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Das Geistliche Wort | 22.09.2019 | 08:40 Uhr

Haste mal nen Euro - Geben oder nicht? (Wdh.)

Autor: Das Problem beginnt gleich in Köln am Hauptbahnhof. „Haben Sie mal ´nen paar Cent?“ Ein junger Mann in zerschlissenen Klamotten spricht mich an. Ich will rauf zum Zug. Aber er hat diesen traurigen Blick. Ich krame im Portemonnaie. Oben am Bahnsteig der nächste. „Haben Sie vielleicht etwas für mich?“ Ein Mann, graue Haare, leicht gebückt. Er riecht nach Alkohol. Ich zögere. „Vielleicht ´nen Kaffee oder ´ne Bretzel?“ frage ich. In Sichtweite ist dieser Verkaufsstand auf dem Bahnsteig. „Hatte ich gerade schon“, sagt er. „Dann heute nicht“ höre ich mich sagen. So geht es weiter. In Wuppertal muss ich umsteigen, jemand will mir die Obdachlosenzeitung verkaufen. Am Zielbahnhof war dann noch die junge Musikerin mit den Rasta-Locken. Neben ihr auf dem Boden der Hund. Sie spielte Saxophon.

Musik: Soulsax, CD: Candy Store, Track: 07, Musik/Interpretin: Candy Dulfer, Label: HEADS UP (06488), EAN: 0005336131312.

Autor: Was ist eigentlich richtig? Wem gebe ich auf der Straße etwas und wem nicht? Dem, der besonders herunterkommen aussieht? Der, die etwas tut für das Geld? Bedürftig sind beide. Und ich kann nicht jedem geben. Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich vorbeigehe oder Nein sage? Und wer ist eigentlich verantwortlich? Der einzelne, der in Not geraten ist? Die Gesellschaft, die solche Armut in Kauf nimmt? Ich, der ich helfe oder nicht? Schwierige Fragen.

Ich spreche mit ein paar Experten, die mir helfen können, das zu verstehen – und mich zu entscheiden. Zuerst mit Markus Melchers, Philosoph aus Bonn. Er unterhält eine philosophische Praxis und lädt zu philosophischen Cafés. In Einzelgesprächen und Seminaren bietet er sozusagen Philosophie für den Alltag. Dann besuche ich Corinna Rindle, Leiterin der Bahnhofsmission am Kölner Hauptbahnhof. Sie kennt Notlagen und Lebensgeschichten, die ich sonst kaum wahrnehme. Und ich spreche mit Uwe Becker, Professor für Sozialethik an der Evangelischen Hochschule in Bochum. Er spricht von Armutsfallen und beschreibt eine politische Seite des Problems. Eine Lern-Reise. Denn „Geben oder nicht?“, das ist ein ethisches Dilemma, das mir fast jeden Tag begegnet.

Musik: One of us, CD: Relish, Track: 06, Text/Musik: Eric Brazilian, Interpretin: Joan Osborne, Label: Mercury – Universal Music (00268), EAN: 0731452669926.

Autor: In der Fußgängerzone, auf dem Bahnsteig, am Eingang zum Parkhaus. Es sind solche Durchgangsstationen, an denen sie sitzen oder stehen. Menschen, die Hilfe brauchen und betteln. Ich fühle mich verantwortlich. Will helfen. Aber welche Hilfe ist sinnvoll? Markus Melchers, der Philosoph, unterscheidet zunächst zwischen einem Nah- und einem Fernhorizont des eigenen Handelns.

O-Ton Melchers: Der Fernhorizont bezieht sich meistens auf abstrakte Dinge: Atomkraft, Wohnungsbau, demographische Entwicklung. Und muss ich da jetzt aktiv etwas tun? Der Nahhorizont betrifft die Menschen, denen ich unmittelbar begegne. Die Begegnung mit den Obdachlosen, Langzeitarbeitslosen, wer auch immer dort sitzt, den kennen wir meistens nicht, aber es ist doch eine Begegnung, weil in der Wahrnehmung, dass der andere hilfsbedürftig ist, kann ich nicht kalt bleiben. Allein, dass ich ihn als einen Hilfsbedürftigen wahrnehme, verbindet mich mit ihm.

