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Das Geistliche Wort | 14.06.2020 | 08:40 Uhr

Froh-ge-Mut (Ehret die Alten)

Autorin: Guten Morgen!

Auf ihrer hellen Bluse tanzen Schmetterlinge in Braun- und Rosatönen. Die Haare hat sie zu einem Knoten gesteckt. Das Gesicht ist frei. Wache braune Augen ermuntern mich, meine Fragen zu stellen. Wieder einmal bin ich einem Leben auf der Spur, durch das sich wie ein roter Faden die Freude zieht. Die Freude, vom christlichen Glauben erzählen zu können. Mit dem, was sie am besten kann: Musik machen und lehren.

Ich bin bei Ursula von den Busch in Essen zu Gast. In ein paar Tagen wird sie 91 Jahre alt. Die Kirchenmusikdirektorin hält ihre Finger weiter in Bewegung. Zu Hause am eigenen Flügel und in der Kirche an der Orgel, wenn sie einmal einspringen muss. Der Flügel im hellen großen Wohnzimmer ihres Elternhauses steht für ihre Liebe zur Musik. Das Haus selbst für Beständigkeit im Wandel der Zeiten. Zwischen tiefem Leid und großer Freude.


O-Ton 1: Mein Großvater hat dies Haus für meine Eltern gebaut, und das Haus ist also ein bisschen älter als ich. Und in diesem Haus habe ich halt zeitlebens gewohnt. Abgesehen von den Kriegsjahren, wo wir evakuiert waren.


Autorin: Musik hat für die Kirchenmusikdirektorin Ursula von den Busch immer eine Rolle gespielt. Von Kindheit an bis ins hohe Alter. Und man kann sagen: Sie ist eine musikalische Pionierin.


Musik 1: „Der Herr ist mein getreuer Hirt“, Komponist: Siegfried Reda (1916 bis 1968), Text: Wolfgang Meuslin (1531), Interpreten: Jugendkantorei der Auferstehungskirche Essen, Leitung: Ursula von den Busch, WDR Eigen-Produktion. CD 5079864.1.01. (1:20-2:09 = 0:49)


Overvoice-Sprecher = Liedtext: Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. Er weidet mich ohn Unterlass, darauf wächst das wohlschmeckend Gras seines heilsamen Wortes.


Autorin: Diese Musik wurde aufgenommen in der Auferstehungskirche Essen. Mit der Jugendkantorei der Auferstehungskirche, die Ursula von den Busch begründet hat. Der Herr ist mein getreuer Hirt – nach Psalm 23. Eine anspruchsvolle vierstimmige Motette - eine mehrstimmige geistliche Musik ohne Instrumente -, von dem Komponisten Siegfried Reda von der Folkwang-Hochschule. Bei ihm hat Ursula von den Busch studiert. Eine Musik, die nicht ganz leicht zu hören ist – Wohlklang und Verstörendes kommen hier zusammen. Das Heilige ist nicht einfach zu konsumieren.

Musik 2: Der Herr ist mein getreuer Hirt (2:44-3:34 = 0:50)
Overvoice-Sprecher = Liedtext: Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, das ist sein werter Heiliger Geist, der mich macht wohlgemute; er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlass um seines Namens willen.


Autorin: Der Herr ist mein getreuer Hirt. Sein werter Heiliger Geist, der mich macht wohlgemute. Wohlgemut. Das ist ein Wort, das zum Leben von Ursula von den Busch passt. Sie ist mutig. Und sie weiß die wohltuende Kraft der Musik für sich und andere zu nutzen. Schon ganz früh hat man ihr die Musik gewissermaßen in die Wiege gelegt.


O-Ton 2: Ich hatte Scharlach im ersten Schuljahr, und zur Erholung durfte ich dann zu meinen Großeltern. Da lebte auch meine Urgroßmutter im Haus. Und die kam zum Beispiel morgens früh dann rauf, weckte mich und spielte auf der Mundharmonika „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Also, das werde ich ihr nie vergessen. Das war so schön.


