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Das Geistliche Wort | 23.05.2021 | 08:40 Uhr

Geistreich - von Feuer, Stürmen und Leidenschaft

Guten Morgen!

Heute an Pfingsten wird einer der höchsten Feiertage der Christenheit gefeiert nach Ostern und Weihnachten. Es ist das Fest des Heiligen Geistes, der dritten göttlichen Person, die für Einheit und Vielfalt steht. Und das wird schon im Neuen Testament beschrieben (vgl. Apg 2,1-11):

In Jerusalem ist gerade richtig was los. Pilger aus vielen Ländern sind zu einem Fest zusammengekommen. Sortiert nach Sprachgruppen lagern sich die Menschen in der Nähe des Tempelberges: Parter, Meder, Elamiter, Leute aus Ägypten und Libyen waren da, und noch andere mehr – obwohl alles Juden, so doch in Kultur und Sprache tief verschieden je nach ihrer Herkunft. Auf einmal hören sie alle die Anhänger Jesu, die Apostel, in ihrer je eigenen Sprache von Gottes großen Taten sprechen.

Die Apostel sind sicher keine geborenen Kommunikationsprofis, keine geschulten Redner, keine mehrsprachigen Akademiker. Analphabeten sind sie wohl, einfache Fischer vom See Genesareth, Leute, die weder lesen noch schreiben können.

Später schreiben die theologischen Lehrer der ersten Jahrhunderte, sie hätten das Evangelium verkündet nach Art der Fischer, nicht nach Art der Philosophen. Und das Erstaunliche: Jeder kann sie verstehen. Viele verschiedene Sprachen und es gibt doch ein gemeinsames Verstehen.

MUSIK I: Giovanni Pierluigi da Palestrina, Dum complerentur dies pentecostes

Ein Sprachwunder – 50 Tage nach Ostern. Sprache ist nie etwas Starres, Unveränderliches. Die Sprache, die ich spreche, ist zwar deutsch. Aber doch nicht mehr die Sprache eines Martin Luther, nicht mehr die Sprache Goethes, noch nicht mal mehr die Sprache meiner Großeltern. Und die Sprache meiner Nichte ist auch schon wieder anders als meine.

Genau genommen verändert sich das große Gewebe einer Sprache ein winziges Bisschen mit jedem Einzelnen, der diese Sprache lernt. Vor allem dann, wenn sie oder er zuvor eine andere Muttersprache spricht.

Wie also kann ich mir das Ereignis vorstellen, in dem die Bibel den Beginn der Kirche unter den vielen Völkern schildert? Juden, die im Ausland in verschiedensten Sprachen und Kulturen leben, sind zum Schawuot-Fest 50 Tage nach dem Pessach nach Jerusalem gekommen. Sie feiern die erste Ernte des Jahres und den Bund Gottes am Sinai. Die Wallfahrt hat sie alle zusammengebracht, obwohl sie viele Sprachen sprechen und die Verständigung wohl mehr als schwierig war. All diese Menschen strömen zusammen, als Petrus und die Gruppe der Jünger öffentlich den Glauben an Jesus verkünden. Voll Staunen stellen alle fest: "Jeder hörte sie in seiner Sprache reden". Was war dem vorausgegangen?

Eine Szene, welche Künstler oft gemalt haben: Die zwölf Apostel mit Maria. Sie sind versammelt, als der Geist "mit Zungen wie von Feuer" sich auf sie verteilt. Die meisten bildlichen Darstellungen, die ich kenne, stellen das Ganze ziemlich beschaulich da. Mit betenden Händen, die Augen fromm zum Himmel erhoben. Wenig zu spüren von der Dynamik, die ich in dem Bibeltext höre:

„Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten.“

Und dieser Feuersturm reißt sie alle mit. Aber er vernichtet sie nicht wie schreckliche Feuerstürme, die etwa durch kalifornische Dörfer jagen, oder die – noch schrecklicher – im Zweiten Weltkrieg in den Städten zigtausendfach Leben vernichteten.

Dieser Sturm und dieses Feuer haben eine andere Wirkung. Alle "wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden."

MUSIK II: Johann Walter, Komm Heiliger Geist

„Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden.“ Das Wort „Alle“ ist mir hier wichtig. Pfingsten betrifft immer alle, nicht nur einen auserwählten Kreis von Spezialisten. Alle sind berufen, am Sprachenwunder teilzuhaben. Das bedeutet: Wo immer ein Mensch von Gottes Geist erfüllt wird, verändert sich Sprache. Es verändert sich die Sprache, die gesprochen wird. Es verändert sich die Sprache, die verstanden wird. "Wieso kann sie jeder in seiner Muttersprache hören?" Die Antwort steht da: Die Jünger "begannen in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab."

Es ist also eine Wirkung des Heiligen Geistes, dass ich durch ihn lernen kann, den engen Raum meiner eigenen Sprache und Welt zu verlassen und mich für die Sprache und Welt des anderen zu öffnen. Ich lerne das Leben der Anderen wie eine Sprache.

Pfingstlich ist dieses Sprache-Lernen immer dann und nur dann, wenn es im Heiligen Geist geschieht. Sonst wäre es so etwas wie Kolonialismus: Die Sprache des anderen lernen, um ihn zu beherrschen und ausbeuten zu können. Der Heilige Geist aber teilt sich darin mit, dass am Anfang die Grundhaltung der dienenden Liebe und des Respektes steht. Und das fängt damit an hinzuhören auf das, was der andere sagt.

