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Das Geistliche Wort | 14.04.2019 | 08:35 Uhr

Heimatsegen zum Mitnehmen

Autor: Eine Fahrt nach Norden. Und ich merke: Der Himmel wird blauer, die Luft klarer, die Hügel sind sanfter. Die Wiesen einfach grüner. Und irgendwann rieche ich das Meer und mein Herz macht kleine Sprünge. So geht es mir, wenn ich über die Elbe nach Schleswig-Holstein fahre. In meine Heimat. Guten Morgen oder Moin sagt man da.

Seit über 25 Jahren lebe ich im Rheinland, viel länger als in meiner Heimatstadt Lübeck. Aber Heimat bleibt für mich das Land zwischen den Meeren und ich höre sofort, wenn jemand aus dem Norden kommt wie ich. Kurz halte ich inne und frage: „Sie sind nicht von hier. Kommen Sie aus Norddeutschland?“ Oft liege ich richtig. Und dann haben wir meist für einige Minuten ein Thema: Woher kommen Sie? Wie hat es Sie eigentlich ins Rheinland verschlagen? Und wir sind uns sofort einig, dass die prägende Zeit und Region im Norden liegt und wir immer mit unserer Heimat verbunden bleiben.

Musik 1: Wo die Nordseewellen, CD: Meine Heimat ist der Norden, Track: 4, Text: Friedrich Fischer-Friesenhausen, Musik: Simon Krannig, Interpret: Heidi Kabel, Label: Ariola (00116), EAN: 4007192607278, Bestellnummer: 260727, WDR-Archiv: 6007187104.1.01
„Wo de Nordseewellen trecken an de Strand, Wor de geelen Blöme bleuhn int gröne Land,
|:Wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus,  Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus.:|“

Autor: Heimat. Für mich das Land nördlich der Elbe. Es ist der Geruch von Seetang am Ostseestrand, der Geschmack von Kabeljau mit Salzkartoffeln, das Rot der rauen Backsteine in der Hansestadt Lübeck, in der ich geboren bin. Aber das Zuhause ist in Bonn, wo ich Karneval feiere, wo ich lebe und langjährige Freundschaften gewachsen sind. Vier meiner sechs Kinder sind hier geboren. Meine Kinder lieben den Norden. Aber sie leben hier. In Bonn, wo man am Rheinufer Steine hüpfen lassen kann, Fähre fährt und im Biergarten sitzt mit Blick auf den Drachenfels. Heimat ist für sie das Rheinland, wo sie zur Schule gehen, Freunde haben, sich auskennen, sich streiten und vertragen und dabei wachsen. So wächst auch Identität. Die Orte, an denen ich lebe und gelebt habe, begleiten mich. Sie schenken Erinnerungen, prägen meine Sprache, schaffen Verbindungen, geben Maßstäbe und erzählen Geschichten.

Und weil wir Menschen sind, sind die Geschichten von früher oft schöner, das Gras der Heimat ist grüner und die Vergangenheit nicht selten verklärt. Sehnsucht ist ein Bedürfnis. In der Bibel ist die erste Heimat der Menschen das Paradies, der Garten Eden. Aber ehrlich – schon dieses biblische Paradies war vielleicht gar keins. Die Bibel erzählt, wie Adam und Eva es nicht schafften, sich an die einzige Regel zu halten, die dort galt: Nicht von den Früchten vom Baum der Erkenntnis zu essen. Sie taten es doch. An diesem ersten paradiesischen Sehnsuchtsort der Menschheit konnten Adam und Eva der Versuchung einfach nicht standhalten. Und dann schämten und versteckten sie sich. Und damit war das Paradies keins mehr. Sie erkannten, was sie getan hatten und mussten den Garten Eden verlassen. Bis heute sind wir Menschen draußen.

Sprecherin: „Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren.“ 1. Mose 3, v. 6 (Luther-Übersetzung 2017)

Autor: So heißt es in der Erzählung vom Paradies im ersten Buch der Bibel. Adam und Eva werden aus dem Garten Eden, aus dem Paradies vertrieben. Fortan ist die erste Heimat der Menschheit ein Sehnsuchtsort, eine Erinnerung, aber unerreichbar. Genauso wie der Himmel. So gerne würden viele Menschen zurück ins Paradies und kommen doch nicht hin.