Musik 3: Track 1 „Geh aus, mein Herz“ (3:45) von CD Befiehl du deine Wege, Interpreten: Heike Wetzel (Flöte), Michael Schlierf (Flügel), Produzent: Michael Schlierf, Verlag: Gerth Medien, Asslar 2010, LC-Nr.: 13743. (4:11-4:37 = 0:26)


Autorin: Von ihren Großeltern und Urgroßeltern hat sie noch die Etüdenbücher für den Klavierunterricht. Und ihre Mutter hat als junge Frau ebenfalls gern und gut Klavier gespielt. Sie hatte bei einer Schülerin der berühmten Clara Schumann gelernt. Und so fängt auch Ursula von den Busch schon früh an Klavier zu spielen.


O-Ton 3: Klavierunterricht hatte ich mit acht Jahren bekommen. In einer Musikschule (…). Aber dieser Leiter der Musikschule war für mich eben ziemlich alt und langweilig. Also, ich hab dann ´ne Zeit gehabt, wo ich gar nicht mehr spielen wollte und wo meine Eltern täglich unterschreiben mussten, dass ich mindestens halbe Stunde geübt hab´. Und dann kam irgendwie ein Wechsel und ich bekam eine junge Klavierlehrerin und die hat mich also unheimlich motiviert. Da hat es mir so viel Spaß gemacht. Und vor allen Dingen habe ich da viel Barock gespielt. Und hörte dann in der Kirche, dass sich das ja so ähnlich anhörte. (…) Und als ich noch Katechumenin war, das war ja damals Kindergottesdienstalter, bin ich dann zusätzlich noch in den Hauptgottesdienst gegangen, warum? Weil ich das hören wollte. Und ich wusste die Organistin, die kam also immer (…) vor dem Gottesdienst und übte und spielte sich ein, und dann bin ich da also auch hin und hab mir das angehört. Das war allerdings nur eine verhältnismäßig kurze Zeit. Dann kamen die ersten Bombenangriffe und dann ging es dann also in den Schwarzwald.


Musik: Der Herr ist mein getreuer Hirt (6:02-6:50 = 0:48)

Overvoice-Sprecher= Liedtext: Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke, in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke: denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, auf dein Wort ich mich lasse.



Autorin: Krieg. Zerstörung. Evakuierung. In den Schwarzwald nimmt die junge Ursula von den Busch nicht nur die Liebe zur Musik mit, sondern auch die Liebe zum Kindergottesdienst. Die biblischen Geschichten in Klang und Wort unter die Leute bringen - das liegt ihr auch später am Herzen.


O-Ton 4: Wir hatten erst mal immer einen Vorbereitungsabend, das war der Donnerstag. Und dann habe ich mir das auch oft schriftlich ausgearbeitet, weil ich auf Nummer sicher gehen wollte.


Autorin: Eine Gruppe zu leiten, weiterzugeben, was ihr wichtig ist im Leben, das liegt Ursula von den Busch. Und so wird sie im Schwarzwald zunächst Leiterin einer Jungmädel-Gruppe.

Die Jungmädel aber sind eine Organisation der Nazis.


O-Ton 5: Und da habe ich dann meiner Gruppe gesagt: Hört mal, am Sonntag, da geht ihr in den Kindergottesdienst. Und zur Strafe wurde ich dann meiner Gruppe beraubt und durfte also nicht mehr diese Mädchengruppe führen. Wobei ich dann noch denke: Meine Güte das hätte ja auch für meine Eltern ganz schwierig werden können.


Autorin: Kirche und Jungmädel sein – das passt bei den Nationalsozialisten nicht zusammen. Und das wird den Kindern damals schon in der Schule eingetrichtert.


