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Kirche in WDR 4 | 25.11.2019 | 08:55 Uhr

Frau L. wird beerdigt


Heute ist wieder Montag, und weil heute Montag ist ist das Wochenende leider auch schon wieder vorbei. Tja.

Manchmal kommt es vor, dass meine Woche mit einer Beerdigung beginnt. Wie vor einigen Wochen. Und manchmal kommt es vor, dass bei einer Beerdigung kein Angehöriger kommt. Dann stehe ich allein an der Urne. Wie vor ein paar Tagen bei Frau L. Sie war gerade mal 71 Jahre alt. Sie hatte noch 2006 geheiratet. Ihr Mann war aber schon verstorben. Und nun auch sie in einem Kölner Altenheim.

Allein an einem Grab zu stehen ist ein sehr besonderer Moment. Denn es melden sich auch die eigenen Ängste. Was ist, wenn du auch mal so einsam stirbst? Vergessen von den Menschen? Die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens bündelt sich dann in dem Blick in das matschige Loch eines Urnengrabes im letzten Winkel eines Friedhofs. Was macht das Leben für einen Sinn, wenn von einem Menschen am Ende seines Lebens nichts weiter bleibt als das Vergessen?

Ich habe für Frau L. eine kleine Ansprache geschrieben. Die habe ich dann am Grab vorgetragen. Die ging so:

„Liebe Frau L! Wir haben uns nicht gekannt. Am 31. Januar 1948 wurden Sie geboren. Der Wetterbericht von damals: Köln, neun Grad.

Am 3. August sind Sie gestorben. Der Sommer war noch in warmer Blüte. Die Menschen in Ferienstimmung. Die Schwimmbäder voll. Das Land atmete aus. Ich weiß nicht, ob Sie einsam waren oder Angst hatten, als der Tod kam. Ich weiß nicht, ob Sie allein waren. Ich weiß nicht, ob es jemanden gab, der an Sie dachte.

Von Ihrem Leben weiß ich nichts. Ich weiß nicht, ob Sie ein fröhliches Mädchen waren. Eine selbstbewusste Frau. Jemand, der das Leben liebte, aber vielleicht auch manchmal schwer am Leben trug. Ich kenne ihr Gesicht nicht. Ich weiß nichts über die Farbe Ihrer Augen oder Ihrer Haare. Ich weiß nicht, ob Sie schlank und sportlich waren, ob Sie das Tanzen geliebt haben, die Geselligkeit und die Freude an Gemeinschaft mit anderen Menschen. Die Literatur, das Lesen. Ich weiß nicht, wie Sie die Kriegsjahre erlebt haben. Ich weiß nicht, um wen Sie alles in Ihrem Leben getrauert haben. Wen Sie selbst durch Krankheit und Tod begleitet haben.

Unsere Biografien berühren sich nur in diesem Augenblick, wo ich an Ihrem Grab stehe. Wie zwei Kreise, die nebeneinander kreisen und sich nur in diesem einen Moment, der eigentlich nicht intimer sein kann, berühren. Und sich dann wieder verlassen.

Wir haben uns nicht gekannt. Aber ich glaube daran, dass jeder Mensch eine Zeit verdient hat, an dem die Welt stillsteht und sich nur um ihn dreht. Weil jeder Mensch es verdient hat, dass andere sich an sie erinnern. Und weil heute Morgen nicht die ganze Welt stillstehen kann, werde ich das stellvertretend tun.

In der Hoffnung, dass Gott sich an jeden Menschen erinnert. Auch an Sie. Das nämlich nennen Christen Auferstehung. Amen.“

Darauf vertraue ich wirklich. Dass sich Gott erinnert. An Frau L. An alle Menschen, die sang- und klanglos aus dieser Welt verschwinden. Wo ich vergesse ist Gott da. Das tröstet mich. Das macht mir Hoffnung. Vielleicht auch Ihnen.

Nicht nur an diesem Montagmorgen.

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