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Kirche in WDR 3 | 17.08.2020 | 07:50 Uhr

Himmelsspektakel

Guten Morgen,

im Corona-Frühjahr 2020, mitten im Lockdown, reiste ich um die Welt – allerdings nur in Gedanken, ein Buch lesend. Als man in den Himmel zeigte und sagte: ‚Schau mal ein Flugzeug, weil Kondensstreifen am Himmel selten geworden waren, wanderte ich über die Osterinsel im Südpazifik. Als auch vor den Ostertagen nahezu leere Züge durch Deutschland fuhren, stieg ich in Thailand in einen Bus Richtung Malaysia. Und als die Bundesregierung in großflächigen Anzeigen mit dem Slogan warb: ‚Wir bleiben zu Hause‘, saß ich in einem russischen Eisbrecher im hocharktischen Packeis.

Meine Reise um die Welt: Ich hatte kein Navi und kein Smartphone mit Standorterkennung, denn fortbewegt habe ich mich auf dem Rücken von Buchstaben, hatte lediglich ein Buch in der Hand: einen Atlas. Keinen Straßenatlas, sondern den „Atlas eines ängstlichen Mannes“, so der Titel eines Buches von Christoph Ransmayr. „Geschichten ereignen sich nicht, sie werden erzählt“, so Ransmayr im Vorwort zu diesem Reisetagebuch der besonderen Art. Jede der siebzig darin versammelten Episoden beginnt mit den zwei Wörtern: „Ich sah…“ Und dieses ‚Ich sah‘ katapultierte mich aus der in der Pandemie verordneten Isolation hinaus in die Welt.

Ransmayrs Atlas wurde einer meiner Rettungsanker im Meer der unguten Corona-Nachrichten. Die Geschichten weiteten meinen Blick. Sie ermöglichten mir trotz Kontaktverbots neue Bekanntschaften. Menschen, denen der Autor begegnet war, begegneten auch mir. Die erzählten Geschichten handelten von Glück, von Rettung, Liebe und Geborgenheit. Sie handelten aber auch von zerborstenen Träumen, schmerzenden Erinnerungen und Enttäuschungen, vom Zweifeln und Hadern, vom Sterben und Trauern.

Eine Geschichte, die mich in der Corona-Krise in besonderer Weise getragen hat, heißt Sternenpflücker und spielt in der Nähe von San Diego in der kalifornischen Wüste. Sie handelt von einem astronomisch nahezu einmaligen Ereignis. Es war 1997. Ein Komet mit Namen Hale-Bopp war am Himmel unterwegs. Er galt als hellster Komet des 20. Jahrhunderts und zog einen goldgelb leuchtenden Schweif hinter sich her. Wohl kein Komet zuvor hat so viele Blicke auf sich gezogen. Der Zufall wollte es, dass Hale Bopp auf seiner Reise durch das Weltall der Erde genau zu dem Zeitpunkt am nächsten war, als sich dort eine fast totale Mondfinsternis ereignen sollte. Diesem Himmelsspektakel fieberten Menschen weltweit entgegen. So versammelten sich eben auch Sternenfreunde und Astronomen nahe San Diego in der kalifornischen Wüste in einem Café, wo es auch den Erzähler hin verschlagen hatte.

Und dann ist der von allen seit Tagen, seit Wochen erwartete Augenblick da: Der Mond tritt in den Kernschatten der Erde und Hale Bopp leuchtet am sternenklaren Himmel auf. Genau in diesem Augenblick aber, so erzählt Ransmayr, passiert es: Im Wüstencafé stürzt ein Kellner mit vollbeladenem Tablett, fällt in die am Boden liegenden Scherben.

Doch da, so der Autor, wandten sich „nein nicht alle Zeugen und Zuschauer, aber doch viele, viel mehr als zu erwarten waren, von dieser Einzigartigkeit, einem unwiederholbaren kosmischen Ereignis ab und dem gestürzten Kellner zu“. Sie wollten ihm aufhelfen. Doch der Kellner kroch auf allen vieren herum, um die Scherben einzusammeln. Da knieten auch die Menschen um ihn herum nieder und „lasen gemeinsam mit ihm die selbst im verfinsterten Mondschein noch blinkenden Scherben vom schwarzen Asphalt als pflückten sie Sterne.“

Die Corona-Krise stellt unsere Welt vor Gerechtigkeitsprobleme gigantischen Ausmaßes. Bange frage ich mich: Wie wird alles werden? In welcher Welt werden wir leben? Wie können wir diese Krise meistern? Ich denke in diesen Tagen im Angesicht der drängenden Fragen immer wieder einmal an diese Geschichte von den Sternenpflückern. Und daran, dass es mehr Menschen waren, die dem gestürzten Kellner halfen, viel mehr, als zu erwarten.

Ihre Katharina Klöcker

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