Autor: Das ist offenbar etwas allgemein Menschliches. Wenn ich jemandem begegne, der in Not ist, werde ich zum Mitmenschen.

O-Ton Melchers: Und wenn ich ein solches Gefühl wirklich habe, dann denke ich, bin ich schon in der Selbstverpflichtung, Verantwortung will ich nicht sagen, doch zumindest mal zu fragen, was ich tun kann.

Autor: Wie wäre es denn, wenn ich sage: Ok, wenn jemand etwas leistet, dann gebe ich etwas. Ich muss ja auch arbeiten für mein Geld. Also unterstütze ich zuerst die, die an der roten Ampel meine Autoscheibe putzen oder im Bahnhof die Obdachlosenzeitung verkaufen. Mein philosophischer Gesprächspartner vermutet, dass es durchaus viele gibt, die so denken.

O-Ton Melchers: Ich weiß aber, jetzt also streng ethisch gedacht, dass die Hilfsbedürftigkeit oder meine Hilfsbereitschaft von der Leistung desjenigen, der diese Hilfen empfängt, entkoppelt werden muss. Denn ansonsten ist es keine Hilfe, sondern es ist Bezahlung. Ein Almosen ist etwas anderes als eine Vergütung. Ich bezahle ja auch nicht mein Brötchen beim Bäcker aus Hilfsbereitschaft.

Autor: In dieser Frage ist Markus Melchers sehr klar. Er würde nicht gerne in einer Gesellschaft leben, in der alles wirtschaftlich betrachtet wird, sogar eine Hilfeleistung.

O-Ton Melchers: Um Kranke kümmern wir uns ja auch, ohne nach Leistung zu fragen. Warum soll es jetzt bei anderen von in Anführungszeichen vom Schicksal getroffen, warum soll es da anders sein? Die Begründung, mit Obdachlosen oder Bettlern anders umzugehen, als mit kranken, die müsste erst mal geliefert werden.

Autor: Ein interessanter Gedanke. Ich helfe dem Bettler, weil er in Not ist – so wie jemand versorgt wird, wenn er krank ist. Und was ist mit der gesellschaftlichen Verantwortung? Müsste nicht eigentlich zuerst der Staat helfen? Markus Melchers meint, meine Hilfe ist trotzdem gefragt:

O-Ton Melchers: Meine Mitmenschlichkeit hängt ja nicht davon ab, ob die Steuer jetzt zu 10 % oder zu 30 % in die Wohlfahrt geht. Das hat mit meinem moralischen Gefühl nichts zu tun. Die zwischenmenschliche Begegnung fragt nicht nach dem Steuersatz. Fragt nicht nach der Höhe der Sozialausgaben. Sondern es ist das unmittelbar Menschliche, ich würde sagen schon Anthropologische, das uns an den anderen bindet.

Autor: Dem kann ich folgen. Als Christ habe ich vor allem die Worte Jesu im Ohr:  „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. “, Er hat dann beschrieben, wen er vor Augen hat: den Kranken, den Fremden, die Hungernde, ... In jedem von ihnen begegne ich  nicht bloß einem anderen Menschen, sondern Christus. Ich schaue sozusagen in Gottes Augen.

Musik: One of us, CD: Relish, Track: 06, Text/Musik: Eric Brazilian, Interpretin: Joan Osborne, Label: Mercury – Universal Music (00268), EAN: 0731452669926.

Autor: Mittwochmorgen, Köln Hauptbahnhof, Gleis 1 E. Ich treffe Corinna Rindle. Sie ist Sozialarbeiterin und leitet die Bahnhofsmission. Sie kennt Männer und Frauen, die im Bahnhof oder im Bahnhofsumfeld leben. Wie geht sie mit dieser Frage um: Soll ich jemandem etwas geben, der mich anspricht und Hilfe sucht?