Musik 2: Reposo, CD: Mulatos, Track: 4, Text/Musik: Omar Sosa, Interpret: Omar Sosa, Label: Otá Records, Hamburg (10482), Verlag: Skip Records, EAN: 4037688904821

Autor: Brauchen wir, weil das Paradies unerreichbar ist, deshalb nun eine neue Heimat? Und wenn ja, wofür genau? Paradiesische Heimat - in Deutschland? Ich bin ein Flüchtlingskind. Meine Eltern sind 1945 aus Westpreußen geflohen. Sie haben wieder und wieder von ihren Erlebnissen erzählt. Von der Flucht aus der Heimat. Mit dem Leiterwagen waren sie Hunderte Kilometer unterwegs. Ich hörte als Kind die Geschichten von Entbehrungen und Fliegerangriffen, von Übernachtungen in Scheunen und wie mein Urgroßvater Brot besorgte. Wie er ein gebrochenes Wagenrad repariert hat. Heimat war und blieb für meine Eltern immer Westpreußen, das Land östlich der Weichsel. Meine Oma hat mir abends an meinem Kinderbett davon erzählt, wie sie dort als Bäuerin gelebt hat, mit den Knechten und Mägden, mit den Pferden und den Feldern bis hinunter zum kleinen See. Das war ihr Paradies. Für sie für immer verloren. Es war bezeichnend, dass das kleine Reihenhaus in Lübeck, in dem ich aufgewachsen bin, von einer Wohnungsbaugesellschaft erbaut wurde, die „Neue Heimat“ hieß.

Und dies wurde Programm. Meine Eltern hofften, dass die „neue Heimat“ Norddeutschland wirklich Heimat für sie wird. Dass Segen darauf ruht. Dass sich neues Leben in der Familie entfalten wird. Und so wurde Norddeutschland für mich Heimat. Bis heute.

Aber heute lebe ich in Bonn. Ich arbeite als Pfarrer in der Militärseelsorge auf der Bonner Hardthöhe und habe täglich mit Soldatinnen und Soldaten zu tun. Sie haben den Auftrag, „die Heimat zu verteidigen“. Viele von ihnen nehmen das sehr ernst. Sie gehen in Auslandseinsätze, monatelang. Sind von Familien und Freunden und von allem, was ihr Leben sonst bestimmt, getrennt. Sie gehen nach Afghanistan, nach Mali, ins Mittelmeer.

Und auch im dienstlichen Alltag an den Standorten der Bundeswehr in Deutschland haben viele Soldaten weite Wege. Viele pendeln. Die meisten wechseln alle zwei Jahre ihren Dienstort. Viele führen Fernbeziehungen, sehen auch ihre Kinder, Partner und Familien nur am Wochenende.

Wenn ich Soldaten frage, wo für sie Heimat ist, zählen sie mir die vielen Orte auf, an denen sie bereits im Einsatz waren. Heimat: Gibt es diesen Ort auch in der Mehrzahl? Kann man mehrere Orte Heimat nennen? Oder sich einen aussuchen, der das dann ist?

Musik 3: Green Grass of home, CD: From the heart, Track: 18, Text/Musik: Curly Putman, Interpret: Tom Jones, Label: London (00253), Verlag: Burlington Music, EAN: 0042282055729, Bestellnummer: 820557-2, WDR-Archiv: 6504705118.1.01
„The old home town looks the same. As I step down from the train. And there to meet me is my Mama and Papa. Down the road I look and there runs Mary. Hair of gold and lips like cherries. It's good to touch the green, green grass of home.“

Autor: Heimat, ein Sehnsuchtsort. Manchmal verlässt man ihn. Wie Adam und Eva den Garten Eden. Manchmal muss man aufbrechen und neue Segensorte suchen. Wie meine Eltern und Großeltern. Auch das Volk Israel in der Bibel suchte und fand ein anderes Segensland. Abraham, der Stammvater der Juden, Christen und Muslime, erhielt von Gott den Auftrag, aus seiner Heimat aufzubrechen:

Sprecherin: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Da zog Abraham aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. So nahm Abraham Sarah, seine Frau, und Lot, seines Bruders Sohn, mit aller ihrer Habe, die sie gewonnen hatten, und zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen. Und sie kamen in das Land.“ (1. Mose 12, 1-6 Luther-Übersetzung 2017)

Autor: Gott verheißt Abraham Segen und der ist mit einem Aufbruch verbunden. „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein.“

Aber was heißt das: Segen? Kann man ihn fühlen, den Segen? Heißt es, dass immer alles gut ausgeht, wenn man gesegnet ist?

Musik 4: (= Musik 2): Reposo, CD: Mulatos, Track: 4, Text/Musik: Omar Sosa, Interpret: Omar Sosa, Label: Otá Records, Hamburg (10482), Verlag: Skip Records, EAN: 4037688904821

Autor: „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein“, diesen Segensspruch habe ich vor einigen Wochen einer jungen Soldatin mitgegeben. Sie ist von Bonn aus nach Afghanistan aufgebrochen.

