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Das Geistliche Wort | 05.07.2020 | 08:40 Uhr

Befreit! Jesus und die Alltagslasten


Guten Morgen!

Befreit zu sein, ist ein wunderbares Gefühl, gerade wenn einem Lasten von den Schultern genommen werden: Lasten der Verantwortung, Lasten der Sorge, Lasten der Arbeit. In den so belastenden wie oft ungewissen Zeiten der Coronakrise seit Mitte März und den unfreiwilligen Zeiten ohne Schule, Kindergarten, geregelter Arbeit und mit ungewohnter Familienzeit, sind seit einer Woche hier in NRW die Schulferien angefangen. Ich hoffe sehr, dass diese Ferien für viele Menschen in unserem Land auch befreiend sind. Gut erinnere ich mich selber daran, welches Gefühl früher damit verbunden war: Ferien! Endlich Freiheit! Endlich freie Zeit! Mit diesem Gefühl der Freiheit ist vor allem die Unabhängigkeit vom Alltag verbunden: Keine Pflichten wie sonst, keine Aufgaben, die unbedingt erledigt werden müssen. Schlicht: aufatmen, durchatmen und Zeit haben.

Jede Ferienzeit hat etwas Besonderes, und das gilt auch in der Corona-Zeit, wenn auch unter anderen Bedingungen. Viele werden nicht verreisen – oder wenn, dann innerhalb Deutschlands. Was aber bleibt: Ferienzeit ist eine Zeit, die freimachen kann vom gewöhnlichen Alltag. Und gerade nach den zurückliegenden Monaten der Corona-Krise mit ihren vielen Einschränkungen steckt diese Zeit voller Erwartungen, Hoffnungen und Verheißungen. Es geht darum, endlich die schrittweise zurückgewonnene Freiheit zu nutzen, um Freunde und Familienangehörige zu besuchen, zu wandern, zu schwimmen, zu lesen und zu musizieren, ganz einfach wieder Menschen zu treffen. Es geht aber noch um Grundsätzlicheres: Endlich frei zu sein, nichts tun zu müssen. Ferien und Erholung heißt für mich: Nicht müssen zu müssen. Solche Freiheit kann helfen, neue Perspektiven zu entdecken und offen zu werden für neue Begegnungen mit Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen und anderen Menschen, sie in einem neuen Licht zu sehen und neu wertzuschätzen.

Was es bedeutet, von der Last des Alltags befreit zu werden, davon erzählt ein Text aus dem Matthäusevangelium, der heute in den Gottesdiensten der katholischen Kirche vorgetragen wird. Da lädt Jesus ein (Mt 11,29-30): „Lernt von mir… Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“, will sagen: Jesus verlässt sich ganz auf Gott, um so Ruhe zu finden. Ich verstehe das so: Mit Gott zu leben, macht frei. Und gerade die Ferienzeit kann helfen, das einzuüben.

Die Ferienzeit kann eine Zeit sein, sich neu auf Gott, auf den Glauben und auf die eigenen Fundamente zu besinnen, um letztlich frei zu werden. Für mich erweist sich das in einem Perspektivwechsel. Bei all meinen Verpflichtungen als Bischof von Essen, bei all meinen Tätigkeiten an und für die Menschen ist mir sehr deutlich bewusst: Ich habe Grenzen und vermag nicht alles. Es hängt vieles, aber nicht alles von mir ab. Ich mache auch Fehler. Aber ich glaube: Hinter allem steht noch einmal einer, der alles letztlich zum Guten führen wird. Dieser Glaube entlastet mich sehr, gibt mir eine Freiheit und schafft Raum, Neues zu wagen. Diesen Glauben zu wagen, das ist das sanfte Joch, die leichte Last, von der Jesus spricht. Im Glauben braucht es Gelegenheiten, sich wirklich mit Gott zu verbinden, sich ihm zu überlassen. Das erleichtert von den Lasten des Alltags und lässt mich zur Ruhe kommen. Ich muss nur die Zeit zur Aufmerksamkeit finden, um mich Gott anzuvertrauen. Genau das kann ich von Jesus lernen, um frei zu werden. Und mich - wie er - Gott anzuvertrauen.

Allerdings: Das hört sich leichter an als es ist. Wer sich nämlich die Zeit nimmt, über Gott nachzudenken, wird vielleicht auch die Erfahrung machen: Gott bleibt mir fremd. Er bleibt ein Geheimnis. Jedes menschliche Begreifen, jede menschliche Ahnung von Gott ist immer doch nur menschlich, eben nicht göttlich und vollkommen. Auch hier erkenne ich meine Grenzen: Jedes menschliche Gottesbild bleibt stets zerbrechlich und ist vorläufig, vielleicht eine Projektion. Dabei will Gott sich eigentlich selbst zeigen, so, wie er ist.

Vielleicht sind gerade die, die sich viel mit Gott beschäftigen, diejenigen, die am ehesten in der Versuchung stehen, Gott genau verstehen und beschreiben zu wollen. Dieser Versuch aber muss scheitern. Gott ist frei! Und Gott ist immer auch noch ganz anders!

Anders ist es da schon eher bei den Einfältigen, wie das Evangelium sie nennt, bei denjenigen, die ein reines Herz haben, die sich das Kindliche und Einfache bewahrt haben. Von ihnen heißt es: Sie dürfen Gott schauen (vgl. Mt 5,8), weil sie immer wieder mit Gott anfangen und von Jesus viel lernen wollen.

