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Das Geistliche Wort | 04.08.2019 | 08:40 Uhr

Ich weiß genau, wie ich gerne sein würde

Es ist ruhig geworden in der Prinsengracht 263 in Amsterdam. Die Sonne ist untergegangen und die Menschen im Hinterhaus haben sich schlafen gelegt. Nur eine ist noch wach, Anne Frank. Sie ist noch keine 15 Jahre alt und schreibt in ihr rot-weiß-kariertes Tagebuch. Es sind Gedanken vom Tag. Vor allem aber auch Gedanken über sie selbst. Und sie vertraut sie ihrer erdachten Freundin Kitty an. Mit Anne Frank möchte ich heute ein – sagen wir mal – virtuelles Gespräch führen, liebe Hörerinnen und Hörer. Denn die Worte vom letzten Tag in ihrem Tagebuch sind für mich immer noch ganz aktuell.

Musik I („Dreaming wide awake“ von Lizz Wright )

Das Tagebuch der Anne Frank. Darin lese ich und höre quasi, wie sie zu mir spricht:

Sprecherin:

„Liebe Kitty! [...] Ich habe dir schon öfter erzählt, dass meine Seele sozusagen zweigeteilt ist. Die eine Seite beherbergt meine ausgelassene Fröhlichkeit, die Spöttereien über alles, Lebenslustigkeit und vor allem meine Art, alles von der leichten Seite zu nehmen. [...] Diese Seite sitzt meistens auf der Lauer und verdrängt die andere, die viel schöner, reiner und tiefer ist. Nicht wahr, die schöne Seite von Anne, die kennt niemand, und darum können mich auch so wenige Menschen leiden. Sicher, ich bin ein amüsanter Clown für einen Nachmittag, [...] einfach eine Ablenkung, eine Zerstreuung für einmal, etwas, das man schnell vergisst, nicht schlecht, aber noch weniger gut. Es ist mir unangenehm, dir das zu erzählen, aber warum sollte ich es nicht tun, wenn ich doch weiß, dass es die Wahrheit ist? Meine leichtere, oberflächliche Seite wird der tieferen immer zuvorkommen und darum immer gewinnen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich nicht schon versucht habe, diese Anne, die nur die Hälfte der ganzen Anne ist, wegzuschieben, umzukrempeln und zu verbergen. Es geht nicht, und ich weiß auch, warum es nicht geht.“[1]

Es ist der 01. August 1944. Es ist ein Eintrag, den Anne Frank, das Mädchen aus Frankfurt, das sich in Amsterdam mit Ihrer Familie vor den Nazis versteckt hält, in ihr weltberühmt gewordenes Tagebuch schreibt. Es ist nicht irgendein Eintrag, sondern ihr letzter. Drei Tage nach dem letzten Vermerk wird sie am 4. August – also heute genau vor 75 Jahren – verhaftet und deportiert.

Ganz neu auf dem Buchmarkt erscheint in diesen Tagen ihr Tagebuch als Roman. So hatte sie es sich ursprünglich gewünscht. „Liebe Kitty“ heißt es und erscheint ohne die Überarbeitungen ihres Vaters, der den Holocaust als einziger der Familie überlebt hat und ihr Tagebuch als erster herausgebracht hat. Der Roman erzählt von der Zeit im Hinterhaus.

MUSIK II („Meaning“ von Cascadeur)

Prinsengracht 263 in Amsterdam. Harte Schritte auf der Treppe des Hinterhauses, Schreie. Angst liegt plötzlich in der Luft. Schnell bewegen sich die Füße der Versteckten, aber kein Entkommen ist möglich. Anne Frank, ihre Familie und weitere Versteckte sitzen in der Falle. Wie der erste Blick in das Gesicht des Gestapo-Beamten war, wie es war den Verräter zu sehen – wir wissen es nicht. Die allerletzten Worte, die wir von Anne kennen, sind:

Sprecherin:

