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Das Geistliche Wort | 01.01.2021 | 08:40 Uhr

Jetzt schlägt‘s 13!

Autor: Willkommen im Neuen Jahr, liebe Hörerin, lieber Hörer!

 

Musik 1: Air (Johann Sebastian Bach), CD: Classic Meets Cuba (2002), Track 6, Interpret: Klazz Brothers & Cuba Percussion, Amazon.com Song ID: 207481225.

 

Autor: „Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.“ So beginnt Erich Kästner seine Gedichte unter dem Titel „Die 13 Monate“. Vor über 6o Jahren hat er sie im Laufe eines einzigen Jahres geschrieben und sie Monat für Monat abgeliefert. Eine Auftragsarbeit für eine Zeitung in der Schweiz.

 

Aber wieso ausgerechnet 13 Monate? Ein Jahr hat doch nur 12! Dazu Kästner: „Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen.“ Ihm genügen sie jedenfalls nicht. Aber warum nicht? Denn das weiß doch schließlich jedes Kind: „Im Kreise geht die Reise. Und dem Dezember folgt der Januar.“

 

Wenn wir uns heute den „Januar“ anhören, dann in der Erwartung, dass Kästners Verse heute aktueller sind als sie es 1955 schon waren. Damals wurden sie zuerst gedruckt. Und damals schon war Kästner seiner Zeit voraus, auch wenn der Winter noch in Ordnung schien.

 

Musik 2 (Musikbett für Gedicht “Januar”): Air, CD: Classic Meets Cuba (2002), Track 6, Interpret: Klazz Brothers & Cuba Percussion, Komponist: Johann Sebastian Bach, Amazon.com Song ID: 207481225.

 

Sprecher 1: Gedicht: Erich Kästner, Januar

 

Autor: „Das Jahr ist klein und liegt noch in der Wiege.“ Wie ein neugeborenes Kind. So sieht Kästner das Neue Jahr. Aber wieso ist das Kind in der Wiege hunderttausend Jahre alt?

Was für ein Widerspruch! Aber die Zahl ist wohl nur poetisch gemeint. Und sofort wird damit das Problem der Zeit deutlich. Hier gilt nicht nur für die länger werdenden Tage die Einsicht:

 

Sprecher 2: Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

 

Autor: Das gilt ja auch für den älter werdenden Schriftsteller selber. Immerhin ist Kästner schon Mitte fünfzig, als er „Die 13 Monate“ schreibt.

 

Je älter ich werde, umso mehr vergeht auch mir alles rasend schnell: Gerade erst war Weihnachten und im Haus duftet es noch nach Weihnachtsgebäck, da liegt schon das Neue Jahr wie ein Baby in der Wiege und riecht womöglich nach vollen Windeln. Was für Gerüche steigen einem da in die Nase: Weihnachtsgebäck und Stallgeruch! Was für eine Mischung!

 

Der doppelgesichtige Januar erscheint bei Kästner in Gestalt eines Rattenfängers. Und der ist umringt von Kindern.

 

Musik 3: Adios Nonino, CD: Tango Meets Cuba (2016), Track 3, Interpret: Klazz Brothers & Cuba Percussion, Komponist: Astor Piazzolla, Amazon.com Song ID: 275568906.

 

Autor: Mit dem Januar ist es wie mit dem märchenhaften Rattenfänger – dem aus Hameln. Sie erinnern sich? Wie der Januar hat er zwei Gesichter. Einerseits befreit der Rattenfänger die Stadt Hameln von ihrer Rattenplage. Aber er rächt sich auch an den Bürgern, als sie ihm den versprochenen Lohn verweigern. Er lockt alle Kinder der Stadt auf´s Glatteis, nimmt sie mit und verschwindet für immer. Kästner ist sich bewusst, dass alle Zeit janusköpfig ist, dass sie immer Gutes wie Schlimmes bereithält: Frieden und Krieg. Zwei Weltkriege haben auch Kästner´s Leben geprägt. Vielleicht auch darum hieß es bei ihm früher schon zum Neuen Jahr:

 

Sprecher 3: Epigramm

 

Autor: Der April ist auch für Erich Kästner der Ostermonat. Doch bei ihm erinnert an die biblische Ostergeschichte allenfalls noch ein Hahn: „Da kräht der Hahn den Morgen an.“

Musik 4: Libertango, CD: Tango Meets Cuba (2016), Track 2, Interpret: Klazz Brothers & Cuba Percussion, Komponist: Astor Piazzolla, Amazon.com Song ID: 275568900.

