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Choralandacht | 27.04.2019 | 07:50 Uhr

„Jesus Christus, unser Heiland“ (eg 102)

Sprecher:„Sterben kann gar nicht so schwer sein - bisher hat es noch jeder geschafft.“

Autor: Dieser etwas flapsige Satz des amerikanischen Autors Norman Mailer beschreibt eine Wahrheit, der wir uns wohl oder übel zu fügen haben:

Alle Menschen müssen sterben, ob schwarz, ob weiß, ob arm ob reich, ob gut, ob böse. Der Tod ist der große Gleichmacher.

Der Tod ist unumstößlich und unvermeidlich. An ihm findet alle weltliche Macht ihr Ende.

Musik 1: Track 29 „Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand“ BWV 626 von CD Das Orgelbüchlein, Komponist: Johann Sebastian Bach, Interpret: Ulrich Böhme (Orgel), Verlag: Klaus-Jürgen Kamprad, LC-Nr.: 03722, Label: Querstand, ASIN: B000VOEEW0      

Autor: Wir schreiben das Jahr 1524, jenes Jahr, in dem Martin Luther die Mönchskutte an den Nagel hängt und, ganz bildungsrevolutionär, für die allgemeine Schulpflicht eintritt. Er dichtet das Psalmlied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Und immer wieder brütet er über einem Vers aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom:

Sprecher: „Der Tod ist der Sünde Sold.“

Autor: Luther zerbricht sich Zeit seines Lebens den Kopf darüber, ob es nicht einen Weg gibt, den Preis der Sünde, also den Tod, vielleicht doch nicht entrichten zu müssen. Schreibend und dichtend kämpft er an gegen die Todesangst, diese Quelle aller Ängste.

Sprecher: „Alles Geschriebene ist gegen den Tod angeschrieben.“

Autor: Diese treffende Formulierung stammt aus der Feder von Heinrich Böll.

Luther schreibt nun einen Liedtext über jemanden, „der den Tod überwand“. Das ist ein frontaler Angriff auf die irdische Grundordnung. Wo kommen wir denn hin, wenn der Tod abdankt? Wenn der Mensch sich noch nicht einmal mehr auf den Tod verlassen kann, auf was dann? Die Überwindung des Todes ist ein zutiefst anarchistischer Akt, denn er negiert die größte Macht, die wir kennen. In seinem Roman „Eine Zeit ohne Tod“ beschreibt der portugiesische Autor José Saramago das Chaos, das ohne das Wirken des Todes einträte.

Musik 2: Track 13, 1. Strophe „Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand“, BWV 626, CD2; Die größten Choräle aus 5 Jahrhunderten, Komponist:  Johann Sebastian Bach, Interpret: CD2: ERF-Studiochor & ERF Studioorchester, Verlag: 2008 Hänssler Verlag im SCM-Verlag GmbH & Co.KG, LC-Nr.: 07224, Label: hänssler-music, ASIN: B002K1YO0E

Sprecher:

Jesus Christus, unser Heiland,
der den Tod überwand,
ist auferstanden,
die Sünd hat er gefangen.
Kyrie eleison.
 

Autor: Luther erzählt in seinem Lied, der Auferstandene habe eine Gefangene gemacht. Die Gefangene hört auf einen Namen, der aus dem alltäglichen Sprachschatz so gut wie verschwunden ist; auch im kirchlichen Kontext erfreut er sich nicht mehr allzu großer Beliebtheit. Um die Sünde geht’s.

Ich verstehe Luther so: Genauso wie die Sünde die Gefangene des Auferstandenen ist, so sind wir die Gefangenen der Sünde. Und wenn unser Kerkermeister gefangengenommen wird, dann können wir doch hoffen, aus dem Gefängnis entlassen zu werden.

Sprecher: „Wir können uns von der Sünde ebenso wenig frei machen wie vom Gesetz der Schwere“, …

Autor: … befand Victor Hugo, der französische Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert.

Wir nicht, dem würde Martin Luther zustimmen, aber er kennt jemandem, von dem er weiß, dass er das kann.