"Ich suche dauernd nach einem Mittel, um so zu werden, wie ich gern sein würde und wie ich sein könnte wenn ... wenn keine anderen Menschen auf der Welt leben würden. Deine Anne M. Frank“

Seitdem ich diese Worte zum ersten Mal gelesen habe, gehen Sie mir unter die Haut. Ich sehe vor mir eine 15-jährige, die sich selbst und ihre Welt in Frage stellt: „Wer bin ich eigentlich? Und wer möchte ich sein?“. Es klingt Sehnsucht aus diesen Worten. Aber auch Einsamkeit, Wehmut, Schwere. Die Enge im Versteck des Hinterhauses lässt keinen Raum, erwachsen zu werden. Nur das Tagebuch und Kitty können sie scheinbar verstehen. Vor ihr liegt doch noch ein ganzes Leben, schreit es in mir: Ein Leben voller Träume, voller Möglichkeiten. Die erste Liebe, eine Ausbildung oder ein Studium, der Wunsch Autorin zu werden, Familie zu gründen, die Welt entdecken zu dürfen, im Glauben zu wachsen.

„Wer bin ich?“, fragt Anne. Und ich? Annes Frage ist mir vertraut: Selbst mit meinen 35 Jahren habe ich keine sinnige und schlüssige Antwort auf ihre Frage. Immer sind es die Realitäten meines Lebens, die Fragen, die mein Land, meine Familie, meine Freunde und meine Zeit beschäftigt. Und ich träume von einem anderen Leben und von einer anderen Zukunft für diese Welt. Und in mir, ja da ist auch diese Zerrissenheit. Zerrissenheit zwischen dem, wie ich mich sehe und ich mich fühle und dem was andere von mir erwarten, in mir sehen. Eine zweigeteilte Seele. Zwei Herzen in meiner Brust. Wie erwachsen Du schon denkst, Anne. Wie erwachsen Du vielleicht schon gezwungen bist zu denken, in deiner besonderen Lebenslage, verfolgt – versteckt zu sein.

 Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich mich ähnlich wie Anne frage: Wer bin ich? Und die Frage zielt nicht nur auf mein privates Leben, sie reicht weiter in das Leben der Kirche, für die ich als Priester tätig bin: Ist das noch meine Kirche? Momente des Fremdschämens und der Wunsch: Warum können wir zu diesem oder jenem Thema nicht einfach einmal nur schweigen und zuhören. Müssen wir zu allem sofort eine Antwort haben? Und auf viele Themen kann ich keine „kirchliche“ Antwort geben, weil sie nur falsch wäre. Weil sie an der Lebensrealität der Menschen vorbeigeht. Weil sie Leben nicht möglich macht, sondern einschränkt. Das zögerliche Verhalten bei dem Drama im Mittelmeer, die Frage rund um die Vielfalt von Lebensentwürfen und Lebensgemeinschaften und ihrer Beurteilung. Dann der Zwiespalt zwischen den Erwartungen innerhalb der Kirche: die einen, die alles nur bewahren wollen und die anderen, die bereit sind, Neues zu wagen und aufzubrechen.

 MUSIK III („Je suis vivant“  von „Black Earth rising“)

 Vom 01. August lese ich im Tagebuch der Anne Frank weiter und höre sie sagen:

 Sprecherin:

„Ich habe eine große Angst, dass alle, die mich kennen, wie ich immer bin, entdecken würden, dass ich eine andere Seite habe, eine schönere und bessere. Ich habe Angst, dass sie mich [...] nicht ernst nehmen. [...] In Gesellschaft ist die liebe Anne also noch nie, noch nicht ein einziges Mal, zum Vorschein gekommen, aber beim Alleinsein führt sie fast immer das Wort. Ich weiß genau, wie ich gern sein würde, wie ich auch bin ... von innen, aber leider bin ich das nur für mich selbst. Und das ist vielleicht, nein, ganz sicher, der Grund, warum ich mich selbst eine glückliche Innennatur nenne und andere Menschen mich für eine glückliche Außennatur halten. Innerlich weist die reine Anne mir den Weg, äußerlich bin ich nichts als ein vor Ausgelassenheit sich losreißendes Geißlein.“

Ja, Anne, ich verstehe Dich so gut! Manchmal frage ich mich auch, ob die Menschen es verstehen würden: Wenn ich Ihnen sage, was ich denke und fühle. Immer wieder habe ich Angst vor den Konsequenzen, die die Wahrheit bedeuten können: Ausschluss, Kritik, Auslachen, Nicht-ernst-genommen-werden.