 

Autor: Der Hahnenschrei brachte immerhin einen Simon Petrus zum Weinen und zur Reue. Bei Kästner aber bestimmen allein buntes Brauchtum und Märchenfiguren das Ostergeschehen. Logisch! Er beschreibt ja nicht das Kirchenjahr mit seinen Festen, sondern die 12 Monate im Kalender. Vorerst noch zu schweigen von dem geheimnisvollen 13. Monat.

 

Sprecher 4:

Und schon hoppeln die Hasen,

mit Pinseln und Tuben

und schnuppernden Nasen,

aus Höhlen und Gruben

durch Gärten und Straßen

und über den Rasen

in Ställe und Stuben.

(aus: April)

 

Autor: Erich Kästner malt mit seinen Worten ein fröhliches Osterfest für Kinder. Der Rhythmus erinnert aber auch an die Heinzelmännchen zu Köln, und daran, wie bequem es mit ihnen doch vormals war. Aber auch das bringt den gelangweilten Zuschauer nur zum Gähnen: „Er spürt nicht Wunder, noch Abenteuer, weil er sich nicht mehr wundern kann“ – schon gar nicht über Ostern!

 

Musik 5: 1. Satz allegro moderato aus: Symphonie Nr. 29, A-Dur, Komponist: Wolfgang Amadeus Mozart, Interpreten: Berliner Symphoniker; Dirigent: Herbert von Karajan, Label: Deutsche Grammophon, LC: 0173.

 

Autor: Aber dann folgt der Wonnemonat Mai. Und ihn nennt Kästner den „Mozart des Kalenders“. Das klingt wie eine Liebeserklärung. Von Mozart‘s Musik ist Erich Kästner so begeistert, dass er ausruft: „O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!“ Aber er weiß aus leidvoller Erfahrung:

 

Sprecher 5: Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

 

Autor: Je mehr das Jahr voranschreitet, desto kritischer wird der Ton, mit dem Erich Kästner seine Verse schmiedet. Er wird sozusagen „bissiger“. Keineswegs will er die Natur als ein bloßes Idyll beschreiben, was sie übrigens nie war. Sie ist für ihn kein Bilderbuch mit Serien von Ansichtskarten.

Zur Stütze seiner Erinnerungen braucht und benutzt Kästner sogar Fachbücher über Flora und Fauna. Er schämt sich für sein lückenhaftes Gedächtnis – immerhin ist er schon über 50 Jahre alt, als er „Die 13 Monate“ schreibt. Er müsste sich also auskennen mit dem Ablauf der Jahreszeiten. Anscheinend aber geht es ihm wie vielen seiner Zeitgenossen: Um Natur zu erleben, fahren sie sonntags aus der Stadt heraus. Natur gibt es nur noch wie in einem Museum oder Zoo. Natur wird besichtigt. Ist aber kein eigener Lebensraum, den es zu schützen und zu bewahren gilt.

Noch stößt man nicht an die „Grenzen des Wachstums“; noch meldet sich der „Klimaschutz“ nicht; noch gehen Generationen von Jugendlichen nicht auf die Straße, um zu demonstrieren: „Fridays for future“. Und dennoch sind die Zeichen der Zeit damals schon zu spüren. „Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.“

Stille vor dem Sturm.

Dann kommt der Sommer und mit ihm die Urlaubszeit.

 

Musik 6: Ole Guapa, CD: Tango Meets Cuba (2016), Track 6, Interpret: Klazz Brothers & Cuba Percussion, Komponist: A. Malando, Amazon.com Song ID: 275568902.

 

Sprecher 6:

Still ruht die Stadt. Es wogt die Flur.

Die Menschheit geht auf Reisen

Oder wandert sehr oder wandelt nur.

Und die Bauern vermieten die Natur

Zu sehenswerten Preisen.

(aus: Juli)

 

Autor: Natürlich will Erich Kästner mit seinen Gedichten auch unterhalten und erfreuen; doch nicht zum bloßen Zeitvertreib. Sondern: Er schreibt als „Großstädter für Großstädter“. Das heißt: Er schreibt für Menschen, aus deren Leben die Natur längst verschwunden ist. Kästner nutzt seine „kleine Versfabrik“, um seine Zeitgenossen zur Umkehr auf ihrem falschen Weg zu rufen. Als eingefleischter Moralist weiß er aber auch, dass bloße Gedichte dazu kaum geeignet sind. Aber er tut es „trotzdem“. Ja, er flüchtet sich geradezu in dieses: „Trotzdem“. Und schließlich hat er auch den Auftrag dazu übernommen.

