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Das Geistliche Wort | 15.11.2020 | 08:40 Uhr

Wenn ich einmal tot bin


Guten Morgen!

Heute ist in Deutschland Volkstrauertag. Da wird nicht nur an die Toten der Kriege gedacht, sondern auch an die vielen Opfer von Gewaltherrschaft, die es bis heute zu beklagen gilt - weltweit. Auch in anderen Ländern gibt es einen solchen Tag des Totengedenkens, auch wenn er nicht auf den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent fällt, wie hier bei uns und damit den November einmal mehr zum Totenmonat macht.

Gerade in diesem Jahr wird das Totengedenken noch eine andere Dimension annehmen. Ich denke an die weltweit inzwischen weit über eine Millionen Toten, die direkt oder indirekt Opfer der Covid-19-Pandemie geworden sind.

Konkret gehen mir die Bilder nicht aus dem Kopf: die Bilder von den Militär-LKWs in Bergamo, die Särge abtransportierten. Und die von den provisorischen Massengräbern in den USA. Hinzu kommen die häufig in unseren Tageszeitungen zu lesenden Hinweise unter Todesanzeigen: „Aufgrund der aktuellen Situation kann die Beerdigung nur im kleinsten Kreis erfolgen.“ Was für ein Umgang mit den Toten!? Das hat mich schockiert und mir gezeigt, wie dramatisch die Pandemie ist, wie sie alle Lebensbereiche durchdringt. Mir klingen noch die Worte von Angela Merkel nach, als sie im EU-Parlament im Juli auch über die weltweite Coronavirus-Pandemie sprach:

 

Einspieler Merkel: „Die weltweite Coronavirus-Pandemie hat auch in Europa Menschen hart und unerbittlich getroffen. Wir haben über hunderttausend Tote allein in Europa zu beklagen. Viele Bürgerinnen und Bürger konnten von ihren geliebten Menschen aufgrund der strengen Quarantäneregeln nicht einmal Abschied in der letzten Stunde nehmen. Das darf nicht vergessen werden bei allem Einsatz für den Neuanfang, bei allem Engagement für die ökonomische Erholung: die Trauer um die Toten, der Schmerz über die unmöglichen Abschiede. Das wird uns noch lange begleiten.“

„Das wird uns noch lange begleiten.“ Sagt Angela Merkel. Und das glaube ich auch. Wenn ich heute am Volkstrauertag sehe, wie immer noch der Toten aus den Kriegen gedacht wird. Auch heute suchen noch Menschen nach ihren Angehörigen, die im zweiten Weltkrieg geblieben sind. Und wenn sie ein Grab gefunden haben, macht das ihr Herz ruhiger. Mir zeigt das sehr deutlich: Der Tod ist eben keine Privatsache desjenigen, der gestorben ist. Er ist eine mehr oder weniger öffentliche Angelegenheit, denn er betrifft auch andere Menschen in existenzieller Weise. Die Dichterin Mascha Kaléko hat es eindringlich formuliert in ihrem Gedicht „Memento“ aus dem Jahr 1945:

 

Sprecherin:„Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,

Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.

Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang

Und laß mich willig in das Dunkel treiben.

Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;

– Und die es trugen, mögen mir vergeben.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,

Doch mit dem Tod der andern muß man leben.“[1]

Wie kann man mit dem Tod eines anderen leben? Ich kann das nur für mich persönlich beantworten: Indem ich mich ihm stelle. Und ihn zelebriere. Sprich: Indem ich den Toten würdevoll verabschiede. Ich glaube, das Totengedenken sagt sogar etwas über uns als Gesellschaft aus. Und ich möchte den alten Griechen Perikles gewissermaßen zu meinem Kronzeugen machen. Er lebte im 5. Jahrhundert vor Christus und schrieb: „Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht.“ – Recht hat er.

Mir wird das bewusst, wenn ich mir Friedhöfe anschaue mit den unterschiedlichsten Grabstätten.  Hier wird die Erinnerung an die Toten gestaltet.

Im vergangenen Jahr war ich in Wien und bin einen ganzen Tag auf dem Zentralfriedhof herumgelaufen. Dort gibt es eine Art Promiecke, in der auch Udo Jürgens begraben liegt. Sein Grab kannte ich bislang nur aus dem Fernsehen und nun wollte ich es doch mal mit eigenen Augen sehen. Das Grabmal ist aus Marmor und zeigt einen Piano-Flügel, der mit einem Tuch bedeckt ist. Und während ich so da stand und noch darüber nachdachte, ob das jetzt kitschig ist oder nicht, kam eine Gruppe Touristen vorbei und ich hörte, wie zwei ältere etwas bieder wirkende Damen darüber sprachen, was dieser Mann und seine Musik ihnen bedeutet habe. Das Grab war der Ort und die Gelegenheit, sich an ihn zu erinnern und über ihn zu sprechen.