So wie Du Kitty im Tagebuch hast, kann ich mich auch nur wenigen Menschen anvertrauen. Aber: Sie geben mir Mut. Und: Sie haben mir ein gutes Beispiel gegeben, auf das ich in meinem Leben baue.

Heute weiß ich: Nicht nur Worte haben Macht. Wir strahlen auch ohne Worte aus, was uns bewegt; wer wir sind, wie wir denken und fühlen. Es ist unsere Haltung, die wortlos spricht. Und diese Haltung füllt den Raum, den wir betreten. Wir sprechen diese Haltung durch unsere Präsenz aus. Leibhaftig. Körperlich.

„Ich weiß genau, wie ich sein würde, wie ich auch bin...“, hast Du am 01. August 1944 in dein Tagebuch geschrieben. Ich bin mir sicher, dass Du es durch Deine Haltung auch ausgestrahlt hast, wie Du warst. Wie du im Raum anwesend warst. Denn du wirst nicht immer nur der Clown gewesen sein. Und die Menschen, die dich ganz besonders kannten und liebten, sie haben es ausdrücklich gewusst. Haben die Anne hinter dem Clown gesehen. Unausgesprochen.

Ich glaube: Du musstest nur ihren Blick einfangen, um das zu verstehen:

Für mich, mit der Haltung meines Glaubens gesprochen, liegt in einem verstehenden Blick etwas Tieferes. In dem wissenden und liebenden Blick von vertrauten Menschen scheint mir Gott auf. Denn er sieht auch in die Tiefe meiner zwei Seelen, in die Tiefe der zwei Herzen und weiß mehr als man mit Worten sagen kann.

 Schade, dass ich Dich, Anne, nie persönlich kennenlernen durfte. Schade, dass Dein Leben ein so jähes Ende nehmen musste, denn Du bist mir seit Jahren so sympathisch. Ich habe mit dir und deinen Zeilen im rot-weiß-karierten Tagebuch gelacht und auch manche Träne verdrückt.

 Dein Tagebuch steht in meinem Bücherregal. Der Buchrücken ist abgegriffen und fledderig. Aber er erinnert mich an viele besondere Lesemomente Und auch an die Kraft von Haltungen, von stummer Ausstrahlung, wenn ich keine Worte finde, keine Worte habe, dann wenn Innen und Außen nicht übereinstimmen.

Ich vertraue darauf, dass jemand mit einem liebenden Blick erkennt, wenn mich gerade etwas ganz besonders bewegt, obwohl mein Inneres etwas ganz anderes erzählt als mein Äußeres.

Das „Tagebuch der Anne Frank“, unscheinbar und abgenutzt in meinem Bücherregal. Es ist mein Blick, der ihm eine Bedeutung schenkt und der mich ihr entgegenrufen lässt: Anne, Du darfst die sein, die Du bist. Nur Mut! Strahle es aus! Und wenn Dir der Mut fehlt: Vertrau dem liebenden Blick der Menschen, die dich in deiner Tiefe erkennen.

Die Erfahrung eines liebenden Blickes wünscht Ihnen Pfarrer Matthias Fritz aus Aachen.

 MUSIK IV („This is me“ aus dem Soundtrack von „The greatest showman“)


[1] Anne Frank, Gesamtausgabe. Tagebücher – Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus – Erzählungen – Briefe – Fotos und Dokumente, Frankfurt am Main 2013.

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