 

Ich bin neugierig auf den 13. Monat. Was könnte bei Kästner damit gemeint sein? Bestimmt nicht so etwas wie ein 13. Monatsgehalt, die willkommene Sonderzahlung zu Weihnachten.

Doch Kästner weiß, was jeder weiß: „Im Kreise geht die Reise. Und dem Dezember folgt der Januar.“ Was aber kommt danach? Was stellt er sich vor, unter einem 13. Monat? Ist er vielleicht müde geworden vom eintönigen Kreislauf unseres Planeten? In der Tat: Kästner will mehr! „Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen!“. Kästner will ausbrechen aus diesem ewigen Kreislauf. Er sucht das, was über ihn hinausgeht.

 

Sprecher 7:

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.

Dann dröhnt das Erz und spricht:

„Das Jahr kennt seinen letzten Tag

und du kennst deinen nicht.“

(aus: Dezember)

 

Geräusch 1: Glockenläuten.

 

Autor: Das waren zwölf Glockenschläge. Für jeden Monat einen. Erich Kästner fragt weiter: „Wie säh er aus, der dreizehnte von zwölfen?“ Vielleicht eine Art Schaltmonat oder eine Mischung aus allen?

Erich Kästner lässt das offen. Es bleibt meiner Phantasie überlassen – wie er aussieht, der 13. Monat. Kästner bleibt mir eine Antwort schuldig. Er resigniert und schreibt:

 

Sprecher 8: Man macht, wir wissen’s, aus zwölf alten Bildern kein neues Bild.

 

Autor: Der 13. Monat bleibt ein bloßer Wunsch von Leuten, denen - wie ihm selbst - der

Kreislauf der Zeit nicht genügt. Kästner sucht mit seiner Rede vom 13. Monat nach einer neuen Qualität der Zeit; einer Qualität, die im Grunde jeder der zwölf Monate hat. Und der 13. Monat soll, bitte, verzeihen, dass wir „so kühn sind, ihn zu schildern“; denn sein verschleiertes „Antlitz bleibt verhüllt“. Kästner wird persönlich und bittet geradezu inständig:

 

Sprecher 9: Dreizehnter Monat lass uns an dich glauben!

 

Autor: Aber warum nur? Und warum ausgerechnet glauben? Vielleicht ja, weil mit dem Neuen Jahr eben nicht nur ein weiterer Kreislauf von 12 Monaten beginnt, sondern weil eine neue Qualität der Zeit versprochen ist? Darum ist „Glauben“ gefragt und „Vertrauen“. Der 13. Monat steht ja für diese neue Qualität von Zeit. Und die eben will wahrgenommen werden. Und wozu würde ich den 13. Monat nutzen? Ich würde aus voller Kehle singen! Ja, Advents- und Weihnachtslieder würde ich singen, solange mir der Sinn danach steht.

Der 13. Monat aber „schweigt“ und schweigt – auch dazu.

Und weil der sich in Schweigen hüllt, soll Erich Kästner jetzt selbst das letzte Wort haben. In einem seiner Epigramme, wie er die Sprüche aus dem Jahre 1950 nennt, sagt er „kurz und bündig“:

 

Sprecher 10: Epigramm

 

Autor: Vielleicht liegt in dieser Aufforderung auch das Geheimnis des 13. Monats im Kalender? Wie auch immer: Fürsorglich und behutsam umgehen mit meiner Lebenszeit. Das würde mir wohl guttun! So wünsche ich uns allen ein gutes Neues Jahr!

Ihr Henning Theurich von der evangelischen Kirche in Bonn.

 

Musik 7 = Musik 1+2 

 

Redaktion: Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel

 

Quellen:

Erich Kästner, Die 13 Monate © Atrium Verlag, Zürich 1955 und Thomas Kästner

Erich Kästner, Kurz und bündig © Atrium Verlag, Zürich 1948 und Thomas Kästner

Erich Kästner, Ein Mann gibt Auskunft © Atrium Verlag, Zürich 1930 und Thomas Kästner

 

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