Höchstwahrscheinlich ist das Wort Sünde mit Sund verwandt, eine Trennung zweier Landmassen durch eine Meerenge. Da ist etwas auseinandergedriftet, was einstmals zusammengehört hat.

Ein Riss ist entstanden, den auch Georg Büchner kennt, dieser revolutionäre Literat, der der christlichen Frömmigkeit gänzlich unverdächtig ist. Er spricht in seinem Drama „Dantons Tod“ von einem „Riss in der Schöpfung“.

Musik 2: : Track 13, 2. Strophe „Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand“

Sprecher:

Der ohn Sünden war geboren,
trug für uns Gottes Zorn,
hat uns versöhnet,
dass Gott uns sein Huld gönnet.
Kyrie eleison.

Autor: Erstens: Jesus ist ohne Sünde geboren. Er ist durch den Riss durch die Schöpfung nicht beeinträchtigt. Ich schlussfolgere: Er war nicht irgendwer, sondern ein sehr besonderer, ein ausgezeichneter Mensch.

Zweitens: Dieser gezeichnete Mensch hat Schulden beglichen, die eigentlich wir hätten tilgen müssen. Der Schuldeneintreiber, so sagt es Luthers Osterlied, ist ein zorniger Gott, schlimmer als jedes Incasso-Unternehmen. Jesus aber hat uns Kredit eingeräumt und zugleich für den Kredit gebürgt, falls er platzen sollte. Unüblich, dass der Kreditgeber zugleich der Bürge ist. Nicht sonderlich geschäftstüchtig.

Jesus gewährt uns Vertrauensvorschuss. Um einen Gnadenakt handelt es sich. Allerdings um einen seltsamen, denn der, der Gnade erweist, kommt Karfreitag darin um. (0:55)

Musik 2: Track 13, 3. Strophe „Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand“

Sprecher:

Tod, Sünd, Leben und auch Gnad,
alls in Händen er hat;
er kann erretten
alle, die zu ihm treten.
Kyrie eleison.

Autor: Den Begnadiger schätzt Luther als allmächtig ein. Der Überwinder des Todes hat alles in der Hand. Er verfügt über die Lizenz zum Retten. Die Sache hat allerdings einen Haken. So ganz frei Haus kommt die Rettung nicht. Luther vertritt die Auffassung, dass wir, um gerettet zu werden, eine Bedingung zu erfüllen haben. Wir müssen „zu ihm treten“, seine Partei ergreifen, ihn bekennen. Auf den Punkt gebracht heißt das: Glaube oder Tod!

Musik 3: Track-Nr.: 10, „Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand“, BWV 626

CD:  Das Orgelbuchlein, Vol. 2, Komponist:  Johann Sebastian Bach, Interpret: Wolfgang Rübsam (Orgel), Verlag: Naxos Deutschland Musik & Video , Vertriebs-GmbH, LC-Nr.: 05537, LC-Nr.: 05537, Label: Naxos, ASIN: B001RSPJXM                                                                         

Autor: Für Luther, den entlaufenden Mönch, der noch gänzlich von mittelalterlichen Ängsten gepeinigt wird, für den Teufel und Dämonen real existierende Wesen sind, ist die Frage, wie er es mit dem Hoffnungsträger Jesus von Nazareth hält, eine ganz und gar existentielle Frage, eine Frage auf Leben und Tod. Und weil bei dem, der unsere Schulden übernommen und der Sünde Sold beglichen hat, der Tod nicht das letzte Wort hat, scheint es einen Ausweg zu geben. An diesen Strohhalm klammert sich Luther, einen anderen hat er nicht.

Musik 4: Track-Nr.: 81 „Jesus Christus unser Heiland“, BWV 364, CD: Choral Classics: Bach (Chorale), Vol.2/3, Komponist: Johann Sebastian Bach, Interpret: Chamber Choir of Europe & Nicol Matt, Verlag: Brilliant Classics B.V., LC-Nr.: 09421, Label: Brilliant Classics, ASIN: B01FG4MU6Q

Autor: Ach ja, das sollte nicht vergessen werden. Der eingangs zitierte von Paulus geht noch weiter:

 Sprecher: Der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christo Jesu, unserm HERRN.

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