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evangelisch

Choralandacht | 04.07.2020 | 07:50 Uhr

Geh aus mein Herz und suche Freud, eg 503

Autor: Ich mag neun oder zehn Jahre alt gewesen sein. Damals bin ich gerne in den Kindergottesdienst gegangen. Wir waren bestimmt 30, 40 Kinder. Was nicht verwundern mag; denn in dieser Zeit –also vor gut 60 Jahren -gingen wohl alle evangelischen Kinder im entsprechenden Alter in unserem Dorf in den Kindergottesdienst. Das gehörte sich so. Wenn der Erwachsenengottesdienst rum war und sie die Kirche verlassen hatten, stürmten wir rein und quetschten uns in die Bänke. Der ehrfurchtgebietende Pfarrer in seinem schwarzen Talar sang mit uns ein, zwei Lieder – aus dem Gesangbuch! Dann erzählte er eine Geschichte, wir redeten ein bisschen darüber. Noch ein Lied, das Vaterunser und das war’s. Für mich war ein Höhepunkt, dass wir uns ein Lied aussuchen durften. Leider wieder nur aus dem Gesangbuch. Und damit wurde ich wohl zur Nervensäge unseres Pfarrers; denn bevor noch irgendjemand anderes etwas sagen konnte, hatte ich schon meinen Liedwunsch deutlich und lautstark geäußert und zwar jeden Sonntag im Sommerhalbjahr immer denselben:


Musik 1, Strophe 1: Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Text: Paul Gerhardt, Komposition: August Harder, Chor: Studierende der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, Leitung: Andreas Schmidt, CD: Lobt Gott getrost mit Singen. Lieder aus dem Ev. Gesangbuch, Gottesdienstinstitut der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern 2008, Art.-Nr.: 0915.


Overvoice-Sprecherin:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben;

Schau an der schönen Gärten Zier

und siehe, wie sie mir und dir

sich ausgeschmücket haben.


Autor: Bis heute ist dieses Lied tief in meiner Gefühlswelt verankert. Es vermittelt mir immer wieder ungebrochen tiefe und gute Gefühle. Einen naiven, geradezu kindlichen Glauben hat es mir über alle Zeiten gerettet. Auch als ich erkennen musste: das Leben, mein Leben, ist kein immerwährender Sommer, keine dauerhafte liebe Sommerzeit. Gerade die letzten Monate haben diesen kindlich-naiven Glauben auf eine harte Probe gestellt. Als das Coronavirus die Welt heimsuchte, auch meine kleine, private Welt, als meine Frau und ich plötzlich zu Risikopersonen wurden, Leib und Leben in Gefahr schienen; als wir unseren Sohn, das Patenkind und viele liebe Freunde nicht mehr treffen und umarmen durften; als Menschen einsam in Alten-und Pflegeheimen starben; als schließlich eine taumelnde Weltwirtschaft eine Horrornachricht nach der anderen produzierte. Gefährdete Existenzen im Großen wie im Kleinen. Die bange Frage nach dem, was auf uns zukommt danach, und die Sorgen, was die Einbrüche in unser soziales Gefüge mit uns allen anstellen würden.

Und doch: wie aus einer anderen Welt war da das erwachende Frühjahr. Krokusse, Narzissen und Tulpen; blühende Bäume und wärmende Sonnenstrahlen. Und trotz all dem Schrecken war sie nicht unterzukriegen, diese Zuversicht, von Gott behütet und bewahrt zu sein und die Erinnerung an jenes Lied, das mich von Kindesbeinen an begleitet. Denn auch in diesen schlimmen Wochen konnte ich mich an meines Gottes Gaben von Herzen freuen. Zumal wenn ich in meinem großen, verwilderten Garten war. Dann saß ich auf meiner blau angemalten Bank vor dem Gartenhäuschen und betrachtete die Wiese, die Hecken, kleine Bäume und Büsche und meine selbstgebauten Hochbeete.


Musik 2, Strophe 2: Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Text: Paul Gerhardt; Komposition: August Harder, Chor: Solistenensemble; Leitung: Gerhard Schnitter; CD: Paul Gerhardt, Befiehl du deine Wege, Label: Hänssler-Verlag, LC-Nr.: 07224.


Overvoice-Sprecherin:

Die Bäume stehen voller Laub,

das Erdreich decket seinen Staub

mit einem grünen Kleide;

Narzissus und die Tulipan,

die ziehen sich viel schöner an

als Salomonis Seide.


