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Das Geistliche Wort | 21.02.2021 | 08:40 Uhr

Fastenzeit

Ich mag Wimmelbilder. Schon als kleines Kind konnte ich mich über Stunden in ihnen verlieren. Ich bin Mathias Albracht und möchte Ihnen heute von einem ganz besonderen Wimmelbild erzählen. Es heißt „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ und stammt von niemand geringerem als dem großen niederländischen Meister Pieter Bruegel dem Älteren, der es 1559 malte. Mir hat das Bild die Augen geöffnet für die Fastenzeit, die am vergangenen Mittwoch ja begonnen hat in der katholischen Kirche.

Pieter Bruegel nimmt den Betrachter seines Bildes mit auf einen belebten Marktplatz, voll mit Menschen gepackt wie der Marktplatz am Samstag in Münster, wo ich lebe, – natürlich vor Corona.

Bruegel malt die Menschen gerne als bäuerliche Gestalten. Auf dem Bild sind Frauen, Männer und auch Kinder thematisch arrangiert: In der linken Bildhälfte spielen sich Szenen des Karnevals zu Bruegels Zeit ab, in der rechten Hälfte Szenen der Fastenzeit und ihrer Bräuche.

Im gemalten Vordergrund des Bildes, ein Duell wie ein Rittertournier:

Der fette Ritter Karneval reitet die Tjost, den berittenen Kampf mit der Lanze, und zwar auf einem von einem Narren gezogenen Fass, statt einem Pferd, an das man vorne auch noch einen fetten Schinken gepinnt hat. Auf seine Lanze gespießt: der Kopf eines Spanferkels, ein gebratenes Hähnchen und Würste. Auf seinem Kopf trägt Ritter Karneval eine Vogelpastete! Was für ein Leben! Das Ganze umjubelt von einem gut gelaunten, kostümierten und musizierendem Gefolge.

Auf der anderen Seite zieht seine Gegnerin in die Bahn: Frau Fasten. In klösterlicher Kleidung, von dürrer Statur, mit Rosenkranz und Stundenbuch am Gürtel und auf der Stirn mit dem Aschenkreuz bezeichnet. Sie richtet ihre Lanze gegen den Ritter Karneval: Einen Brotschieber, auf dem zwei magere Fischlein, also eine Fastenspeise liegen. Ihr Haupt bekrönt mit einem Symbol für Fleiß und Mühe: einem Bienenkorb. Ihr Gefolge: Mönche, Klosterfrauen und Kinder mit Karfreitagskleppern, hölzernen Lärminstrumente, mit denen in den Stillen Tagen der Karwoche die Gläubigen zum Gebet gerufen wurden.

Beide, Karneval und Fasten, sind im Begriff ihrem Gegenüber den entscheidenden Stoß zu versetzen.

Wie Pieter Bruegel der Ältere den Kampf zwischen Karneval und Fasten in seiner überpointierten und detailverliebten Manier malt, mag er vielleicht tatsächlich stattgefunden haben. Es gab nämlich die zeitgenössische Tradition eines solchen Schaukampfes zu den Karnevalstagen. Gewonnen wurde er stets von Frau Fasten. Ritter oder Prinz Karneval wurde dann ein kurzer Prozess gemacht.

Will heißen: Die Sitte hat gesiegt. Und das fromme Volk darf gläubig gen Ostern blicken. Der sündige Karneval: Überwunden, vorbei, gebannt. Buße statt Party, Einkehr statt Eiserkuchen.

Hinter Bruegels Kampf zwischen Karneval und Fasten steckt ein altes Sinnbild für den Dualismus. Seit der Zeit der spätantiken Kirchenväter besagt er: Es gibt nur Gut und Böse.

Die Welt, hat einen Hang zum Schlechten. In ihr ist der Wurm drin. Der Mensch: Ein Sünder, moralisch zum Straucheln und Fallen verdammt, der Gnade Gottes bedürftig.

Dieser Welt gegenüber steht der Himmel mit seinen Vorhöfen: Geistliches Leben, Werke der Barmherzigkeit, Frömmigkeit und für manche eifrigen Menschen auch die Heilige Kirche mit ihren Sakramenten und auch schon oftmals mit ihren Würdenträgern und Lehren.

Der Mensch muss sich nun entscheiden. Aber kann er sich mit Hilfe guter Werke fangen und sich selbst verleugnen, in ein gottgefälliges Leben hinein, in fromme Zucht und Ordnung?

Die Frage, die sich für mich daraus weiter entspinnt, ist: Muss ich den großen Karneval der Welt fahren lassen, mich selbst ein für alle Mal in die Wüste schicken, um die Kurve zu kriegen, um des Himmels willen?

Da käme es mir ja fast passend, dass der große Karneval in diesem Jahr ganz abgesagt wurde?

Über Jahrhunderte war die mit dem Fasten verbundene Askese eine Idee, die leider oft so leib- wie freudenfeindlich war.

Verzicht. Verzicht in dem Sinne, dass ich mir die sündigen Freuden des Lebens vorenthalte.

Die Fastenzeit als eine Zeit der Besinnung, der Buße und der Reue über meine „Sünden“. – Aber Moment mal, was heißt dieses über Jahrhunderte bedeutungsvoll überladene Wort „Sünde“ überhaupt? Der Begriff der „Sünde“ kommt von „sondern“, sich trennen oder lösen.