O-Ton 6: Mein Vater sagte dann beim Mittagstisch irgendwann mal: Diese Verbrecher. Und meine Schwester fing dann furchtbar an zu weinen. Und dann sagte(n) meine Eltern (…), was ist denn hier los. Ja, unser Klassenlehrer hat uns gesagt: Wenn unsere Eltern was gegen Hitler sagen, da müssen wir ihnen eine Ohrfeige geben.


Musik 5: Track 8 „24 hours“ von CD Acoustic Shapes, Interpret/Komponist/Arrangement: Wolfgang Haffner, Interpreten: Hubert Nuss, Lars Danielsson, Label: The Act Company, 2008, LC-Nr.: 07644. (08:23-08:31 = 0:08)


Autorin: In der Evakuierung im Schwarzwald – wo die Familie bei einem Dekan unterkam - hat Ursula von den Busch Hausmusik kennengelernt und sich Orgelspielen beigebracht. Mit dem riesigen Kirchenschüssel ging es zur Kirche und…


O-Ton 7: Dann habe ich auch mit den Füßen dann versucht. Und das ging dann alles schon ganz, ganz schön. Und dann habe ich dann auch schnell Gottesdienste übernehmen dürfen. (…) Da war ich also frisch konfirmiert, ja, da war ich so fünfzehn vielleicht…


Autorin: Wo immer sie ist – sie lässt sich auf die neue Situation ein, sammelt Erfahrungen. Dafür bin ich auch so dankbar, sagt sie, …


O-Ton 8: ….dass sich das alles so zusammengesetzt hat, dass ich überall immer was gelernt hab´ was ich noch nicht kannte und was ich dann später eben wirklich auch gut verwenden konnte in meinem Beruf.


Autorin: Den Kirchenlieder-Schatz, den sie im Schwarzwald beim „Herrn Dekan“ kennengelernt hat zum Beispiel…

Musik 6: „Heilger Geist, du Tröster mein“ (zu 4 Stimmen) {Choralmotette}, Komponist: Hufschmidt, Wolfgang (15.03.1934-18.07.2018) Deutschland, WDR-Kompilation, Dirigentin: Ursula von den Busch; Chor: Jugendkantorei der Auferstehungskirche Essen, Auftraggeber: Barbara Schwendowius, techn. Aufnahmeleiter: Martin Andrae, Tonmeister: Wolfgang Müller, Aufnahmeart: Studio-Aufnahme WDR. (09:23-09:43 = 0:20)


Autorin: Als der Krieg vorbei ist, das Abitur in der Tasche – was nun lernen. Kirchenmusik, Kindergarten, Theologie studieren... alles interessant. Als Theologin hätte sie damals aber nur Frauenarbeit, Mädchenarbeit oder Krankenhausseelsorge machen können.


O-Ton 9: Das war mir irgendwie zu eng. Ich wollte eigentlich, ja, so das ganze Leben haben. Ich wollte die Leute eben wirklich vom Kindergarten bis später irgendwie…, mit denen musizieren. Und das war mir dann auch wichtig.


Autorin: Ursula von den Busch studiert an der Folkwang-Hochschule in Essen und findet ihren eigenen Weg als Kirchenmusikerin.


O-Ton 10: Und hab, als ich dann später hier angestellt worden war, also mir fast meine Dienstvorschriften selbst zurechtgelegt. Ich habe gesagt, also zum Beispiel: mit den Konfirmanden wollt´ ich singen. (…). Und ich wollte in die Gemeinde-Kreise gehen und mit ihnen singen. Das war mir dann also ganz, ganz klar


Autorin: Mutig geht sie voran und gründet gemischte Chöre. Aus dem Kindergottesdienst einen Kinderchor und eine gemischte Jungendkantorei.


O-Ton 11: Und ich machte jetzt also Jungs und Mädchen zusammen. Das war also schon etwas sehr Ketzerisches, was man mir zum Teil sehr, sehr übel nahm...


Autorin: Sie macht sich mit dieser Arbeit einen Namen. Die jüdische Gemeinde fragt an,

O-Ton 12: Ob ich bereit wär´, mit meinem Jugendchor jüdische Gesänge einzustudieren.

