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Das Geistliche Wort | 21.06.2020 | 08:40 Uhr

Fürchtet Euch nicht!


In einer Stadt – so erzählt eine Geschichte – hat ein Artist sein Hochseil

gespannt und führt vor dem Publikum seine Kunststücke vor, eines spannungsreicher als das andere. Die Menschenmenge ist begeistert. Totenstille liegt über dem Platz, als er zum Abschluss noch eine Schubkarre über das Hochseil schiebt. Donnernder Applaus ist zu hören. Der Artist fragt die Menge: „Trauen Sie mir zu, dass ich die Schubkarre auf dem gleichen Weg wieder zurückschieben kann?“ Begeistert klatscht man Zustimmung. Der Artist schweigt eine Weile. Die Menge meint, er zaudere. „Weitergehen“, rufen ihm einige zu. Der Mann auf dem Hochseil fragt einen der Rufer: „Sie da unten, trauen Sie mir wirklich zu, die Karre zurückschieben zu können?“ „Selbstverständlich“, ruft der Mann zurück. Dann fordert der Artist ihn auf: „Dann kommen Sie doch herauf und setzen sich in die Karre!“ Nein – so war die Zustimmung nun doch nicht gemeint.

Ich frage mich, wie ich mich wohl verhalten hätte? Ich glaube, mich hätte der Mut verlassen, mich bedingungslos in den Karren zu setzen und ganz dem Artisten zu vertrauen. Solange ich Zuschauer bin bewundere ich gerne das Können anderer. Doch sobald ich etwas wagen muss, werde ich vorsichtig und manchmal sogar auch ängstlich. Angst dient ja auch dazu, sich vor Gefahren zu schützen, und gehört zu den Grundeigenschaften des Menschen dazu. Daher ist es so wichtig, mit Angst umgehen zu lernen – zum Beispiel durch ermutigende Worte. Ein solches Wort findet sich in dem Abschnitt aus dem Matthäusevangelium, das heute in der katholischen Kirche vorgetragen wird – und das gleich dreimal.

Jesus sagt zu seinen Jüngern, die offensichtlich auch Angst haben: „Fürchtet euch nicht!“[1]. Diesen Worten geht Jesu Missionsauftrag voraus: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“[2] Doch es zeichnet sich bereits ab: Diese Mission wird kein Vergnügen werden. Denn Jesus sendet seine Jünger „wie Schafe mitten unter die Wölfe“[3]. Das heißt: Wer die gute Nachricht Jesu verkündet, den wird das vielleicht sogar das Leben kosten. Jesus sagt nämlich: „Brüder werden einander dem Tod ausliefern und Väter ihre Kinder, und die Kinder werden sich gegen ihre Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden…“[4] Nicht nur für die Jünger, sondern bis heute gilt: Wer diese Worte hört, kann schnell ängstlich werden, da kann einen regelrecht der Mut verlassen. Wie wichtig ist es da zu hören: „Fürchtet euch nicht!“

Ich habe gestaunt, als ich diese Ermutigung in der Bibel nachgelesen habe. Gleich 365 Mal tauchen diese Worte darin auf. Man könnte sagen – für jeden Tag einmal. Dabei ziehen sie sich wie ein roter Faden durch das Alte und Neue Testament und gelten fürs ganze Leben. „Fürchtet euch nicht!“ Ein paar Beispiele: Abraham hört bereits diese Worte, als er im hohen Alter in die Fremde aufbrechen soll. Die Ankündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an Maria beginnt mit diesen Worten. Und nach der Geburt Jesu hören die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem diese Worte durch einen Engel genauso wie die Frauen am Grab. „Fürchtet euch nicht!“ Das ist die eindrucksvollste Mutmachkampagne Gottes, die ich kenne!

„Fürchtet euch nicht“ – ist die Mutmachkampagne Gottes für die Menschen. Aber reicht der Zuspruch?

Die jüdische Schriftstellerin Rose Ausländer, die dem Nazigräuel ausgesetzt war, hat Angst und Schrecken erlebt. Sie beginnt eines ihrer Gedicht mit den Worten: „Wirf deine Angst in die Luft!“

Ich verstehe das so: Sie trotzt der Angst vor der Schreckensherrschaft der Nazis mit einer fast schon spielerischen Leichtigkeit. – Angst soll ihre Schwere verlieren, soll sich verflüchtigen, verfliegen.