Ich verstehe das so: Mit der Sünde trenne ich mich von Gott, oder besser: verabschiede ich mich aus dem göttlichen, ausgewogenen Mittelpunkt einer Matrix von Gottes-, Selbst und Nächstenliebe und rutsche in die jeweiligen Einseitigkeiten.

Kirchliche Protagonistinnen und Protagonisten wussten über die Jahrhunderte mit dem Begriff der Sünde Angst, Schrecken und Leid zu verbreiten und versündigten sich vor allem selbst.

Ich glaube, jede „Sünde“ ist in ihrem Grunde nichts anderes als ein Ungleichgewicht einer der Person eigenen, möglichen Stärke und/oder eines vom Schöpfer gegebenen Talents. Gebe ich nämlich meinen Neigungen unreflektiert und unaufmerksam in Bezug zu mir selbst, meinen Nächsten und Gott hin nach, verliere ich meine Ausgewogenheit. Ich werde wie ein wenig seetaugliches Schiff, dessen Ladung sich zu einer Seite hin verschiebt. Im hohen Wellengang wird es manövrierunfähig und läuft Gefahr zu kentern.

Anders herum formuliert: Geistliches Leben heißt für mich dann: Beobachten, Gegensteuern, Ausgewogenheit erstreben und seefest werden gegen die Wogen und Wellen auf meiner irdischen Reise. Meine Mitte im Spannungsfeld zwischen mir selbst, den Nächsten und Gott finden und bewahren. Also eigentlich überhaupt nicht, mich selbst verlieren oder verleugnen, sondern mich üben und mich selbst besser kennen lernen.

Zurück zum Bild von Pieter Bruegel: „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“.

Neben den widerstreitenden Personifizierungen von Karneval und Fasten gibt es noch ein weiteres bedeutendes Figurenpaar in diesem Bild: Eine Frau und ein Mann. Sie überschreiten die Bildmitte, quasi die unsichtbare Grenze der getrennten Welten von Karneval und Fasten. Noch in ihren Kostümen laufen die Beiden, Arm in Arm von einem Bildthema ins andere.

Ich mag mich mit diesen beiden Personen identifizieren. Denn auch ich kann in beiden Welten leben und zwischen ihnen wandeln.

Die wiederkehrende Fastenzeit erinnert mich daran.

Obwohl ich Westfale bin – ich vielleicht eher vom Temperament der Fastenzeit zugeschlagen werde, ist in mir natürlich auch das, was Bruegels Karneval ausmacht: Die Lust und Freude am Schönen. An guter Musik, Treffen mit Freunden, ausgelassener Stimmung, gutem Essen usw., Freude, von der ich nicht genug bekommen kann – und die ich, gerade in Zeiten von Corona, doch sehr vermisse.

Gleichzeitig erlebe ich mich als einen Menschen, der immer wieder merkt, dass er an Punkte kommt, an denen er genug hat und „es gut sein lassen“ kann.

Manchmal auch, dass ich mit mir selbst vielleicht zu weit gegangen bin, eben in einem Ungleichgewicht stehe, Seiten von mir oder Mitmenschen aus dem Blick verloren habe, von meinem guten Draht nach oben, zu Gott, mal ganz zu schweigen.

Dagegen gilt es dann eine „Weite des Herzens“ zu setzen, wie es der fränkische Altabt Fidelis Ruppert aus der Benediktinerabtei Münsterschwarzach einmal nannte und dessen Gedanken dazu ich sehr schätze.

Diese Weite des Herzens verstehe ich auch in der Fastenzeit in diesem Jahr als mein Übungsziel.

Es geht dabei darum, die große Liebe Gottes zur Welt, zu ihren Geschöpfen und zu mir selbst wieder neu bedenken und meditieren. Darin wird mir das Fasten zur Nachfolge Christi, der gekommen ist, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10).

Und noch einmal zurück zum Bild von Meister Bruegel. Ich frage mich: Sind die gemalten Gegensätze von Karneval und Fasten nun ein Bild für mein Leben?

Ich persönlich denke, dass keines von beiden Extreme isoliert für sich betrachtet werden kann und schon gar nicht ausschließlich zu einer Freude an der Welt, meinen Nächsten und vermutlich auch nicht zu Gott führt.

Die Zeit menschlichen Lebens ist eine Zeit des Wechsels und damit auch wiederkehrender Besinnung, Übung und Neuorientierung.

Martin Luther, der Reformator und teilweise Zeitgenosse Bruegels, hat diese lebenslange Aufgabe wiederkehrender Besinnung – wie ich finde – schön zusammengefasst. Er sagt:

„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden‘s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg.“

Gute Worte.

Alles bleibt eine große Übung. Vollendet wird es in dieser Erdenzeit wohl kaum.

Das gläubige Ziel allen Strebens und damit auch Fastens ist nämlich das Bei-Gott-Sein. Und das kann ich in dieser Welt nie ganz erreichen.

Letztlich gilt: Selbst Gottes Wahrheit kann nicht besessen werden, ich kann sie mir nur schenken lassen. Und manchmal hilft mir dabei so ein Wimmelbild wie das von Karneval und Fasten von Pieter Bruegel.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer,

ich wünsche Ihnen und mir, dass wir uns des Wimmelbilds unseres eigenen Lebens bewusster werden und lernen, es versöhnlicher zu betrachten, um so eine größere Weite des Herzens zu gewinnen.

Machen Sie’s gut, sein Sie gut zu sich selbst und natürlich: bleiben Sie gesund!

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Fastenzeit!

Ihr Mathias Albracht – Pastoralreferent aus der westfälischen Karnevalshochburg Münster.

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