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Choralandacht | 12.09.2020 | 07:50 Uhr

Du meine Seele, singe (eg 302)

Musik 1Burning Bush aus dem Film „Die zehn Gebote“/“The Ten Commandments“, Komposition: Elmer Bernstein, Interpret: Elmer Bernstein and Orchestra; Label: Foyer; LC: 06115. 

 

Autor (overvoiced): Nein, was sie hören, ist kein Choral. Es ist die Filmmusik aus dem Klassiker „Die 10 Gebote“. In diesem Moment nähert sich Mose dem brennenden Dornbusch. Gleich wird Gott zu ihm sprechen.

Wer ist es, dem Mose da begegnet? Wer ist es, der ihn beauftragt, das Volk der Israeliten zu befreien aus der Sklaverei in Ägypten?

Wer ist Gott? Wie ist Gott? Die Heilige Schrift, insbesondere die Psalmen, versuchen, auf diese große Frage des Glaubens zu antworten.

Hören Sie nur, wie überschwänglich der Autor des 146. Psalms Gott beschreibt: 

 

Sprecher (overvoiced): Gott schafft Recht denen, die Gewalt leiden; speist die Hungrigen; befreit die Gefangenen;macht die Blinden sehend; richtet die Niedergeschlagenen auf; behütet die Fremdlinge; erhält die Waisen und Witwen.

 

Autor: Der Augenschein spricht entschieden dagegen. Damals und heute. Da ist ein tiefer Riss zwischen dem, was Menschen hoffen und glauben, und dem, was sie erleben. 

Paul Gerhardt hat 5 Jahre nach dem Ende des 30jährigen Krieges, diesen Psalm zu einem Lied umgedichtet.

 

Musik 2 Du meine Seele, singe; Text: Paul Gerhardt; Komposition: Johann Georg Ebeling; Interpret: Behrends, Albert (Orgel); Album: Ich singe dir mit Herz und Mund. Berühmte Choräle von Paul Gerhard zum Singen, Hören und Meditieren; Label: Edition Chrismon; LC 16005.


Autor: Gleich zu Beginn hat der Komponist Johann Georg Ebeling dafür gesorgt, dass wir einen Aufstieg zu bewältigen haben, der den Oktavraum sprengt.


Musik 3 Du meine Seele, singe; Text: Paul Gerhardt; Komposition: Johann Georg Ebeling; Solist: Morrison, Hannah (Sopran), Orchester: Coelner Barockorchester; Z2323-WDR Eigenproduktion. 

 

Autor: „Du, meine Seele, singe!“ Paul Gerhardt malt mit diesen Worten kein rosarotes Gemälde. Er behauptet nicht, dass die Seele singt; er fordert zum Singen auf. Er richtet einen Appell an sich und uns. Paul Gerhardts Lied, das wir unter der Nummer 302 im Evangelischen Gesangbuch finden, ist ein Lied für Zeiten, in denen uns eigentlich nicht nach singen zumute ist.

 

Musik 4, Choral, Strophe 1 

Du meine Seele, singe; Text: Paul Gerhardt; Komposition: Johann Georg Ebeling; Interpret: Vocal Concert Dresden; Leitung: Peter Kopp; Album: Lob, Ehr und Preis sei Gott. Die schönsten deutschen Kirchenlieder; Label: BERLIN Classics, LC 06203

 

Sprecher (overvoiced)

Du meine Seele, singe,

wohlauf und singe schön dem,

welchem alle Dinge 

zu Dienst und Willen stehn.

Ich will den Herren droben

hier preisen auf der Erd;

ich will ihn herzlich loben,

solang ich leben werd.

 

Musik 5 The Imperial March aus dem Film „Krieg der Sterne“; Album: The Six Star Wars Films - New Recordings Of The Classic Scores, Komponist: John Williams ; Interpreten: The City of Prague Philharmonic Orchestra; Label: Silva Screen Records; LC: 57181

 

Sprecher: „In den finsteren Zeiten, wird da noch gesungen werden?“

 

Autor: So hatte Bertolt Brecht gefragt – 1939. Seine Antwort:

 

Sprecher: „Ja, da wird gesungen werden, von den finsteren Zeiten!“

 

Autor: Typisch Brecht. Lakonisch und zutreffend. Anders unser Liederdichter. Er bedient sich nach dem Vorbild des Psalms der paradoxen Intervention, er schildert Gott und die Welt mit poetischer Kraft gegen allen Augenschein. Typisch Paul Gerhard. Poetisch und widerständig.

