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Kirche in WDR 5 | 25.01.2017 | 06:55 Uhr

Heimatort

Guten Morgen,

Wenn Sie nicht Ditz Atrops kennen sollten, besteht eine signifikant hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie nicht aus der Gegend stammen, die links vom Rhein beginnt und da endet, wo Holland anfängt. Ditz Atrops ist meine liebste niederrheinische Persönlichkeit, die der große Poet des Niederrheins, Hanns Dieter Hüsch, in vielen seiner Erzählungen zeichnet. Ditz Atrops hatte einen Lieblingsort, wie auch viele Niederrheiner einen Lieblingsort haben; denn dem Niederrheiner sagt man unter anderem nach, er sei bodenständig und verwurzelt in seiner Heimat. Ditz Atrops Lieblingsort war die Theke von Hein Lindemann. Dort philosophierte er über „Gott und die Welt“. Dort schwang er hier und da (wie Hüsch schreibt) „große Reden“. Dort war Heimat. Hein Lindemanns Theke ist mir übrigens sehr nah. Genauso kann ich mich in Ditz Atrops hineinversetzen. Warum dies so ist? Vielleicht, weil auch in meinen Adern niederrheinisches Blut fließt. Mein „Lieblings-Heimat-Ort“ ist ein Kirchturm.- Genauer gesagt: Eine ganze Turmanlage. Verlässt man die Autobahn A61 kurz vor Venlo an der Ausfahrt Nettetal und fährt in Richtung Lobberich, so sieht man diese große Doppelturmanlage, die nicht nur der Silhouette des Ortes Profil gibt.

Der „Lobbericher Dom“, wie ihn die Bevölkerung hier liebevoll nennt, ist aber mehr als das Kirchengebäude meiner Heimat, mehr als der Mittelpunkt meiner Jugend und meines Engagements seit Kindheit an. Dieser niederrheinische Dom ist für mich Heimat. In der Zeit meines Studiums und einer Zeit in Hessen vermittelte mir dieser Dom immer wieder die Botschaft: „Jetzt bist du zuhause!“ Und das Wort Zuhause hat für den Niederrheiner, zumindest aber für mich, eine große Bedeutung. Man identifiziert sich hier mit dem „Lobbericher Dom“ und erliegt immer mal wieder der Versuchung, den Nabel der Welt hier um den eigenen Kirchturm zu wähnen. Ich verdanke diesem Kirchturm, aber auch den Menschen um diesen Kirchturm sehr viel. Letztlich bin ich Theologe, weil ich hier etwas von der Geschichte Gottes mit den Menschen erfahren und erleben durfte. Aus dieser Überzeugung heraus schallt es hier bei großen Festen – und nicht nur hier – irgendwann im vollen Brustton „Großer Gott von Lobberich“. Das ist das Gefühl meiner Kindheit und meiner Jugend.

Aber: auch hier in Lobberich ändern sich die Zeiten. Die Bänke sind merklich leerer geworden, Strukturen haben sich verändert: der Ort ist im Wandel. Die Kirche ist im Wandel. Gott sei Dank bleibt Gott aber auch weiterhin der „große Gott von Lobberich“, auch wenn sich die Zeiten ändern. Was auch weiterhin steht, ist die Kirche Sankt Sebastian mit ihren großen Türmen. Von ihr geht das Signal aus: Du bist zuhause! Vielleicht hat mein niederrheinisches Gemüt etwas Abstand gebraucht, um diesen Schatz wirklich zu erkennen.

Von Ditz Atrops berichtet Hüsch übrigens, er habe an Hein Lindemanns Theke eines Abend verkündet, er möchte unauffindbar sein, damit er seine völlig Ruhe hätte. Davon hätte er schon als Kind geträumt: am unteren Niederrhein möchte er unauffindbar sein.

Ich will dieses „Unauffindbar-sein“ hier und da üben. Vielleicht brauche ich diesen Abstand vom Tellerrand hin und wieder, um zu sehen, was im unverlierbar, und damit Heimat ist.

Einen schönen Tag vom wünscht Ihnen

Bastian Rütten aus – natürlich: Lobberich.

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