O-Ton Rindle: Wenn mich jemand fragt, was soll ich denn machen? Dann sage ich, wenn Sie ein bisschen Zeit haben, einen Moment, fragen Sie jemanden: Wie kommt es dazu, dass Sie hier jetzt vor dem Dom stehen und um Geld bitten müssen? Es kann passieren, dass ihnen einer sagt: Lass mich in Ruhe, Alter! Es kann aber auch passieren, dass Sie plötzlich merken, damit komme ich an. Und das ist vielleicht wichtiger als der Euro.

Autor: Die Sozialarbeiterin hat im Laufe der Zeit so manche Lebensgeschichte kennengelernt. Ihr Eindruck ist, dass es sich meistens um Schicksale handelt. Selten gibt es einen einfachen Ausweg.

O-Ton Rindle: Ich habe jetzt grad einen Wohnungslosen im Kopf, der selbständig war, der einen Beruf hatte, und dessen Frau sehr plötzlich verstarb. Das hat ihn aus der Bahn geschmissen. Plötzlich wusste er nicht mehr, wo vorne oder hinten ist. Die Firma ging den Bach runter. Er hat sich verschuldet. Und jetzt lebt er auf der Straße.

Autor: Ich verstehe, dass Armut tatsächlich ein Schicksal sein kann so ähnlich wie eine Krankheit. Corinna Rindle hat auch Beispiele vor Augen, bei den Beratung und Hilfe auf lange Sicht etwas bewirkt haben. Sie denkt da an eine Runde von vier Männern, die über ein halbes Jahr regelmäßig in die Bahnhofsmission kamen.

O-Ton Rindle: Die Wege der Herren sind jetzt sehr, sehr unterschiedlich. Bei dem einen läuft gerade eine Zahnsanierung, der andere ist inzwischen angemeldet in Köln, der dritte ist medizinisch versorgt, und der vierte, worüber wir uns ganz besonders freuen, ist in einer Arbeitsmaßnahme integriert. Also der macht seinen Weg grad noch mal ganz anders weiter.

Autor: Ein offenes Ohr, viel Geduld und die richtige Vermittlung haben hier geholfen. Und dass die Männer selbst etwas ändern wollten. Corinna Rindle:

O-Ton Rindle: Grundsätzlich ist es mir ein ganz großes Anliegen, das Thema Eigenverantwortung in den Fokus zu stellen. Deswegen fange ich bei den Menschen selber an.  Mein Anliegen wäre es nicht, zu sagen, irgendjemand anderes muss ihn oder sie retten.

Autor: ... und wer noch nicht soweit ist, womöglich aus guten Gründen, ist eben tatsächlich auf Almosen angewiesen. Darauf, dass andere sich anrühren lassen und etwas geben.

O-Ton Rindle: Wenn sich jemand entscheidet, ich möchte jemandem 1 € oder auch 0,50 € oder auch 2 € geben, dann würde ich grundsätzlich empfehlen, gucken Sie den Menschen in die Augen, und der oder die Ihnen angenehm ist, dem geben Sie das. Also wissen Sie, wir sind alles Menschen, und uns sprechen manche mehr an und manche weniger.

Musik: Poor, CD: Fulblown Mirage, Track: 10, Musik/Text/Interpret: Fulblown, Label: CD Baby Import (unbekannt), EAN: 0634479441233.

Autor: Geben oder nicht? Uwe Becker, Professor für Sozialethik an der Evangelischen Hochschule in Bochum, hat sich einfach eine bestimmte Regel verordnet.

O-Ton Becker: Bis zu drei Personen am Tag bekommen etwas von mir, in der Regel ein Euro vielleicht mal zwei. Irgendwann ist das Budget dann überfordert. Und dann gebe ich nicht, aber ich erkläre es auch.

Autor: Er betont, dass die Ethik in diesem Nahbereich schnell an ihr Ende kommt. Der Sozialethiker will den Horizont erweitern.

O-Ton Becker: Denn was wir dort in solchen Situationen machen, ist ja nichts anderes, als in Form eines Kontakts einen Austausch zu gestalten, etwas zu geben an Worten und an Dingen, aber wir können die Politik, die maßgeblich Armutsfallen verschärft und aufbaut, die können wir nicht ersetzen, die können wir nicht kompensieren durch individuelles Verhalten.