Sie lebt mehrere Monate in einem deutschen Lager im Ausland. Sie ist mit anderen Soldatinnen in einem Wohncontainer untergebracht. Mit vier Kameradinnen teilt sie sich einen engen Raum, hat nur einen kleinen Spind und einen Tisch. Monatelang. Ihr Sohn ist zwölf Jahre alt und wird seine Mutter erst am Ende der Sommerferien wiedersehen. Einige Tage vor ihrer Abreise weint er, als sie ihn ins Bett bringt. „Du kommst doch zurück, Mama? Es gibt immer wieder Anschläge in Afghanistan. Ich will nicht, dass Du stirbst.“ Sie war sehr betroffen, als sie mir von diesem Gespräch erzählte. Und weinte auch. Heimat ist für sie da, wo dieser Junge und sein Vater auf sie warten. Und sich auf den Tag freuen, wenn Mama wieder da ist. Hoffentlich gesund und wohlbehalten. Mit neuen Eindrücken und interessanten Geschichten.

Und ihr Junge hat Recht. Nicht alle Soldatinnen und Soldaten sind gesund aus Einsätzen zurückgekehrt. 110 Bundeswehrangehörige sind in den letzten drei Jahrzenten in Auslandseinsätzen ums Leben gekommen. Viele kehren traumatisiert zurück.

Die Frage, welchen Sinn die Auslandseinsätze der Bundeswehr erfüllen, stellen sich auch Soldaten und ihre Familien. Aber es ist ihr Auftrag, ihrem und unserem Land zu dienen und sie stellen sich dieser Aufgabe. Und nehmen immer ein Stück Heimat mit.

Gott sagt: „Du sollst ein Segen sein“, dies habe ich der jungen Soldatin zugesprochen und mitgegeben. Und ich hoffe, dass sie dies stützt und stärkt und sie damit auch ein Stück Heimat begleitet. Die Verbundenheit mit ihrer Familie, aber auch mit allen, die an ihrem Dienstort tätig sind und auf sie warten. Und eine Verbundenheit mit Gott. Ihn habe ich gebeten, dass er sie behüten soll und ihre Familie zu Hause auch.

Musik 5: The long and winding road, CD: The Beatles 1967-1970, Track: 14, Text/Musik: John Lennon / Paul McCartney, Interpreten: John Lennon / Paul McCartney, Label: Apple (01074), Verlag: Northern Songs, EAN: 0077779703920, Bestellnummer: 797039-2, WDR-Archiv: 6544058214.1.01

Autor: Heimat ist mehr als ein Ort – und manchmal auch mehr als ein Ort. Für mich sind die Menschen, mit denen ich verbunden bin, Heimat und Segen zugleich. Meine sechs Kinder, meine Frau, aber auch meine Eltern. Die Erinnerung an meine Großeltern, denen ich so viele Geschichten verdanke. Wohin ich auch gehe, immer nehme ich Erinnerungen mit, die erzählen, was ich liebe, was mich geprägt hat. Meine Sprache, meine Liebe zum Norden, die Musik, die ich mag. Erlebte Geschichten. Ich liebe es, sie meinen Kindern neu zu erzählen oder unseren Freunden oder auch anderen Menschen irgendwo in der Welt. Und ihnen zuzuhören bei ihren Lebensgeschichten. Wenn wir einander unsere Geschichten von Heimat und Segen erzählen, entfaltet sich der Segen neu.

Gott lässt mich nicht nur aufbrechen, er lässt mich auch ankommen. Immer wieder. Und will, dass ich ein Segen bin für die, mit denen ich lebe oder auf die ich treffe. Dass ich den Segen, der auf meinem Leben liegt, zu ihnen bringe. Egal wohin. Sogar in Auslandseinsätze der Bundeswehr. Ganz gleich, ob ich Flecktarn trage oder Talar oder Jeans. Alles das kann Gott in Dienst nehmen für seinen Segen. Und der wirkt.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Tag, egal, wohin sie aufbrechen, wo sie ankommen oder vielleicht schon angekommen sind, heute. Ganz gleich, wo Sie heute sind, Gottes reicher Segen geht mit. „Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein“. Erzählen sie sich und anderen einfach ihre eigene Geschichte, und entdecken sie dabei ihre ganz eigenen Segensorte und ihre persönliche Heimat.

Aus Bonn grüßt sie Pfarrer Uwe Rieske.

Musik 6: The long and winding road, CD: Glass onion: Songs of The Beatles, Track: 10, Text/Musik: John Lennon / Paul McCartney, Interpret: Aretha Franklin, Label: Warner ESP (02828), Verlag: Northern, EAN: 5050466149626, Bestellnummer: 149626-2, WDR-Archiv: 6694449110.1.01

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