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Choralandacht | 21.11.2020 | 07:50 Uhr

„Es mag sein, dass alles fällt“ (eg 378)

Autor: Es begann mit einem Anruf beim Frühstück. Ein Bestattungsunternehmen meldete sich bei mir: Ein zehnjähriges Mädchen sei gestorben. Ziemlich tragisch sei das ganze. Ein Hirntumor sei schuld. Ich war bestürzt.

Ich traf die vollkommen verstörten, ja verzweifelten Eltern. Ihr einziges Kind war tot. „Es war ein Wunschkind, und es war ein Mädchen, so hatten wir uns das gewünscht.“ Und alles war wunderschön. Irgendwann hatten sie auf ein weiteres Kind gehofft, aber es blieb bei Christine. Kindergarten, Grundschule, die kleine Familie war glücklich. Doch dann – für Christine hatte gerade das 3. Schuljahr begonnen – zerbrach das unbeschwerte Leben dieser kleinen glücklichen Familie.

 

Musik: Es mag sein, dass alles fällt... 1. Strophe,Text: Rudolf Alexander Schröder, (*1878 in Bremen  †1962 in Bad Wiessee), 1936, Melodie: Paul Geilsdorf, (*1890 in Plauen, Vogtland  †1976 in Karl-Marx-Stadt), 1940, Es mag sein, dass alles fällt (arr. G. Schnitter and H. Gadsch) Das Solistenensemble, aus dem Album: Jochen Klepper und seine Zeitgenossen (Ja, ich will euch tragen), Hänssler-Verlag

 

Es mag sein, dass alles fällt, / dass die Burgen dieser Welt / um dich her in Trümmer brechen. / Halte du den Glauben fest, / dass dich Gott nicht fallen lässt: / er hält sein Versprechen.

 

Autor: Die Ärzte stellten die bestürzende Diagnose: Christine litt an einem Hirntumor, der nicht zu operieren war. „Machen Sie ihr das Leben so leicht und schön, wie es geht. Sie helfen ihr am besten, wenn sie Schönes mit ihrer Tochter unternehmen.“

Aufopferungsvoll begleiteten die Eltern ihr Kind bis zum letzten Atemzug. So lange reichten ihre Kräfte. So lange hatte ihr Leben einen Sinn. Und nun war ihr Kind tot.

Mit den trauernden Eltern habe ich nach der Beerdigung noch ein paarmal gesprochen. Doch irgendwann hörte ich, dass sie sich getrennt hätten. Ihre Trauer hatte sie auseinandergebracht. Das, was ihnen wichtig war, was ihr gemeinsamer Sinn war, ihr geliebtes Kind, war nicht mehr. Alles war für sie zerbrochen:

 

Sprecherin: Es mag sein, dass alles fällt, / dass die Burgen dieser Welt / um dich her in Trümmer brechen. / Halte du den Glauben fest, / dass dich Gott nicht fallen lässt: / er hält sein Versprechen.

 

Autor: So kann es kommen: „... dass die Burgen dieser Welt um dich her in Trümmer brechen“.  Wie eine sichere Burg war die kleine Familie gewesen, doch diese Familie lag nun in Trümmern. Wer oder was hatte versagt? Ich weiß, dass Väter und Mütter oft sehr unterschiedlich trauern, wenn ein Kind stirbt. Was diese beiden auseinandergebracht hat, habe ich nie erfahren. Ich hoffe bis heute, dass das Glück zu den beiden Eltern auf neue Weise zurückgekommen ist.

Ich möchte so gerne, dass Menschen zum Glauben finden und dass dieser Glaube an Gott sie trägt. Mit unseren jüdischen Geschwistern dürfen wir uns als Christen in allen Widrigkeiten und Zumutungen Gott anvertrauen und uns an ihm festklammern.

In einem Psalm der Bibel findet der Beter nach vielen schlimmen Erfahrungen mit bösen Menschen und schlimmen Umständen wieder zu diesem Vertrauen

 

Sprecherin: Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. (Psalm 73,23-26)        

 

Autor: „Es mag sein, dass alles fällt...“ Als das Lied von Rudolf Alexander Schröder gedichtet wurde, waren in Deutschland seit 3 Jahren die Nazis an der Macht. Er war 58 Jahre alt und konnte in seinem Beruf als Architekt auf viele Erfolge und Auszeichnungen zurückschauen. Außerdem war er Mitherausgeber der wichtigen Literaturzeitschrift „Die Insel“. Er kannte zahlreiche bedeutende Literaten, unter ihnen August Strindberg, Rainer Maria Rilke und Hugo von Hoffmannsthal. Wichtig war für ihn die Erfahrung, nach der Katastrophe des ersten Weltkrieges wieder zum christlichen Glauben zurückgefunden zu haben – und zur Gewissheit, dass Gott seine Hand über die hält, die ihm vertrauen. Zugleich musste er miterleben, wie in Deutschland eine Diktatur herrschte, in der die Wahrheit und die Menschlichkeit mit Füßen getreten wurden. Mit Lügen und politischen Ränkespielen wurden Gesetze produziert, die millionenfach den Tod brachten.

 

Musik: Choral, Strophen 2-3

Sprecherin (Overvoice)

Es mag sein, dass Trug und List / eine Weile Meister ist; / wie Gott will, sind Gottes Gaben. / Rechte nicht um Mein und Dein; / manches Glück ist auf den Schein, / lass es Weile haben.

Es mag sein, dass Frevel siegt, / wo der Fromme niederliegt; / doch nach jedem Unterliegen / wirst du den Gerechten sehn / lebend aus dem Feuer gehn, / neue Kräfte kriegen.