Autor: Armutsfallen. Bei diesem Wort horche ich auf. Denn wenn man in Deutschland in Armutsfallen tappen kann, dann ist arm zu sein nicht nur ein persönliches Schicksal einzelner, dann gibt es noch andere Gründe.

O-Ton Becker: Das hat natürlich viel damit zu tun, dass wir doch eine steigende Zahl von Menschen haben im Alter, die mit ihrer Alterssicherung nicht klarkommen. Die Zahl der Erwerbsminderungsrenten, steigt, und die Rentenhöhe ist so, davon kann man eigentlich nicht leben.

Autor: Also müssen Menschen versuchen, ihr Einkommen aufzubessern. Manche sammeln dann tatsächlich Pfandflaschen oder betteln. Neben den Älteren und Alten trifft es in Deutschland vor allem die Kinder.

O-Ton Becker: Wir haben nach wie vor eine hohe Zahl von Kinderarmut. Das ist kein Wunder bei dem Hartz IV-Regelsatz, der für Kinder übrig bleibt. Da reicht es vorne und hinten nicht.

Autor: Denn die betroffenen Kinder können nichts dafür, dass ihre Eltern in so eine Lage geraten sind. – Der Sozialethiker wundert sich, was unser Staat reguliert und was nicht. Dass die Renten etwa auf 43% sinken werden, ist festgelegt. Aber eine Mietpreisbremse funktioniert nicht.

O-Ton Becker: Der Mietmarkt in bestimmten urbanen Zentren führt dazu, dass Menschen aus ihren angestammten Wohnquartieren, wo sie ein Netzwerk haben, wo sie ihre sozialen Bindungen, ihre Kontinuitäten haben, dass sie dies verlassen müssen, weil sie die Mietpreise nicht  mehr tragen können.

Autor: Schon wieder eine Armutsfalle. Es gibt also auch eine ganze Reihe struktureller Gründe, die Armut befördern. Dennoch begegnen mir ja einzelne Menschen mit ihrer persönlichen Geschichte, die jetzt Hilfe brauchen.

O-Ton Becker: Nun kennen wir diese Stories nicht und wir distanzieren uns auch von diesen Stories, weil Distanz immer auch bedeutet: Ich bin nicht verantwortlich, und es ist ein Einfaches, andere für sich selbst verantwortlich zu machen. Ich glaube, wenn wir diese Geschichten alle im Einzelfall sprechen lassen könnten, hätten wir eine andere Kultur der Empathie und das Mitgehens und der nachvollziehbaren Sorge um diese Menschen.

Musik: I’ll be found, CD: Paradise Valley, Track: 07, Musik/Text/Interpret: John Mayer, Label: Smi Col – Sony Music (02604), EAN: 0888837564823.

Autor: Geben oder nicht? Meine Lern-Reise geht zu Ende. Ich habe verstanden: Wer auf der Straße lebt, ist bedürftig, egal ob er oder sie etwas leisten kann. Jede Gabe kann helfen. Mir ist klar geworden, Armut ist für die meisten Betroffenen ein Schicksal, ähnlich wie eine Krankheit. Hinter jedem Fall steckt eine persönliche Geschichte. Und oft hat es noch andere Gründe, dass Menschen in eine Armutsfalle geraten: Arbeitslosigkeit, geringe Renten, steigende Mieten. Das sind äußere Umstände, die ziemlich widrig sein können. All das wird in Zukunft mitschwingen, wenn ich wieder Menschen begegne, die in Not sind. Ich lasse mich berühren und helfe, so wie ich es in dem Moment kann. Sicher, nicht immer werde ich allen etwas geben können. Dafür sind es in den großen Städten zu viele. Ich nehme mir vor, nicht nur was zu geben, sondern auch mal nachzufragen: Wie kommt es dazu, dass Sie hier sitzen und um Geld bitten müssen?

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Titus Reinmuth, Rundfunkpfarrer aus Wassenberg.

Musik: One of us, CD: Relish, Track: 06, Text/Musik: Eric Brazilian, Interpretin: Joan Osborne, Label: Mercury – Universal Music (00268), EAN: 0731452669926.

Wiederholung vom 25.09.2016.

Redaktion: Landespfarrerin Petra Schulze/ Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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