Autorin: Der Kantor

O-Ton 12: … hat uns dann auch die Noten gebracht, hat uns auch die Aussprache beigebracht.


Autorin: Diesen Kontakt zu jüdischer Musik und Gemeinde hält sie immer bei. Sie organisiert jedes Jahr eine Chorfahrt ins Ausland. Frankreich, Italien, Ungarn, Polen, Baltikum und Finnland, Oslo, Uppsala, England, Schottland, um nur einige zu nennen. Das hat die Jugendlichen sehr geprägt. Es waren Fahrten, bei denen musikalisch Versöhnung mit ehemals verfeindeten Ländern stattfinden konnte.

Die unverheiratete Kantorin geht ihren musikalischen Kindern nach und textet mit ihnen sogar Stücke.


O-Ton 13: Ich glaube also auch so ein bisschen macht da auch der persönliche Kontakt. Ich habe mich natürlich wirklich schon sehr um die Kinder und Jugendlichen gekümmert. Ich kannte die Elternhäuser (…) und dann hab´ ich da meine Hausbesuche gemacht und hab gefragt, ob sie nicht wieder kommen wollten.


Autorin: Ursula von den Busch erhält die Anfrage, ob sie an der Folkwang-Hochschule unterrichten möchte. Sie lehnt ab. Die Familie geht vor. Die Familie das ist neben Mutter und Vater die Gemeinde. Sie fördert und unterstützt junge Menschen – so wie sie selbst immer wieder Menschen in ihrem Leben getroffen hat, die ihr auf ihrem Weg beigestanden haben und die sie gefördert haben.

Rückblickend sagt sie:


O-Ton 14: Was hab ich es doch gut gehabt – also in jeder Hinsicht -, dass ich immer Leute hatte die mich weiter gefördert haben... Die mir Dinge gezeigt und ermöglicht haben, auf die ich so vielleicht gar nie gekommen wäre…


Autorin: Das Bundesverdienstkreuz hat die Kirchenmusikdirektorin zu Recht erhalten. Sie hat allen Generationen Jahrzehnte lang das Wort Gottes in gesungener und instrumentaler Musik nahe gebracht. Eine gesungene Predigt, sagt einmal eine Gottesdienstbesucherin zu ihr. Krieg, Leid, Bewahrung und neue Hoffnung. Bis ins hohe Alter bleibt sie froh-ge-Mut. Auch wenn es ihr jetzt schwer fällt, im Gottesdienst mit Maske zu sitzen und nicht singen zu dürfen.


Morgen ist der Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation hat ihn ausgerufen. Vielleicht hilft es, die Würde der Alten zu bewahren, wenn wir jeden Menschen als Geschöpf Gottes sehen – nicht als Risikogruppe. Einen Menschen, der mich hier und heute bereichert. Der mich froh-ge-Mut macht.

Bleiben Sie frohen Mutes und lassen Sie sich Geschichten erzählen von denen, die schon länger auf diesem Planeten unterwegs sind… Ihre Petra Schulze, Rundfunkpfarrerin in Düsseldorf.


Musik 7: Track 1 „Music was my first love“ (5:54) von CD Millenium Edition, Interpret und Komponist: John Miles, Verlag: This Compilation 1998 Universal Music Domestic Division, a division of Universal Music GmbH © 2000 Polymedia Marketing Group, Erscheinungsdatum: 31.12.1997, Label: Decca, LC-Nr.: 0171. (ab 13:05 unter Autorin bis Ende 17:01 = 2:56)

Music was my first love
And it will be my last.
Music of the future
And music of the past.

To live without my music
Would be impossible to do.
In this world of troubles,
My music pulls me through.

Music was my first love
And it will be last.
Music of the future
And music of the past
And music of the past
And music of the past.

Music was my first love
And it will be…



Weitere Informationen:

Welttag gegen Misshandlung älterer Menschen: https://www.un.org/en/events/elderabuse/



Redaktion:  Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

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