Wer im Heiligen Geist die Sprache des Anderen lernt, der fragt und hört zu. Wen Gottes Heiliger Geist erfüllt, der stülpt anderen die Frohe Botschaft nicht über, sondern lässt den anderen in die eigene Welt eintreten. Christliche Mission steht immer in der Gefahr, Kolonialismus zu sein. Diese Gefahr besteht immer, wenn Menschen sich in die Welt eines anderen begeben. Es ist die Gefahr, übergriffig zu werden. Eine Alternative wäre, sich einfach voneinander abzuschotten. Auch nicht besser. Für mich wäre die wirkliche Alternative, dass ich versuche, mich von Gottes Heiligem Geist führen und erfüllen zu lassen – und damit mit Liebe zu dem oder der Anderen und Respekt vor dem oder der Anderen.

MUSIK III: Jacques Berthier, Veni creator

Wie es läuft, wenn Liebe und Respekt fehlen, zeigt die Bibel im großen Gegenbild zu Pfingsten.

Da hatten sich, so erzählt das alttestamentlichen Buch Genesis, Menschen zusammengetan, um einen Turm zu bauen, dessen Spitze an den Himmel rühren sollte. Sie wollten sich damit einen Namen machen, will sagen: Sie wollten sich zu etwas machen, wollten mit ihrem Reichtum, ihrer Macht und Potenz protzen. Sie wollten Gott spielen. Dafür wurden die Schätze der Erde vergeudet, wurden Menschen durch Zwangsarbeit ausgebeutet, wurde aufgerüstet ohne Ende – denn solche Türme, die es im Zweistromland damals wirklich gab, waren das Rückgrat der militärischen Verteidigung gegen die Fremden, die man als Feinde empfand. Und das alles wurde betrieben um jeden Preis, koste es, was es wolle.

Und immer wiederholt sich seither das Gleiche, wo Menschen sich als Götter aufspielen und den wahren Gott vergessen: Desaster, Wirrwarr, Zerstörung der Schöpfung, Gewalt – gerade so wie es sich fast täglich vor unseren Augen abspielt. Das politische und menschliche Chaos lässt nicht lange auf sich warten, wo Liebe und Respekt mit Türmen der Macht und Selbstbehauptung überbaut werden.

Aufhalten lässt sich solcher Irrsinn nur noch dort, wo Menschen sich dem Geist öffnen, der ein Geist der Menschlichkeit und Barmherzigkeit ist, ein Geist der Behutsamkeit und der mitfühlenden Liebe. Einer, der nicht Christ ist, würde es sicher nicht dem Wirken des Geistes zuschreiben, wenn er in ähnlicher Weise zu leben versucht, etwa, wenn er seinem wachen Gewissen folgt. So, wie der Philosoph Immanuel Kant das in seinem kategorischen Imperativ formuliert hat: Handle so, dass die Maxime, also die Richtschnur, deines Handelns allgemeines Gesetz werde könnte. Und wenn ein Mensch zudem religiös sensibel ist und sich auf der geistlichen Suche nach Gott befindet, wird er den folgenden Gedanken hinzunehmen: Er verdankt sein Dasein samt der Kraft seiner Vernunft nicht sich selbst, sondern einer höheren Macht, einem Schöpfergott.

MUSIK IV: Stephan Langton, Marie Luise Thurmair, Christian Heidenbauer, Wie ein Brausen des Himmels

Gottes Geist wirkt – allerdings setzt er etwas voraus: Ich muss mich öffnen für den Geist. Das bleibt eine täglich neue Aufgabe. Und überprüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, kann ich mich da mit ganz einfachen Fragen: Freue ich mich, wenn ich höre, dass mein Nachbar oder meine Kollegin mir sagt, dass er oder sie einen Impftermin hat. Oder nagt da doch der Neid? Bin ich selbstzufrieden mit mir, wenn mir ein vermeintlich geistreiches Bonmot gelungen ist, womöglich auf Kosten anderer? Oder heißt für mich geistreiches Reden: liebevoll und verständnisvoll zu sprechen? Mache ich mit beim erhitzten Erregungswettlauf in den social media oder nehme ich mir Zeit, meine Worte zu wägen und behutsam zu sein?

So gesehen ist Pfingsten die Chance, dass ich mich und meine Weise zu denken und zu sprechen verändern lasse durch andere. Diese Veränderung geschieht, indem ich dem anderen mit liebendem Respekt begegne. Ganz nach dem Beispiel Jesu, der in diese Welt der Menschen eintritt, nicht um zu herrschen, sondern um zu dienen. Das ist die Weise, wie er die Welt verändert. Und das ist auch der Grund, warum er den Heiligen Geist sendet als Beistand. Gottes Geist will jedem Menschen helfen, diese und nur diese Haltung zu gewinnen: hörend, liebend, respektvoll dem Nächsten zu begegnen. Anders formuliert: Es gilt mit der Hilfe des Geistes Gottes die Sprache der Zuwendung und Liebe zu lernen. Das gelingt nicht gleich und für immer. Vielmehr ist es doch so, dass ich mich nur in langsamen Schritten verändere, so wie sich eine Sprache auch nur langsam, kaum merklich verändert. Aber manchmal gibt es doch dieses Brausen, diesen Sturm, diesen Aufbruch. Wie an Pfingsten.

Ein frohes und geisterfülltes Pfingstfest und viel Freude beim Sprache lernen wünscht Ihnen aus Köln

Ihr Markus Bosbach

 

Musik V: Stephan Langton, Marie Luise Thurmair, Christian Heidenbauer, Wie ein Brausen des Himmels

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