 

Musik 3Choral, Strophe 6

 

Sprecher (overvoiced)

Er ist das Licht der Blinden,

erleuchtet ihr Gesicht,

und die sich schwach befinden,

die stellt er aufgericht'.

Er liebet alle Frommen,

und die ihm günstig sind,

die finden, wenn sie kommen,

an ihm den besten Freund.

 

Autor: Gut 10 Jahre, nachdem Paul Gerhardts Psalmlied erstmals veröffentlicht worden war, hatte der Kurfürst von Brandenburg ein Toleranzedikt erlassen. Lutheraner durften lutherisch bleiben, mussten sich aber per Unterschrift dazu verpflichten, die reformierte Lehre zu tolerieren, zu der der Kurfürst übergetreten war. Für Paul Gerhardt aber, den in der Wolle gefärbten Lutheraner, lief die reformierte Lehre auf Ketzerei hinaus; er verweigerte die Unterschrift und wurde aus dem kirchlichen Dienst entfernt.

 

Die Gottlosen führt er in die Irre. So heißt es in Psalm 146 gegen Ende.

Der Psalmist ist sich sicher, dass Gott korrigierend ins Weltgeschehen eingreifen will. Paul Gerhardts Nachdichtung lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig.

 

Sprecher:

Die aber, die ihn hassen,

bezahlet er mit Grimm,

ihr Haus und wo sie saßen,

das wirft er um und um.

 

Autor: An wen auch immer Paul Gerhardt damals gedacht hat, er wünscht sich, dass Gott es den Gottlosen heimzahlt. Und wenn ich an den einen oder anderen heute denke, keimt in mir der Wunsch auf, das mit dem Heimzahlen gleich selbst zu übernehmen. (0:40)

 

Musik 6: Finale aus dem Film „Die zehn Gebote“/“The Ten Commandments“, Komposition: Elmer Bernstein, Interpret: Elmer Bernstein and Orchestra; Label: Foyer; LC: 06115. 

 

Autor (overvoiced): Aber dann schaltet sich der Verstand ein. Hass und Gewalt werden ja heute zunehmend gesellschaftsfähig. Ich stehe vor einem Dilemma. Soll ich Toleranz üben, wenn mir etwas gegen den Strich geht? Oder soll ich mich abgrenzen und rufen: „So nicht!“ Der eine hat der Kanzlerin ein „So nicht!“ entgegen geschleudert, als sie ihr berühmtes „Wir schaffen das“ formulierte, die andere wirft dem Kollegen den Blumenstrauß vor die Füße, weil er sich von Rechtsextremen hat wählen lassen. 

 

Musik 6: Finale

 

Autor: Der dritte Vers des Psalms gibt mir einen bemerkenswerten Hinweis.

 

Sprecher: Verlasst euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.

 

Autor: Wenn ich mich nicht auf die Obrigkeit verlassen kann, muss ich wohl selber denken. „Den Glauben mehr, stärk den Verstand“, heißt es in einem Kirchenlied von 1648, dem Jahr des Westfälischen Friedens. Europa sah auf die Trümmer von Hass und Gewalt. Und wo war Gott? Der die Hungrigen speist, der die Gefangenen befreit, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden - und die Gottlosen bitte selbst in die Schranken weist? Müssen wir nicht doch manchmal zur Tat schreiten?

 

Es gibt doch Ausnahmesituationen, in denen es nur noch ein Entweder/Oder gibt. Werfe ich das Haus der Gottlosen um und um – oder statte ich ihnen einen Besuch ab, um mit ihnen zu verhandeln? Die Hitlerattentäter um Graf von Stauffenberg haben sich am 20. Juli 1944 für ersteres entschieden. Es war eine Entscheidung auf Leben und Tod. Das Leben hat sie in diese Ausnahmesituation hinein gedrängt, und mit dem Leben haben sie bezahlt.

 

Und trotzdem rufen uns die alten Lieder zu: „Du, meine Seele, singe, wohlauf und singe schön!“. Werfen wir sie nicht voreilig ins Altpapier. Paul Gerhardt hat in finsteren Zeiten gelebt. Und trotz alledem versteht er es, anderen den Rücken zu stärken, ihnen Lebenslust und Lebensmut einzuflößen. 

 

Musik 4, Choral, Strophe 8

 

Sprecher (overvoiced)

Ach ich bin viel zu wenig,

zu rühmen seinen Ruhm;

der Herr allein ist König,

ich eine welke Blum.

Jedoch weil ich gehöre

gen Zion in sein Zelt,

ist's billig, dass ich mehre

sein Lob vor aller Welt.



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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