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Das Geistliche Wort | 11.06.2020 | 08:40 Uhr

In allem: Gott

Es ist ein winziges Detail, auf das ich vor etwa einem Jahr zufällig aufmerksam gemacht geworden bin:

Eine Antenne in einer Kirche.

Und zwar nicht für einen 5G-Masten oder WLAN. In meiner Heimatkirche in Münster gibt es eine Antenne als ein Kunstobjekt, ganz unscheinbar, und zwar hinten an der Rückwand des Tabernakels. Das ist das kleine Schränkchen, in dem in einer katholischen Kirche die Eucharistie, also das übriggebliebene Brot nach dem Abendmahl aufbewahrt wird.

Die Kirche ist die Stadt- und Marktkirche St. Lamberti in Münster.

Und die kleine Antenne ist ein Werk von Joseph Beuys. Er war mit dem Architekten befreundet, der in der Nachkriegszeit Elemente der Kirche neugestaltet hat.

Ich bin Mathias Albracht und möchte ihnen heute erzählen, wie mich diese kleine Antenne zum Nachdenken über das heutige Fronleichnamsfest angeregt hat.

Joseph Beuys war bekannt dafür, dass er alltägliche Dinge in Kunstwerke verwandelt hat. Das mag im Ersten naiv klingen. Aber dahinter steckt mehr als man meint: Beuys‘ Antenne lässt auch mich darüber nachdenken, welche Botschaft, welche Sendung von dem kleinen Tabernakel in die Welt ausgehen mag.

Etwas, das nur mit dem Inhalt des Tabernakels zu tun haben kann, mit diesem Brot.

Das Brot hat, um im Bild der Sendung zu bleiben, für mich nämlich ganz klar eine Botschaft und deswegen teile ich die Intuition Joseph Beuys‘, den Tabernakel mit einer Antenne zu versehen.

Als Katholik glaube ich, dass in dem Brot Jesus Christus wirklich gegenwärtig ist. Es enthält die Kraft seines Lebens. Eine verwandelnde Kraft, so glaube ich es, die selbst vor dem Tod keinen Halt macht und neues Leben erweckt.

Jesus Christus, auferstanden von den Toten, ist in verwandeltem Brot und Wein bei jeder Eucharistiefeier anwesend, in der Gestalt irdischer Speisen. - Und die sollen eine Art geistlicher Proviant für den Alltag sein, der Menschen Kraft geben will.

Brot, das lebt und spendet Leben.

Das ist die Botschaft der Eucharistie. Und darauf will die katholische Kirche seit dem Hochmittelalter ganz besonders am heutigen Fronleichnamsfest hinweisen.

Dann nämlich geht sie mit diesem Brot auf die Straße, in die scheinbar alltägliche Welt, und zeigt es ihr in feierlichen Prozessionen.

Normalerweise.

Dieses Jahr ist auch das anders. Vielerorts werden wohl keine Fronleichnamsprozessionen stattfinden.

Denn die Botschaft dieses Festes, von dem verwandelten und verwandelnden Brot, der Eucharistie, wird nämlich von ganz anderen Botschaften überlagert – und das schon seit Wochen. Alle Nachrichten bestimmt die Corona Pandemie mit ihren Folgen.

Sie dominiert Gedanken und Sorgen vieler Menschen wie kaum ein anderes Thema. Ein Virus, unscheinbar und doch zutiefst bedrohlich.

Ist da Zeit über Fronleichnam zu reden oder verkommt das Nachdenken über dieses Fest in diesem Jahr zu einem realitätsfernen Glasperlenspiel? Ist das relevant?

Ich glaube: ja.

Trotz der ganzen momentanen Situation – ja gerade wegen ihr halte ich es für wichtig, den Blick auf Anderes zu richten. Und das hat für mich zu tun mit einer göttlichen Kraft, die jetzt schon in dieser Welt real präsent ist.