Was genau ist aber von Jesus zu lernen? Von Jesus kann man lernen, wie Gott ist: Gott ist Hingabe, Gott ist für andere da, Gott ist nah und zugewandt. Daher gibt Gott, der Vater, Jesus seine ganze Heiligkeit, seine ganze Kraft, seine ganze Dynamik. In Jesus, seinem Sohn, zeigt sich Gottes Anspruch, sein Wille und das, was sein Reich ausmacht: Ich bin da – für euch! Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit: Ein Gott, der Mensch ist. Eine Revolution! Aber ohne diese Revolution könnten wir Gott nicht kennen lernen, auch nicht sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe. Das alles ist möglich, weil wir in diesem Menschen Jesus Gott ganz vor uns haben. Gott hat mit Jesus eine ganz tiefe Beziehung nächster Nähe, tiefster Liebe und größter Treue. Und genau das will Jesus den Menschen voll Vertrauen weitergeben.

So können und dürfen wir Gott immer neu kennen lernen – nicht als den Unantastbaren und Fernen, sondern als den, der sich hingibt; nicht als den, der Abstand hält, sondern als den, der echte Nähe zulässt und in seine Gemeinschaft hineinholt. Wir lernen Gott kennen, wenn wir uns auf Jesus einlassen.

Von Jesus lernen, heißt zu lernen, wer und wie Gott selbst ist: Da sein für andere. Und genau das kann uns Menschen entlasten, uns wieder aufrecht gehen lassen, uns die Bürde von menschlicher Schuld, die Last der Angst, die Not des Alltags und das Kreuz des Leidens nehmen. Weil er da ist. Und genau das schenkt Freiheit!

Jesus tut das ganz ohne Gewalt. Er macht sich zum Diener aller. Er ist dabei aber nicht einfach harmlos und unterwürfig. Er verkörpert vielmehr die Güte Gottes und lebt dessen Zuneigung zu uns Menschen – und ist sogar bereit, dafür zu sterben. Darum können Menschen aufatmen, wissen sich von ihren Lasten befreit, wenn sie sich an ihn halten, ihm nachfolgen und - so wie er - für Gottes Reich leben. Das sanfte Joch, die leichte Last, die Jesus nennt, hängen an dieser Bereitschaft, ihm nachzufolgen. Aber was Jesus dafür verheißt, das ist Freiheit: Die Freiheit des Aufatmens, der Zuneigung, der Güte Gottes für uns Menschen, aus der die Hoffnung auf Gerechtigkeit und die Gottesherrschaft aufkeimen. Weil Gott Jesus eben alles gegeben hat, nämlich sich selbst, darum kann Jesus den Menschen die Last ihrer Schuld und die Bürde ihres Sterbens abnehmen. Weil eben Gott Jesus alles gegeben hat, darum kann Jesus uns Menschen alles geben: Am Ende sein Leben, das kein Ende nimmt.

Zurück zu den Erfahrungen der Ferien: Ich frage mich am Ende von freien Tagen, nach schönen Ferienzeiten und guten Erlebnissen: Was bleibt von solchen Tagen? Oft heißt es ja: Erholung geht schnell vorbei. Aber eigentlich hoffe ich doch, dass sie bleibt. Zumindest: Wenn in den Ferientagen eine Ahnung davon aufkeimt, von den Lasten des Lebens befreit, von der Not des Alltags und der Begrenzung gelöst und in einen Raum des Aufatmens hineingestellt zu sein, dann kann doch bleiben: Freiheit als ein Gefühl, eine Erfahrung und eine Erkenntnis. 

Als gläubiger Mensch erahne ich jedenfalls etwas von der Freiheit, die Gott mir schenkt, wenn ich mich an ihn halte. Und diese Freiheit hat es in sich, denn sie macht frei für andere. Es gibt eben nicht nur eine Freiheit von allem Möglichen, sondern auch eine Freiheit zu Neuem. An Jesus selbst sehe ich jedenfalls, was am Ende sein kann: eine Erfahrung nächster Nähe, tiefster Liebe und größter Treue, echter Beziehung und lebendiger Begegnung mit anderen und für andere. Nichts anderes verheißt der Ruf in die Nachfolge Jesu. Von Jesus zu lernen heißt nämlich, die eigene Verwundbarkeit zu akzeptieren, Milde zu üben und in echter Ruhe den Weg zum Glück im Leben mit Gott zu suchen (vgl. Jer 6,16). Dann können alle Mühseligen und alle Lasten tragenden Menschen aufatmen, weil sie ja in Jesu Nachfolge sind.

Das sanfte Joch, die leichte Last, von der Jesus spricht, hat immer mit Liebe zu tun. Liebe macht frei für die Aufmerksamkeit für andere, zum gemeinsamen Tragen von Lasten und zum Aufatmen. Einfach gesagt: Die Liebe zu Gott und die Liebe zu Menschen sind die zwei Seiten der einen Medaille. Und wer geliebt wird und selber liebt, der wird wirklich frei.

Ich wünsche Ihnen in diesen Tagen, die für viele nicht leicht sind, weil die Lasten der letzten Wochen und Monate weiterhin auf uns liegen, Zeiten des Aufatmens, Zeiten des Ausruhens, um frei zu werden. Dabei gilt es, von Jesus zu lernen, der uns Menschen alles gibt, weil Gott, sein Vater, ihm alles gegeben hat. Am Ende gibt er sein Leben, das kein Ende nimmt. Dann werden wir ganz befreit sein, von Jesus geführt und getragen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen gesegneten Sonntag und, so möglich, frohe und befreiende Ferientage.

Aus Essen grüßt Sie Ihr Bischof Franz-Josef Overbeck

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