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Hörmal | 02.08.2020 | 07:45 Uhr

Ein Lächeln an der Bahnsteigkante

Es gibt so ein paar altmodische Formulierungen, die sind durch nichts zu toppen. Für die gibt‘s in unserer erfindungsreichen modernen Welt keine neuen Worte, soweit ich weiß. Barmherzigkeit zum Beispiel. So wie Jesus barmherzig war. „… und es jammerte ihn“, heißt es etwa in der Bibel. Er berührt einen Menschen und der kann plötzlich wieder sehen. Oder aufrecht gehen. Sowas können wir natürlich nicht, obwohl es schön wäre – gerade jetzt in Corona-Zeiten. Aber man kann von Jesus lernen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

 

Es wird oft erzählt, wie er mit Leuten am Weg geredet hat, einfach so: Mit den Wohlhabenden, die ihn zu sich nach Hause einladen, oft aber mit denen, an denen andere lieber schnell vorbeigehen - in der Fußgängerzone oder bei der Trinkhalle an der Ecke. Er hilft und heilt. Mitleid, Barmherzigkeit - ziemlich aus der Zeit gefallen. Aber manchmal macht es „klick“, irgendetwas rührt das Herz an und „erbarmt“ einen. Ob man will oder nicht. Und wenn‘s auf einem tristen Bahnhof ist, wie neulich irgendwo im Westen: Alle eilen blicklos durch die zugigen grauen Gänge zum Ausgang. Schnell raus hier, auch wenn draußen nur trübe Regenschleier warten.

 

Aber da, auf der obersten Stufe zum Treppenabgang, sitzt dieser Mann. Hager, im langen Mantel mit Hosen, die noch einen Hauch von Bügelfalte haben. Die Arme hat er um seine angewinkelten, spitzen Knie geschlungen. Gebeugt darüber verschwindet der Kopf unter einer grauen Mütze, tief geneigt. Nur ein Arm ragt aus diesem Bündel Mensch hervor, in den Fingern ein Pappbecher, den er in den Menschenstrom hält. Irgendwann war wohl mal Cappuccino drin, ein großer, lange her. Jetzt dient er dazu, ein paar Münzen einzusammeln.

 

Als ich mittags auf dem Weg zum Termin hier vorbeikomme, sitzt der Mann da. Ich sehe ihn nur aus dem Augenwinkel, genauso in Eile wie alle anderen. Und abends auf dem Rückweg sitzt er immer noch da. Genauso! wie zusammengefaltet, gesichtslos. „.. und es erbarmte ihn.“ Oder sie. Oder mich.

 

Beim Fahrkartenautomaten gegenüber stecke ich das Portemonnaie nicht zurück in die Tasche, sondern geh‘ hinüber zu diesem Mann. Der Schein sackt schwerelos auf ein paar matt schimmernde Münzen. Da hebt sich der Kopf unvermittelt aus der Armbeuge und jemand schaut mich direkt an. Ein junges, glattes Gesicht mit Augen, die zu fragen scheinen: Wer bist du, wieso siehst du mich? Als hätte ich einen Hunderter gegeben. Oder ein gemütliches Zuhause. Mit der freien Hand deutet der Mann ein Kreuz an vor der Brust, schnell und scheu wie manche Fußballer nach dem Tor. Und dann trifft mich ein Lächeln. Es begleitet mich als Geschenk auf den zugigen Bahnsteig - und bis heute.

 

Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

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