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Kirche in WDR 2 | 19.06.2020 | 05:55 Uhr

Eingesperrt

„Na, wie geht?s so?", fragt er und lächelt. "Naja", sage ich, "wie soll es einem im Moment schon gehen? Sind seltsame Zeiten halt.“ Und ich erzähle: Dass wir alle das ja gar nicht gewohnt waren, so eingeschränkt zu sein. Kaum aus der Wohnung zu dürfen, immer dieselben Menschen. "Wir waren nach drei Wochen schon ziemlich am Ende mit den Nerven.", sage ich. Ich merke, wie ich mich langsam in Rage rede. "So dauerhaft eingesperrt zu sein“, sage ich, "das hält ja wirklich kein Mensch aus."


"DAS stimmt!", sagt er. Und grinst breit. Vor lauter Rage habe ich doch für einen Moment ganz vergessen, wo wir hier sind. Einfach ausgeblendet. Peinlich. Ich arbeite im Gefängnis. Und der Mann, der mich so freundlich nach meinem Befinden gefragt hat, sitzt hier schon seit fast drei Jahren. Seit drei Jahren tagaus tagein auf seinen 11qm Haftraum. Seine Familie sieht er für die zwei Stunden Besuchszeit, die es im Monat gibt. Telefonieren? Klar, vier Stunden im Monat. Insgesamt. Whatsapp? Doch nicht hier.


"Naja", sagt er, "Ich weiß schon: Unschuldig bin ich nicht hier. Es ist auch ok, irgendwie. Aber das macht es nicht leichter. Eingesperrt zu sein, ist schwer auszuhalten. Wirklich schwer“, sagt er, "Vielleicht können die Leute da draußen das jetzt ein bisschen besser verstehen. Wenn die jetzt nach ein paar Wochen zuhause nicht mehr können. Obwohl sie mit der Familie zusammen sind. Trotz Skype und Handy, Einkaufen und Spaziergängen. Vielleicht halten sie sich ja demnächst ein bisschen mehr zurück, wenn sie nach Wegsperren und längeren Strafen rufen. Weil sie jetzt ahnen, was das mit einem macht. Denn wir sind ja nicht nur Täter. Wir sind ja auch Menschen, oder?“ Dann dreht er sich um und fegt weiter den Flur. Das ist sein Job hier. Eigentlich ist er Ingenieur.


"Einer trage die Last des anderen." Sagt die Bibel. Aber dazu muss man wohl erst einmal begreifen, was die Last des anderen denn überhaupt ist. Was sie für ihn bedeutet. Wie sich das für ihn anfühlt. Denn erst aus dem Verstehen wächst Mitgefühl. Und das Mitgefühl verändert das Miteinander. Vielleicht hat der Mann mit dem Besen ja Recht. Vielleicht verstehen wir im Moment einander ein bisschen besser.



Redaktion: Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius


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