Musik : Merci, Udo Jürgens

Merci, Merci, Merci für die Stunden, Chérie.

Chérie, Chérie uns're Liebe war schön. So schön.

Merci, Chérie. Sei nicht traurig muss ich auch von dir gehen.

Adieu, Adieu, Adieu.

„A Dieu“, singt Udo Jürgens. Das ist mehr als nur ein Abschiedsgruß. „A Dieu“ heißt: „zu Gott“ und berührt die Vorstellung, dass der letzte Abschied, der Tod nicht das Ende ist, sondern ein Heimgang. Das finde ich eine wunderschöne Vorstellung. Jemand ist gestorben, ist heimgegangen zu Gott. Natürlich weiß ich auch, dass das eine sehr fromme Vorstellung ist. Denn was heißt das eigentlich: Jemand ist gestorben? Wer oder was ist gestorben? Und wo ist das hin, was den Menschen ausgemacht hat? Ich habe ehrlich gesagt, keine Ahnung. Aber ich habe die Hoffnung, dass Gott da irgendwie mit im Spiel ist. Für mich wird das deutlich bei einer katholischen Beerdigung. Da gibt es nämlich einen Moment, auf den ich jedes Mal warte. Zu sagen, dass ich mich darauf freue, wäre jetzt übertrieben, aber dieser Moment ist mir doch immer wichtig. Es ist der Moment, unmittelbar bevor der Sarg - oder auch die Urne - aus der Kirche oder aus der Kapelle getragen wird. Dem Toten wird quasi als letzter Gruß ein wunderbarer Hymnus mit auf den Weg gegeben. Und der geht so:

 

Musik: Zum Paradies mögen Engel…

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen

und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen, und durch Christus, der für dich gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.

 

Schön, oder? Und was für eine Vorstellung: von Engeln empfangen!

Für Christen ist eine Beerdigung übrigens noch mehr als die tröstliche Inszenierung eines Abschieds. Tote zu bestatten gilt als eines der sieben Werke der Barmherzigkeit. Diese Werke gehen zurück auf eine dramatische Rede Jesu, in der er das Weltgericht beschreibt (Mt 25,31-46). Am Ende der Zeiten, so sagt er, wird der Weltenrichter kommen und die guten Menschen von den schlechten trennen. Die guten haben Hungrige und Durstige gespeist, Kranke und Gefangene besucht, Fremde beherbergt und Nackte bekleidet. Die schlechten Menschen haben all das nicht getan, sie haben nicht einmal gemerkt, dass etwas davon nötig gewesen wäre. Das siebte Werk, Tote zu bestatten, wurde erst im 3. Jahrhundert von Lactantius (ca. 250-320), einem Kirchenvater hinzugefügt. Er greift auf die Geschichte von Tobit im Alten Testament zurück. Tobit begrub nämlich gegen ein königliches Verbot die Leichen seiner Landsleute als ein Zeichen der Barmherzigkeit und wurde dafür verfolgt (vgl. Tob 1,16ff.). Und auch der Weisheitslehrer Jesus Sirach erwähnt als eine soziale Pflicht (Jes Sir 7,33f): „Auch einem Toten verweigere nicht eine Gunst! Entzieh dich nicht den Weinenden, mit den Trauernden trauere!“

Wenn ich das lese, dann befremden mich die Entwicklungen auch schon vor Corona in unserem Land. Als mein Großvater 1981 gestorben ist, konnten auf dem Friedhof, auf dem er liegt, nur Personen bestattet werden, die schon einen Verwandten dort hatten, so ausgelastet war der Friedhof. Wenn ich heute zum Grab meiner Großeltern gehe, komme ich an sehr vielen leeren Stellen vorbei. Gräber, die nach der Ruhezeit nicht mehr belegt worden sind. Nun wird ja nicht weniger gestorben in unserem Land, es wird allerdings vor allem anders bestattet: in Urnen, die weniger Fläche benötigen oder auch an anderen Orten, etwa im Wald oder anonym.

So romantisch das klingt, mir behagt eine anonyme Bestattung oder eine im Wald nicht. Denn eine Beerdigung ist mehr als ein stilvolles Entsorgen und somit ist auch ein Grab mehr als der Ablageort eines Leichnams. Ein Grab ist ein Ort der Erinnerung, ein Ort der Kultur und – das klingt jetzt christlich abgedroschen, ich sag es trotzdem: ein Ort des Lebens. Im Frühling zum Beispiel genieße ich es, morgens vor der Arbeit am Friedhof vorbeizufahren, das Grab meinen Großeltern zu gießen und dabei den Vögeln zu lauschen. Manchmal treffe ich dort Leute und wir halten ein kleines Schwätzchen, auch wenn wir uns nicht kennen. Der Friedhof ist dann für mich ein Ort der Begegnung über die Erinnerung an meine Großeltern hinaus.