Ich glaube, beim näheren Hinsehen und im Nachdenken über die momentane Situation, Züge dieser Kraft zu erspähen, die für mich wie ein Bild dafür sind, das Gott mit seiner Kraft gegenwärtig ist.

Es ist eine Kraft, die sich allem Lebensverneinenden entgegenstellt. Und das ist nämlich gerade an vielen Orten zu spüren.

Ich denke da an unzählige Eltern in diesem Land, die trotz aller Widrigkeiten und auch beruflicher Doppelbelastung jetzt gerade für ihre Kinder da sein wollen und es sind.

Ich denke an die, die sich gerade jetzt um Angehörige, Nachbarn, Bekannte oder Fremde kümmern, die gerade besonderer Fürsorge und Aufmerksamkeit bedürfen.

Ich denke an Jugendliche und Erwachsene, die sich aufmachen und für die Alten oder Menschen aus gefährdeten Risikogruppen Besorgungen erledigen.

Ich denke an die Hebamme, die ihre Geburtsvorbereitungskurse online umstellt und versucht, bei Hausbesuchen trotz Maske und Handschuhen mit ganzem Herzen für ihre großen und kleinen Klienten da zu sein.

Ich denke an Initiativen, die gerade Existenzen sichern, von Angestellten, von Geschäften, aber auch an Kunst- und Kulturschaffende. Ihr Dienst ist gerade, auf andere Wirklichkeiten zu verweisen. Widerstand und Hoffnung, Leichtigkeit, Humor, aber auch die Realität.

Ich denke an die, die auch jetzt für die Menschen da sein wollen, die schon im Normalbetrieb des Lebens aus dem Blick fallen, in Übernachtungsstätten, Heimen oder in Paketzentren des Versandhandels oder Zerlegebetrieben der Fleischindustrie oder in Flüchtlingslagern.

Das Leben angesichts der unsichtbaren Bedrohung des Corona-Virus, es weist trotzdem noch Spuren einer verwandelnden Kraft auf. Einer Kraft die Leben spenden will in Dunkelheit, einer Kraft, die Heilen will, die neues hervorbringen will und Existierendes durch alle Widrigkeiten hindurch erhalten und fördern will.

Wenn sich so viel Gutes im Alltagsleben zeigt, dann sehe ich darin eine Wirkkraft Gottes präsent. Durch all diese Menschen, die helfen – ob sie Christen sind oder nicht – scheint für mich die Botschaft der Eucharistie im Alltagsleben verwurzelt. Durch alle diese Menschen. Gottes Kraft wirkt und stärkt wie das unscheinbare, alltägliche Brot und ihre Sendekraft ist ungebrochen. Ihr Heiliger Geist weht auch jetzt durch diese Welt.

Sie ertönt in ermunternden und tröstenden Worten, strahlt auf in Gesten und Aktionen, wird spürbar durch Mut, Verzeihen und das Aufzeigen von Zukunftsperspektiven. Es geht weiter.

Tod und Verzweiflung haben nicht das letzte Wort.

Zurück zu der Antenne am Tabernakel mit dem Brot in der Lambertikirche in Münster.

Zurück zur Kunst:

Joseph Beuys lässt in seinem Werk viele Dinge im Unklaren. Aus seiner Abkehr vom strengen Katholizismus seiner Kindheit macht er jedoch keinen Hehl.

Dennoch sieht er in dieser Welt eine, wie er sie nennt, „Christuskraft“ am Werk.

Er sagt einmal: "Die Form, wie diese Verkörperung Christi sich in unserer Zeit vollzieht, ist das Bewegungselement schlechthin. Der sich Bewegende. Es ist also das Auferstehungsprinzip: die alte Gestalt, die stirbt oder erstarrt ist, in eine lebendig, durchpulste, lebensfördernde, seelenfördernde, geistfördernde Gestalt umzugestalten. Das ist der erweiterte Kunstbegriff."[1]

Bei aller Kritik am Katholizismus und Kirche sieht Joseph Beuys eine Christuskraft der Verwandlung, die dieser Welt innewohnt. Und als Christ stimme ich Beuys zu. Ich glaube an einen Christus, der durch den Tod hindurch gegangen ist. Nur: Für mich ist das unendlich viel mehr als eine Kunsttheorie.

