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Kirche in WDR 3 | 12.06.2021 | 07:50 Uhr

Gott ist größer

Guten Morgen!

Regenbogenfahnen hängen ja seit Mitte März an vielen Fassaden katholischer Kirchen landauf landab, weithin sichtbar. Und das hat seinen Grund: Es geht um Seelsorge, aber auch um ein gesellschaftspolitisches Statement. Es geht darum, ein Zeichen zu setzen für Vielfalt und Toleranz, nicht nur in der Gesellschaft, sondern vor allem auch in der Kirche, verbunden mit der Einladung: Wir segnen in dieser Kirche Menschen, die füreinander Verantwortung übernehmen wollen und sich lieben – unabhängig, ob sie hetero-, bi- oder homosexuell sind. Auslöser für das Hissen der Fahnen war ja das Verbot aus Rom, homosexuelle Paare zu segnen.

Die Fahnen haben irritiert und unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen: Bei manchen Menschen war es eine positive Anerkennung, dass sich vor Ort Seelsorgerinnen und Seelsorger für das Anliegen der Liebenden einsetzen. Es gab aber auch negative Reaktionen: Fahnen wurden zerschnitten oder sogar verbrannt aus Protest gegen diese als zu liberal oder als antirömisch wahrgenommene Haltung. Dabei hat das Motiv des Regenbogens auf der Fahne ja viel mehr Bedeutungen als nur den Hinweis auf Vielfalt und Toleranz.

Das Motiv geht zurück auf die Botschaft des Alten Testamentes, wo der Regenbogen für den Bund steht zwischen Gott und den Menschen: Nach der Katastrophe der Sintflut sollte der Regenbogen garantieren, dass nie mehr die Welt mit all ihren Lebewesen untergeht. Ein großes Zeichen für ein göttliches Versprechen und eine wichtige Erinnerung für die Menschen, dass es um richtig Großes geht.

Als ich die Regenbogenfahnen sah, musste ich an eine Kunstinstallation denken, die seit September letzten Jahres weithin sichtbar an der Kirche St. Johannes in Freiburg im Breisgau hängt. Sie stammt von der international bekannten Konzeptkünstlerin Bethan Huws aus Wales. Es sind zwar keine Fahnen aber drei beschriftete Banner und deren Botschaft hat – nach meinem Verständnis – auch etwas mit den Regenbogenfahnen an den Kirchen zu tun. Denn auch die Banner irritieren. Auf den Bannern steht in großen Lettern einmal in Englisch, einmal in Französisch und einmal in Deutsch der Satz: „Gott beschreibt etwas viel Größeres als wir.“ Ist das nun auch ein gesellschaftspolitisches Statement? Immerhin, es ist kein Bibelvers und auch kein Hinweis auf ein biblisches Symbol. Es lädt vielmehr dazu ein, den Satz weiterzudenken und zu ergänzen. Ich will das einmal versuchen und zwar in zwei Richtungen.

Einmal: „Gott beschreibt etwas viel Größeres als wir – als wir… es sind.“ Das verstehe ich so: Da ist Gott der Handelnde, der beschreibt, nämlich nicht nur die Menschen, sondern die Welt, das Universum, alles, was eben größer ist als der Mensch. Das relativiert natürlich die Stellung des Menschen, ist er eben nicht mehr der Gipfel der Schöpfung, wie es sonst christlicherseits betont wird. Und das lässt mich danach fragen: Wer bin ich denn eigentlich in einer unfassbaren Schöpfung? Hier werden dann Größenverhältnisse beschrieben: Ich bin das Geschöpf und Gott der Schöpfer.

Ich kann den Spruch auf dem Banner aber auch anders ergänzen und zwar so: „Gott beschreibt etwas viel Größeres als wir – als wir … es uns vorstellen können.“

Dann geht es um Gott als den, der beschrieben wird. Nämlich von uns, von unserer Vorstellungskraft aus. Das finde ich einen wichtigen Gedanken. Der relativiert nicht mich, sondern meine Vorstellungskraft: Wenn es um Gott geht, dann kann ich noch so viel darüber nachdenken: Ich werde Gott nicht ergründen können. Mich hat der Text auf dem Banner der Kirche in Freiburg erinnert an einen ähnlichen Text. Es ist eine Grabschrift auf den heiligen Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens. Da heißt es paradoxerweise: „Nicht begrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen sein vom Geringsten, das ist göttlich.“[1]

Zurück zur Regenbogenfahne. Wenn das stimmt, was in der Grabschrift von Ignatius steht, dann frage ich mich: Wer bin ich, dass ich darüber entscheide, welche Menschen Gottes Segen empfangen dürfen und welche nicht? Ist Gott nicht viel größer als all meine Vorstellungen?

Einen gesegneten Tag wünscht Ihnen Pater Philipp Reichling aus Duisburg-Hamborn.

 


[1] Vgl. Hugo Rahner, Die Grabschrift des Loyola, in: Stimmen der Zeit, Bd. 139 (1946/47), 321-337, hier 323.

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