„Wirf deine Angst in die Luft!“ – diese Worte und diese Haltung würde ich mir auch manchmal gerne zu Eigen machen. „Wirf deine Angst in die Luft!“ – befreie dich von der Angst, von der Furcht, vor dem Übermächtigen, vor dem Versagen und dem Scheitern. Für mich ist Rose Ausländer eine herausragende Frau, die mit ihrer Aufforderung Haltung zeigt, sich nicht unterkriegen zu lassen. Das imponiert mir und macht mir Mut.

Einen anderen interessanten Gedanken habe ich bei Sören Kierkegaard entdeckt, dem Philosophen und Theologen, der aufgrund eigener Depressionen um existentielle Ängste wusste. Kierkegaard orientiert sich an Jesus, der nie davon geredet hat, dass er Bewunderer haben wollte. Es ging Jesus vielmehr darum, Nachfolgende zu gewinnen. Auf die Frage, was denn der Unterschied zwischen einem Bewunderer und einem Nachfolgenden sei, antwortet Kierkegaard:

Sprecher: „Ein Nachfolger ist oder strebt, das zu sein, was er bewundert; ein Bewunderer hält sich für seine Person aus dem Spiel; bewusst oder unbewusst: er entdeckt nicht, dass das Bewunderte eine Forderung an ihn enthält, die, das Bewunderte zu sein oder doch danach zu streben, es zu sein.“

 

Mit anderen Worten: Bewundere nicht den Mut des anderen, sondern werde selbst mutig.

Für mich ist dafür ein herausragendes Beispiel die Figur des Simon Petrus, den Jesus beruft. Petrus wird von einem Bewunderer Jesu zu seinem Nachfolger, von einem Zuschauer zu einem Akteur. Für mich wird das deutlich in der Szene, in der Jesus in der Nacht über den See Genezareth geht (Mt 24, 25–33) und seine Jünger – als sie ihn sehen – vor Angst erschrecken. Jesus ruft ihnen in diesem Moment zu: „Habt Vertrauen; ich bin es, habt keine Angst!“ Und Petrus überwindet seine Angst und sagt: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme.“ Darauf antwortet Jesus: „Komm!“ Petrus verlässt das Boot, gibt alle Sicherheiten auf, um Jesus auf dem Wasser entgegenzugehen. Als aber seine Glaubenskraft nachlässt und Zweifel sein Vertrauen erschüttern, beginnt er zu sinken. Sein Glaube war in diesem Moment noch nicht stark genug. Bemerkenswert ist allerdings, dass Jesus ausgerechnet zu diesem zweifelnden Petrus zuvor gesagt hat: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“[5] Offenbar rechnet Jesus mit Ängsten, Zweifeln und Erschütterungen der Menschen – und hält dennoch an ihnen fest.

Petrus, dem ersten Papst vertraut Jesus, trotz seiner Ängste und Schwächen. Gut zweitausend Jahre später wird zum Nachfolger Petri Karol Wojtyla gewählt, Johannes Paul II. Ich kann mich noch gut zurückerinnern an den Abend seiner Wahl am 16. Oktober 1978. Ein bis dahin unbekannter Mann aus Polen sprach von der Loggia des Petersdomes zu der Menschenmenge auf dem Petersplatz. Und was sagte dieser Papst: „Fürchtet euch nicht!“. Sicherlich galten diese Worte vor allem auch den Christen in seiner Heimat, im ehemaligen Ostblock, die vom Kommunismus unterdrückt wurden. Und: Diese Worte zeigten Wirkung: Da ist ein Papst, der keine Angst vor dem kommunistischen Regime hat, der vielmehr die Christen auffordert für die Freiheit aufzustehen. Für viele Deutsche haben diese Worte eine ganz eigene Bedeutung bekommen: Ich denke an die friedlichen Montagsdemos in der ehemaligen DDR und letztendlich an den Fall der Mauer, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen. „Fürchtet Euch nicht!“ Johannes Paul II. hat mit diesen Worten die Welt verändert.

