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Kirche in WDR 5 | 30.04.2021 | 06:55 Uhr

Hätte, hätte Lieferkette

Guten Morgen,

wie habe ich es als Jugendlicher gehasst. Dieses ständige Ritual nach dem Mittagessen. Ich musste das Geschirr abtrocknen. Mutter musste ja bei der Hausarbeit unterstützt werden. Und täglich sollte ich mein Zimmer aufräumen, den Müll wegbringen oder auch mal den Wäschekorb tragen, schlimmer noch: Wäsche aufhängen. Kleine, alltägliche Dinge. Eigentlich Selbstverständlichkeiten. Aber sagen sie dies einmal einem Fünfzehnjährigen! Ich war damals selten einsichtig und unterstütze nicht wo ich es hätte tun können. Vielmehr habe ich mich verdrückt: „Mache ich gleich“, habe ich dann genuschelt. Oder es endete schlimmstenfalls im Protestschrei: Das ist ja Kinderarbeit. Ich lasse mich doch nicht ausbeuten!

Im Nachhinein schäme ich mich dafür. Natürlich war das keine Ausbeutung. Es gehört zur Familie, sich gegenseitig zu unterstützen. Und in diesem Fall ist es ja nun wirklich kein Aufwand. Aber das einzusehen ist eben auch ein Lernprozess.

Dabei war ich doch auf der Sonnenseite und eher ein Wohlstandskind. Ich musste nicht zum Familieneinkommen beitragen und die Schule abbrechen, um Geld zu verdienen: Glück gehabt, hier in Westeuropa geboren worden zu sein.

Dagegen herrscht in vielen Ländern eine andere Situation: Unter katastrophalen gesundheitlichen Bedingungen knüpfen Kinder in Pakistan Teppiche, die dann in amerikanischen oder europäischen Handelshäusern preiswert verkauft werden. Ausbeutung von Kindern gibt es in den Goldminen in Burkina Faso, auf den Baumwollfeldern in Indien oder auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste.

Laut dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung arbeiten 70 Millionen Kinder unter diesen ausbeuterischen Bedingungen. Niemand von uns – sei es Kind oder Erwachsener – so unterstelle ich einmal, wäre auch nur einen Tag bereit, solche Jobs zu übernehmen. Stattdessen profitieren die meisten von uns davon: genießen den Kaffee aus Brasilien, laufen über Pflastersteine aus Indien und in den Batterien unserer Autos und Handys stecken Kobalt und Coltan aus dem Kongo, wo überall Kinder die Drecksarbeit machen.

Ich frage mich: Können wir es weiter zulassen, dass unser Wohlstand aufgrund von Ausbeutung von Mensch und Natur erkauft ist? Und zugleich beschämt es mich, selbst Nutznießer dieser Ausbeutung zu sein. Selbst bei größter Anspruchslosigkeit, bleibe ich immer auch ein Teil des ganzen Systems. Was kann ich aber tun als kleines Rädchen im großen Politikgetriebe der Welt? Armut ist nämlich nicht immer selbst verschuldet und die Folge von Dummheit oder Faulheit. Sie ist oft die Folge einer verantwortungslosen Politik. Viele Menschenrechtsorganisationen, christliche Verbände bis hin zu Bundesministerien weisen immer wieder darauf hin und wollen dies ändern. Aber wie?

Mich hat ein Statement von Papst Franziskus in diesem Zusammenhang sehr beeindruckt. Er fordert eine Überwindung jener „Vorstellung von einer Sozialpolitik, die verstanden wird als eine Politik ‚gegenüber‘ den Armen, aber nie ‚mit‘ den Armen.“[1]

Der Papst fordert einen Perspektivwandel: Lernen, die Welt zu sehen, und zwar mit den Augen der Armen. Was würde mir da aufgehen? Und wie würde sich daraus mein Handeln verändern? Ich hoffe, nicht zu alt zu sein, um auch hier noch einmal einen Lernprozess durchzumachen, wie damals als ich Jugendlicher war und keine Lust hatte, zu Hause zu helfen. Denn es gehört wie zu Hause in der Familie auch in der Weltgemeinschaft dazu, sich gegenseitig zu unterstützen.

Es grüßt Sie Hans Ulrich Nordhaus aus Cappenberg



[1] Fratelli Tutti – Wirtschaft und Leben geschwisterlich gestalten (145)Zugriff unter: http://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20201003_enciclica-fratelli-tutti.html

 

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