 

Autor: Der Dichter hat nur sehr zurückhaltend darüber geredet, wie er zum christlichen Glauben zurückfand. In seinen Gedichten wird er umso deutlicher. In seiner Schrift: „Meister der Sprache“ aus dem Jahr 1953 beschreibt er, zu welchen Einsichten er durch den Glauben gekommen ist:

 

Sprecher: Ich stamme aus einem frommen Elternhaus, meinte aber lange Zeit hindurch, mit dem mir überlieferten Erbe abgeschlossen zu haben. Um mein vierzigstes Jahr herum habe ich dann angefangen, einzusehen, dass das Böse seinen Sitz im Herzen jedes einzelnen Menschen hat und dass trotzdem hinter und über allem der eine Gott steht, der jedes seiner Geschöpfe in väterlichen Händen hält.

 

Autor: Rudolf Alexander Schröder bekennt, dass er vom christlichen Glauben geradezu ergriffen wurde:

 

Sprecher: Man gibt erst den kleinen Finger; dann fühlt man die ganze Hand genommen, um schließlich zu merken, dass es sich um nichts weniger handle als um die Beschlagnahme des ganzen Menschen und aller seiner Kräfte. Aber davon ist nicht gut viel reden. Es handelt sich um ein Liebesgeheimnis, und das ist ohnehin unaussprechbar.

(1) (Meister der Sprache, S.97, zitiert nach Rudolf Wentorf, Rudolf Alexander Schröder, Ein Dichter aus Vollmacht, Brunnen-Verlag, Giessen, 1965, S.47)

 

Autor: Fortan bestimmte dieses Liebesgeheimniss sein Leben. Er konnte mit seinen Gedichten dem „unaussprechbaren“, wie er es nannte, Ausdruck und Worte geben. Er sah es als seine Aufgabe an, die Liebe Gottes, der alle in seinen Händen hält, mit seinen Texten, mit seiner Sprachbegabung zu bezeugen. So setzte er immer wieder die Betonung darauf, dass in den Gräueln der Nazi-Zeit Gottes Liebe Kraft und Halt gibt. Mit prophetischem Scharfblick erkannte er das unsagbar Böse und entlarvte es mit der Kraft der Sprache. Immer wieder dichtete er neue Lieder für die Christen. Sie sollten Mut machen, am Glauben festzuhalten.

 

Ganz bewusst zog sich der Dichter in die Abgeschiedenheit der Berge am Chiemsee zurück. „Innere Emigration“ nannte er das. Aber er nutzte die Zeit. Er ließ sich in der Evangelischen Kirche in Bayern zum Lektor und Prädikant ausbilden. Er konnte so gerade in den schlimmsten Kriegszeiten immer wieder nahe bei den Menschen sein.

Als ein guter Freund stirbt, erinnert er sich, wie er und die bei ihm waren, getröstet wurden:

 

Sprecher: Es war im letzten Frühling des Weltkrieges. Da starb unerwartet einer der Männer meiner engsten Freundschaft. ... Wir saßen, ... um den Sarg des Vaters und Freundes. Ich nahm die Bibel zur Hand und habe uns die Auferstehungsgeschichten der Reihe nach vorgelesen. Da haben wir einen Trost verspürt, so gewaltig und fest, wie kein andrer je hätte sein können.

 

Autor: Von diesem Trost sagt Rudolf Alexander Schröder:

 

Sprecher: Er ist mit mir gegangen bis heut und wird, so Gott will, mit mir gehen bis ans Grab und übers Grab hinaus.

(2) (Rudolf Wentorf, Rudolf Alexander Schröder - Ein Dichter aus Vollmacht, Brunnen-Verlag, Gießen und Basel, 1965, S.51)

 

Autor: Wie gut, wenn das gelingt: Dass Menschen erfahren, Gott ist nah. Er steht mir bei und tröstet mich. Es mag sein, dass alles fällt. Aber er trägt mich durch die Trauer. Noch heute muss ich manchmal an Christine denken, die an einem Hirntumor starb, zehn Jahre alt. Für die beiden Eltern hoffe ich auch nach so vielen Jahren noch, dass sie ihr geliebtes Kind und sich selbst in den Händen Gottes geborgen wissen und dass sie beide wieder einen guten Sinn in ihrer Lebenszeit gefunden haben.

Dass alle Zeit in Gottes Händen steht, davon hat Rudolf Alexander Schröder auf seine Weise gedichtet und gesungen:

 

Musik: Choral, Strophe 4-5

Sprecherin (Overvoice):

Es mag sein – die Welt ist alt – / Missetat und Missgestalt / sind in ihr gemeine Plagen. / Schau dir's an und stehe fest: / nur wer sich nicht schrecken lässt, / darf die Krone tragen.

 

Es mag sein, so soll es sein! / Fass ein Herz und gib dich drein; / Angst und Sorge wird's nicht wenden. / Streite, du gewinnst den Streit! / Deine Zeit und alle Zeit / stehn in Gottes Hände

 
 

Quellen:

(1) Rudolf Alexander Schröder, Meister der Sprache, zit. n. Rudolf Wentorf, Rudolf Alexander Schröder, Ein Dichter aus Vollmacht, Brunnen-Verlag, Giessen, 1965, S.47

(2) Rudolf Alexander Schröder, Auferstehung, zit. n. Rudolf Wentorf, Rudolf Alexander Schröder - Ein Dichter aus Vollmacht, Brunnen-Verlag, Gießen und Basel, 1965, S.51

 

Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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