Übrigens – und das passt gut zu dieser Begegnungskultur: In diesem Jahr hat die UNESCO die deutsche Friedhofskultur zum immateriellen Weltkulturerbe ernannt. In der Begründung dazu heißt es nämlich:

 

Sprecher:„Die Friedhofskultur in Deutschland umfasst vielfältige kulturelle Ausdrucksformen: von den Ritualen der individuellen Trauerverarbeitung – mit der Beisetzung auf dem Friedhof als zentralem Handlungsrahmen – über die Gestaltung der Gräber als kleine Gärten der Erinnerung bis hin zur Nutzung des Kulturraums Friedhof als sozialer Begegnungsstätte und kulturellem Veranstaltungsort.Mit der Friedhofskultur in Deutschland sind besonderes Wissen und Fertigkeiten in den Bereichen Bestattung, Landschaftsplanung, Gärtnern und Steinmetzhandwerk verbunden. Dieses Wissen ist über Jahrhunderte gewachsen und kann an vielen alten Friedhöfen, die kulturell und historisch bedeutend sind, besichtigt werden. Literarische Quellen bezeugen den Wandel der Trauerrituale in den jeweiligen Epochen.“[2]

Ich kann den Gedanken der UNESCO zur Friedhofskultur als immateriellem Weltkulturerbe gut folgen. Und würde es für mich so herunterbrechen:

Wenn ich einmal tot bin, dann beerdigt mich dort, wo ihr gut hinkommt, wo ihr mich auch nach einem Herbststurm wiederfindet. Und wo ihr mir Blumen und Kerzen bringen könnt. Vielleicht tut euch das gut.

Wenn ich einmal tot bin, dann schweigt euch bei der Beerdigung nicht an. Steht nicht stumm am offenen Grab. Redet miteinander! Schaut euch in die Augen! Es kann nichts passieren, außer dass ihr die Tränen des anderen seht und der andere eure Tränen sieht. Das macht nichts! Und hoffentlich habt Ihr euch dank Corona nicht ganz abgewöhnt, euch die Hand zu reichen und euch in die Arme zu nehmen.

Wenn ich einmal tot bin, dann kommt zusammen, in der Kirche, auf dem Friedhof und dann im Gasthaus. Und bleibt eine Weile. Weint und lacht miteinander und trinkt auf mein Wohl. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr trauert. Ihr dürft es! Nicht, dass ich euch traurig sehen will, aber wenn mein Tod euch gar nichts ausmachte, wäre ich doch irritiert.

Wenn ich einmal tot bin, dann habe ich natürlich über all das nicht mehr zu bestimmen. Dann ist das eure Sache. Deswegen sind dies nur Bitten. Aber ich versuche so mit euch und unter euch zu leben, damit das für euch dann keine Last ist, sondern dass es euch gut und angemessen erscheint.

Und wenn einer von euch stirbt, dann würde ich es gern ähnlich so halten. Ich möchte jedenfalls nicht allein und still vor mich hin trauern. Ich möchte mich anlehnen können, mich an irgendwem festhalten und mir ein Taschentuch ausleihen, weil ich meins wieder vergessen habe. Und ich mich möchte mich an den, der gestorben ist, erinnern und von ihm erzählen und ich möchte von anderen hören, wie sie sich an ihn oder an sie erinnern. Und ich möchte mich nach der Beerdigung bei einem Schluck Kaffee aufwärmen, weil man doch bei einer Beerdigung auch bei 30 Grad im Schatten irgendwie friert. Und ich möchte ein Stück Streuselkuchen essen und danach ein Leberwurstschnittchen und ich könnte vielleicht auch noch anstoßen auf den Menschen, der zu Grabe getragen wurde, weil das ein guter und interessanter Mensch war, für den ich weiterhin dankbar sein will.

Ich wünsche ihnen heute am Volkstrauertag einen gesegneten Sonntag. Aus dem schönen Paderborn grüßt Sie Claudia Auffenberg

[1] Mascha Kaléko, Verse für Zeitgenossen, dtv München 2017, S. 12.

[2] Zitiert nach: https://www.unesco.de/kultur-und-natur/immaterielles-kulturerbe/immaterielles-kulturerbe-deutschland/friedhofskultur#:~:text=Die%20Friedhofskultur%20in%20Deutschland%20umfasst,Nutzung%20des%20Kulturraums%20Friedhof%20als.

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