Mich führen Beuys‘ Gedanken tiefer in das Thema des heutigen Fronleichnamsfestes hinein. Sie regen mich sogar an, es genauer unter die Lupe zu nehmen.

Seit 2000 Jahren sollen die Menschen die Gegenwart der alles verändernden Gotteskraft erkennen, in den unveränderten und von Jesus Christus selbst gewählten Symbolfiguren des Alltäglichen: in Brot und Wein.

Fronleichnam wird so für mich von einer traditionsreichen und vermeintlich konfessionellen Demonstration, beziehungsweise Prozession, zu einer performanten Kundgebung, die mir sagt: Augen auf!

Das Göttliche und seine Kraft zur Veränderung, seine Christuskraft wohnt dieser Welt inne, das Banalste kann durch sie zum Kostbarsten werden: ein Stück Brot zum Leib Christi, zum Leib des Herrn.

Ein eucharistischer Glaube, wie ihn Fronleichnam feiert, ist ein Glaube an die göttliche Kraft der Verwandlung – daran, dass es eine Zukunft geben wird, die ich vielleicht jetzt noch nicht erkenne.

Er ist ein Glaube, der mich für die verwandelnde Kraft Christi sensibilisiert, die in dieser Welt ans Werk kommen kann, wie er selbst in der scheinbar profansten Gestalt von Brot und Wein gegenwärtig ist. In allem: Gott.

Worin bricht die Zukunft an? Ich frage mich gerade angesichts der Corona-Pandemie: Was verschafft mir und anderen neue Perspektiven und neue Horizonte?

Es sind Momente von Hoffnung. Lebens- und seelenfördernde Taten, die in dunkelsten Stunden und Momenten Kraft geben, weiter zu gehen. Mögen sie klein sein oder groß. Ob im Altenheim, am Küchentisch, am Babybett oder im Gespräch über Zoom. Gewirkt von Hebammen, Altenpflegern, Ärztinnen, von Mitmenschen, Menschen wie Ihnen und mir.

Ich mag die kleine Antenne am Tabernakel der Lambertikirche. So ulkig sie aussehen mag, sie lässt mich über die Strahlkraft der Eucharistie und die Botschaft des Fronleichnamsfestes nachdenken und darüber, was gerade jetzt, in dieser Situation der Welt und unserer Gesellschaft heilsam verwandelnd wirken mag, wo gerade die Christuskraft am Werk sein mag.

Ich möchte den Glauben an Verwandlung, an Verwandlung mit Gottes Hilfe und Segen, wachhalten. Und dieses Fest Fronleichnam spornt mich dazu an Jahr für Jahr mich wieder ganz besonders damit auseinander zu setzen.

Ob jetzt, zur Zeit des Corona-Virus, womöglich ohne Prozession, oder dann, wenn wieder alles scheinbar „ganz normal“ sein wird.

Gott ist gegenwärtig, in dem kleinen Tabernakel mit der Antenne, in dem unscheinbaren Brot, und auch in dieser Welt, in der er verwandelt und befreiend wirken möchte, in einer Christuskraft, die allem Leben dient und es stärkt.

Ich weiß nicht, ob ich Beuys‘ analogen Begriff von der Christuskraft wirklich ganz verstehe. Ich merke aber, er inspiriert mich, über meinen Glauben nachzudenken.

Und er schärft meinen Blick für die verwandelnde Kraft Christi, die allem innewohnt.

 

Ich wünsche Ihnen – nicht nur heute am Fronleichnamstag - etwas von der verwandelnden Kraft zu erfahren, die im Alltäglichen beginnt das Besondere zu sehen.

Es grüßt Sie aus Münster

Ihr Mathias Albracht


[1] Volker Harlan (Hg.): Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Beuys. Urachhaus 72001.

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