art von impulsiver Höflichkeit sich schnell durch die Welt bewegte.“[2]

Impulsive Höflichkeit meint Charme. Mit dieser Gebärde geht Franziskus auch auf den Wolf zu und nennt ihn „Bruder Wolf“.

Ich stelle mir das so vor: Franziskus wagt eine beherzte Konfrontation mit dem völlig verwilderten Wolf. Sich selbst, aber auch den Wolf, das Schreckliche, das auf ihn losstürmt, stellt er unter das Zeichen des Kreuzes – und spricht ihn an. Mit der ihm eigenen Höflichkeit schafft Franziskus für den Wolf einen Raum, in dem der sich seiner selbst bewusst werden kann – soweit Wölfe das können. Immerhin hält der Wolf im Lauf inne.

Aber Franziskus macht es ihm nicht nur leicht. Auch wenn er ihn „Bruder“ nennt – oder gerade weil er es tut –, erspart er ihm nicht, das Unheil anzusehen, das er anrichtet, und das Urteil zu hören, das er verdient hat. Doch darüber hinaus sieht Franziskus mehr als das Schreckliche, das der Wolf tut. Er sieht auch, dass Menschen und Hunde ihn verfolgen. Er erkennt, warum der Wolf so ist, wie er ist; er sieht seinen Hunger und dass er ausgestoßen ist. In Franziskus ist nichts, was den Wolf bedroht und ihm Angst machen könnte, keine machtvolle Geste der Stärke, keine materielle Überlegenheit.

Franziskus ist in seiner Armut frei, so frei, dass der Wolf seine eigene Angst nicht mit wildem Gehabe und Kampfgeheul überdecken muss, sondern sich „unterwürfig“ zeigen kann, „Pfötchen gibt“, wie es die Legende sagt. Franziskus hat so Frieden mit dem Wolf, dem Schrecklichen. Und er selbst übernimmt die Bürgschaft und ist Garant des Friedensversprechens, ist Friedensvermittler.

Und nicht anders als mit dem Wolf geht er anschließend mit den Bürgern um. Auch sie nennt er „Brüder“. Auch ihnen erspart er nicht den Blick in die eigenen Abgründe, rückt ihre Angst zurecht, ohne sie aufzulösen, und stellt Wolf und Bürger in die Verantwortung vor Gott. Zugleich öffnet er den Bürgern den Blick für die Not des Wolfes. So wird Frieden im gegenseitigen Zusichern des Lebensraumes und des Lebensnotwendigen.

Wenn ich die Friedensgeschichte von Franziskus und dem Wolf von Gubbio lese, verstehe ich: Friede entsteht nicht dadurch, dass der eine wehrlos zum Fraß des anderen wird. Friede entsteht auch nicht, wenn einer den anderen durch Übermacht abschreckt. Frieden verlangt persönlichen Einsatz und eine ehrliche Offenheit. Frieden stiften hat etwas zu tun mit Erkenntnis und Vernunft. Denn Feindschaft ist zunächst einfach eine Realität unter uns Menschen, an der wir nicht vorbeikommen. Aber auch wenn ich die Wurzeln der Feindschaft nicht einfach ausreißen kann, das Interesse meines Feindes kann ich sehen lernen. Sehen lernen, was er braucht, um leben zu können.

Zudem ist Friede offensichtlich etwas, das nicht einfach da ist. Franziskus wünscht, dass die Brüder den Menschen mit dem Gruß begegnen: „Der Herr gebe dir Frieden!“ Darin liegt beides: das Wissen darum, dass der Friede Gabe Gottes ist, und dass er den Einsatz des Menschen verlangt.

Was kann ich also tun, um Frieden zu stiften und mit anderen in Frieden zu leben?

Frieden stiften kann nur, wer selber friedlich ist. Was in der erzählten Geschichte den Frieden zunächst unmöglich macht, ist Angst in verschiedensten Formen. Der Wolf handelt aus Angst. Seine Vorstellung vom Frieden ist durchsetzt von der Angst, dass jemand mächtiger ist als er und ihm seinen Frieden wieder rauben könnte. Friede also in der Form von Abschreckung. Ebenso handeln auch die Bürger.

Ich frage mich daher ganz grundsätzlich:

Wovor habe ich Angst?

Dass mir genommen wird, was ich besitze?

Habe ich Angst, unter der Oberfläche dessen, was jemand mir nehmen kann, könnte nichts mehr sein? Ich wäre bloßgestellt?

Konkret: Glaube ich wirklich, dass mein Image, mein Besitz schon meine ganze Identität ausmacht?

Allgemeiner gefragt: Haben wir Angst vor der Wahrheit dessen, was wir sind, und klammern uns deshalb so angstvoll an das, was wir zu haben meinen?

Die Frage nach dem Friedenstiften beginnt in mir selbst, mit der Frage nach meiner Echtheit. Bevor ich also um mich herum Frieden stiften will, sollte ich damit beginnen, in mir selbst zum Frieden zu finden, zu dem Frieden, den alle geistlichen Lehrer als Zustand der Stimmigkeit mit dem Willen Gottes bezeichnen.

Ist Friede nicht freie Bewegung aufeinander zu? Das Gegenteil einer solchen Bewegung wäre sitzen. Und sitzen steckt in dem Wort Besitz. Franziskus will nichts besitzen. Er will sich bewegen. Er geht hinaus aus der Stadt. Nicht Frieden stiften aus friedlicher Distanz steht am Anfang, sondern im direkten Kontakt den Frieden leben. Das heißt für mich: Wie gehe ich auf die Menschen zu, mit denen ich zusammen lebe, zusammen arbeite?

Franziskus geht mit offener Hand auf den Wolf zu. Er hat nichts außer dem, was er selbst empfangen hat: sein Leben aus der Hand Gottes. Und mit diesem Gott will Franziskus den Wolf verbinden, indem er ihn segnet. Mit diesem Segen stellt er ihn in Beziehung zu seinem Schöpfer. Nicht Franziskus macht sich zum Maß des Friedens, dem sich der andere beugen soll, sondern er weist hin auf den Gott des Friedens, der sein Herr ist und auch Herr des Wolfes ist. Und so geschieht Begegnung auf Augenhöhe zwischen zwei unterschiedlichen Geschöpfen: Wolf und Mensch. Das löst Angst. Und das bedeutet Segen!

Bitten wir den Heiligen Geist, den Geist des Friedens, um die Kraft der Aufmerksamkeit, um einander auf Augenhöhe zu begegnen. Und sprechen wir ruhig einander öfter zu: Der Herr gebe dir Frieden!

Es grüßt Sie aus Münster Schwester Ancilla Röttger.


[1] Franziskus-Quellen, Die Schriften des heiligen Franziskus, Lebensbeschreibungen, Chroniken und Zeugnisse über ihn und seinen Orden, Kevelaer 2009, S. 1382-1384. [2] G.K. Chesterton, Franziskus. Der Heilige von Assisi, Zürich 1981, S. 95.

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