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Kirche in WDR 3 | 23.06.2020 | 07:50 Uhr

Glauben auf der Standspur

Ist schon eine Weile her: Ich sitze in meinem Büro. Bin vertieft in die Arbeit. Und plötzlich höre ich, wie im Nebenzimmer jemand kräftig auf die Tischplatte schlägt. Erst einmal, dann wieder. Ich bin irritiert. Handwerker waren keine angekündigt. Und der Kollege hatte bislang auf mich auch nie den Eindruck gemacht, dass er besondere Ambitionen hätte, sich körperlich in irgendeiner Weise zu betätigen.

Weil ich nun etwas vorwitzig bin, bin ich zu ihm rüber. Frage, was los ist. Und er sitzt da. Hochroter Kopf. Guckt mich an. Und sagt genervt: „Dieses Internet – das dauert mal wieder ewig.“ Dann schaut er mich an – und wir müssen beide lachen. Als wenn die Daten schneller fließen würden, wenn man mit der flachen Hand auf den Tisch schlägt.

Irgendwie kam mir das aber trotzdem vertraut vor: Bei mir muss auch immer alles ganz schnell gehen. Und ich werde ziemlich hibbelig, wenn es das nicht tut. Wenn das Handy mal wieder nicht so zügig dabei ist, wie ich es möchte und gleich aufs erste Wischen reagiert. Wenn das Internet zu langsam ist. Die Zeitung nicht pünktlich. Der Zug zu spät. Die Ampel zu lange rot.

Ich merke dann immer wieder, wie sehr ich mir das angewöhnt habe: dass es schnell gehen muss. Tut es das nicht, werde ich ungeduldig. Ich frage mich nun: Ist das vielleicht auch einer der Gründe, warum Kirche und Glaube heute so dermaßen unattraktiv sind? Weil sich Gesellschaft verändert – aber Kirche nicht mitkommt? Weil heute alles von jetzt auf gleich gehen muss – aber Kirche in Äonen tickt? Der liebe Gott ist jedenfalls nicht über Breitband ans Leben angeschlossen. Beten läuft nicht über eine 100 Megabit-Leitung. Und Glauben findet nicht auf der Überholspur statt. Eher auf der Standspur. Denn der liebe Gott – der hat sich diesem Ganzen „Jetzt und gleich und sofort“ völlig entzogen. Wer mit ihm in Beziehung treten will, der braucht Zeit. Sehr viel Zeit.

Ich bin allerdings überzeugt: Genau darin liegt ein gewaltiges Geschenk. Denn wenn ich mich auf seine Zeit-Logik einlasse, dann erkenne ich mich auch selber besser. Dann sehe, wo meine Baustellen sind. Wo ich an mir arbeiten kann.

Wissen Sie, von einem Menschen, der lange Zeit in völliger Einsamkeit gelebt hat, wird erzählt, wie er einmal von einem Gast gefragt wird, warum er so zurückgezogen und allein lebe. Statt zu antworten, geht der Mann an einen Brunnen. Er wirft einen Stein ins Wasser und bittet den Gast, ihm zu sagen, was er da sehen könne. Der wundert sich über den kauzigen Mann, schaut aber trotzdem in den Brunnen. Und dort sieht er genau das, was er erwartet hat: Nichts. Lediglich ein paar kleine Wellen.

Die Situation wird noch skurriler, als der Eremit seinen Gast anschaut und meint: „Lass uns eine kleine Weile schweigen…“ Nach einiger Zeit dann bittet er den Mann erneut: „Schau in den Brunnen. Was siehst Du?“ Und der Mann blickt auf das spiegelglatte Wasser und sagt: „Ich sehe mich!“

Klar: Eine Beziehung zum lieben Gott zu haben ist kein Selbstfindungs-Seminar. Aber die kleine Geschichte erinnert mich immer daran, dass es Zeit und Ruhe braucht, damit ich sehe und verstehe, was der liebe Gott mir sagen möchte.

Dass auch Sie heute solche Inseln der Ruhe finden und Seinen persönlichen Auftrag für den heutigen Tag erkennen – das wünsche ich Ihnen.

Ihr Claudius Rosenthal aus Wenden

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