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Kirche in WDR 5 | 28.11.2019 | 06:55 Uhr

Fegefeuer


„Strenger Richter aller Sünder, der du uns so schrecklich drohst“ – die Worte stammen aus einem katholischen Kirchenlied und nicht nur hier im Erzbistum Köln war das Lied bis zur Reform des Gesangsbuches zu finden. „Strenger Richter, der du uns so schrecklich drohst“ – was ist das für ein Szenario! Ein Gott, vor dem die Menschheit zittert und sich fürchtet. Diese Gottesvorstellung herrschte über Jahrhunderten in den Köpfen: Künstler und Musiker stellten sie in zum Teil hoch eindrücklichen Werken visuell und akustisch dar. Ich denke da an das Jüngste Gericht von Michelangelo oder die zahlreichen Requiem-Vertonungen bedeutender Komponisten – denken Sie an Mozart.

Aber so eindrücklich diese Kunst ist: das angedrohte Gericht verführte auch dazu, Menschen gefügig zu machen. Die Älteren können sich bestimmt noch zu gut an so manche Höllenpredigt von der Kanzel erinnern. Und auch wenn Kinder nicht so gehorchten, wie die Eltern es wünschten, dann wurde sehr schnell der strafende Drohgott aus der Kiste geholt, weil die eigene Pädagogik am Ende war.

Dass diese Zeiten zum größten Teil vorbei sind, darüber bin ich sehr froh. Allerdings scheint mir das Pendel nun in die Gegenrichtung auszuschlagen. Dem Drohgott wurden die Zähne gezogen und aus „Strenger Richter aller Sünder“ wurde „Wir kommen alle in den Himmel“. Ja, was stimmt denn nun wirklich? Ich glaube, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen ist.

Ja, ich glaube, dass irgendwann einmal der Zeitpunkt kommen wird, an dem ich für all mein Tun und Handeln Rechenschaft abzulegen habe, dass alle meine Entscheidungen, die ich getroffen habe, nicht folgenlos geblieben sind. Da wird einiges an Gutem, aber auch einiges an Schlechtem dabei sein. Angst habe ich davor nicht, denn Gericht bedeutet ja auch, dass Recht gesprochen wird. Aber es ist nicht in jedem Fall völlig angenehm.

Mein Onkel erzählte mir einmal vor vielen Jahren, wie er sich das Jüngste Gericht vorstellt. Es war eine Begebenheit aus dem Straßenverkehr. Mein Onkel überholte ein Fahrzeug vor ihm und bemerkte dabei, wie dessen Fahrer den Finger in der Nase hatte und bohrte. Als beide Fahrzeuge auf gleicher Höhe waren, äffte mein Onkel diese Haltung nach und setzte dabei den Übervorvorgang fort. Die nächste Ampel war rot und beide Fahrzeuge kamen davor nebeneinander zum Stehen. Meinem Onkel war die Situation nun alles andere als angenehm. Er sah den Menschen, über den er sich lustig gemacht hatte, nun von Angesicht zu Angesicht.

Ich stelle mir gerade vor, was wäre, wenn ich allen Menschen, denen ich in irgendeiner Art und Weise Böses getan habe und die davon wissen, nun von Angesicht zu Angesicht gegenüber stünde. Das ist bestimmt nicht angenehm.

Mein Onkel ist vor zwei Jahren plötzlich gestorben. Er wird jetzt sicherlich wissen, ob er mit seiner Vorstellung vom Jüngsten Gericht Recht gehabt hat. Ich wünsche ihm aber, dass er in Gesichter schaut, die ihn gütig anblicken.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Jan Hendrik Stens aus Köln.



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