Autor: Und dann war es wie immer: im Frühjahr fängt meine Wiese an zu blühen. Immer blüht irgendetwas, immer wächst irgendetwas. Ich lasse gerne Wildwuchs zu. Ich freue mich, wie alles so wunderbar stimmig ist. Die Natur hat ihren Rhythmus, alles kommt zu seiner Zeit. Es ist vertraut und schafft mir ein ruhiges und sicheres Gefühl. Im großen Schöpfungsplan Gottes bin auch ich geborgen. Ich spüre wie großartig Gottes Schöpfung ist, wie lebendig und auch widerstandsfähig und ich bin mir sicher, auch wir werden Gottes gute Schöpfung nicht zerstören können. Sie ist und bleibt sein Werk.


Musik 2, Strophe 3


Overvoice-Sprecherin:

Die Lerche schwingt sich in die Luft,

das Täublein fliegt aus seiner Kluft

und macht sich in die Wälder;

die hochbegabte Nachtigall

ergötzt und füllt mit ihrem Schall

Berg, Hügel, Tal und Felder.


Autor: Nun gut, eine Lerche habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Aber mein Gartennachbar hat Tauben; die fliegen zwar nicht in die Wälder, aber über meinen Kopf schon hin und wieder. Und ihr Gesang, wenn man den so nennen mag, ist auch nicht gerade berauschend. Und Nachtigallen singen nicht an den Rändern einer Großstadt. Leider.


Musik 3: (instrumental) Geh aus, mein Herz, und suche Freud, Text: Paul Gerhardt; Komposition: August Harder, Interpret: Thomas Knodel; CD: Lieder der Stille. Gitarren-Choräle, Label: SJ Entertainment, SJCDJ0062.


Overvoice-Sprecherin:

Die Glucke führt ihr Völklein aus,

der Storch baut und bewohnt sein Haus,

das Schwälblein speist die Jungen,

der schnelle Hirsch, das leichte Reh

ist froh

und kommt aus seiner Höh

ins tiefe Tal gesprungen.


Autor: Ach ja, die Glucke und ihre Jungen. Einmal hatte mich mein Vater mit geheimnisvoller Miene zu einem gluckigen Huhn geführt. Wir hatten zuhause natürlich auch Hühner. Er legte dem Federvieh eine Handvoll Eier unter. Und ich kann mich immer noch erinnern, wie ich gestaunt habe, als endlich eine Reihe gelber Federbällchen sich aus dem Federkleid der Glucke zwängte und bei der kleinsten Gefahr wieder unter ihren Flügeln verschwand. Was für ein Bild! So war es in den Armen meiner Mutter und meiner Oma. Genau so.


Musik 3 (instrumental)


Overvoice-Sprecherin:

Die unverdrossne Bienenschar

fliegt hin und her, sucht hier und da

ihr edle Honigspeise,

des süßen Weinstocks starker Saft

bringt täglich neue Stärk und Kraft

in seinem schwachen Reise.


Autor: In meinem wilden Garten habe ich inzwischen auch Bienen. Letzten Sommer hab ich zum ersten Mal Honig geerntet. Und auch jetzt fliegen sie wieder unverdrossen in der Gegend herum und finden zielgerichtet nach Hause in den Stock. Und ich kann erleben, wie phantastisch es ist, wenn alle für alle da sind, wenn Leben und Aufgaben geordnet sind, wenn sich keine drückt und alle auf ein großes Ziel hinarbeiten – das Überleben aller zu sichern und so ganz nebenbei auch für das Überleben von Natur und Menschen zu sorgen.

Was wäre das für eine Welt, wenn wir von den Bienen lernen könnten: ein jeder übernimmt die Aufgaben, für die er vorgesehen ist und die er kann. Zu seinem Wohl und zum Wohl vieler Anderer. Wo alle mit anpacken, unsere Umgebung zu hegen und zu pflegen, und so die Welt zu einem wunderbaren, schönen Ort zu machen. Ach ja.

Kindlich, naiv – ich weiß. Aber mit diesem Kinderglauben bin ich über 70 Jahre alt geworden, habe Lebensbrüche und Einbrüche gemeistert, habe nie aufgegeben und bin bei der Sache geblieben – mal mehr mal weniger, mal schlecht und recht. Und ich bitte Gott, dass er mir diesen Glauben lässt bis an mein Ende und bis dahin:


Musik 1, Strophe 8: Geh aus, mein Herz, und suche Freud


Overvoice-Sprecherin:

Ich selber kann und mag nicht ruhn,

des großen Gottes großes Tun

erweckt mir alle Sinnen

Ich singe mit, wenn alles singt,

und lasse, was dem Höchsten klingt,

aus meinem Herzen rinnen.



Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth




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