„Fürchtet Euch nicht!“ Auch heute noch im 21. Jahrhundert braucht es diese Aufforderung. Krisen und Skandale lassen uns das Wasser bis zum Hals stehen. Da ist immer noch die Corona-Krise mit all ihren unüberschaubaren Konsequenzen für das Zusammenleben, für die Gesundheit, für die Wirtschaft. Und auch die Kirche wird seit Jahren von Krisen geschüttelt – zum Teil selbstverschuldet. Menschen verlassen die Kirche scharenweise. Das macht mir ehrlich gesagt schon große Sorgen. Wie soll es weitergehen? Braucht es nicht vielmehr Christinnen und Christen, die bereit sind, sich wie in der Geschichte vom Hochseilartisten in einer Schubkarre über den Abgrund balancieren zu lassen? Braucht es nicht vielmehr mutige Leute wie Petrus, die bereit sind das Unmögliche zu wagen, raus aus der Sicherheit, der Komfortzone und den ersten Schritt zu wagen auf scheinbar untragbarem Grund? Ich meine ja. Es braucht Menschen, die mehr Optimismus ausstrahlen, die sich nicht vor den gewaltigen Problemen dieser Welt, den Skandalen der Kirche und den kirchenkritischen Anfragen fürchten, sondern die Dinge beim Namen nennen, mutig vorangehen und das Kunststück beherrschen, Jesus Christus wieder erlebbar zu machen, der sagt: „Fürchtet euch nicht!“.

Für mich ist so ein Mensch der Heilige Bernhard von Clairvaux. Er verhalf dem neu gegründeten Zisterzienserorden zu einer außerordentlichen Blüte. Als er im Jahr 1153 starb, waren allein von seinem Kloster Clairvaux aus 67 neue Klöster gegründet worden. Ich fühle mich ihm sehr verbunden, da ich in einem ehemaligen Zisterzienserkloster arbeite, dem heutigen Jugendhaus Hardehausen. In seiner unzähligen Briefen und Predigten ermutigt er immer wieder seine Mitbrüder: „Fürchtet euch nicht!“ Wagt den Schritt aus der Komfortzone und der Sicherheit, neuen Ufern entgegen. So heißt es in einer der Predigten:

 

Sprecher: "Herr sende uns.

Wenn Du es willst, lassen wir das Haus hinter uns, das uns lieb geworden ist, das uns Ort war des Glaubens, des Zweifels, der Anbetung, das uns Stein war, an den wir gestoßen sind, das uns Raum war, der uns kannte, Ort, der uns geborgen hat.

Wenn Du es willst, verlassen wir die Brüder und Schwestern, die wir kennen, die wir geliebt, geärgert, gesegnet haben, die Heiligen und die Sünder und die Mittelmäßigen, mit denen wir Jahrzehnte unter einem Dach geglaubt und gebetet, gearbeitet und geschwitzt, gegessen und getrunken haben.

Wenn du es willst, werden wir Abschied nehmen von den Händen und Gebeten, die uns trugen, von den Augen, die uns riefen, von dem Haus, an dem wir mitgebaut, das ein Teil von uns geworden ist.

Wenn Du es willst, werden wir Abschied nehmen.

Du rufst uns. Du sendest uns.

Und wo immer wir uns niedergelassen: Du bist schon dort.

Der Du uns getragen, geprägt, geführt, befreit hast: Du bist schon dort.

Der Du uns in Ungeahntes, Neues führst: Du bist schon dort.

Wir gehen mit Dir, erfahren Dich, wie wir es nie geglaubt: Du bist schon dort.

Wir brechen auf, und wir sind nicht verlassen: Denn Du ziehst mit." [6]


„Fürchtet euch nicht“, denn Gott ist immer schon da, wo ihr seid.

Aus Paderborn verabschiedet sich Diözesanjugendpfarrer Stephan Schröder. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.


[1] Mt 10,26;28;31 [2] Mt 10,7 [3] Mt 10,16 [4] Mt 10,21-22 [5] Mt 16,18

[6] Youcat, Jugendgebetbuch. Hrsg. Georg von Lengerke und Dörte Schrömges, Pattloch 2011, S. 99, nach Predigt von Bernhard von Clairvaux

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