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Das Geistliche Wort | 16.05.2021 | 08:40 Uhr

Jung und churchy

Dieser Beitrag enthält Musik, daher finden Sie hier aus rechtlichen Gründen kein Audio zum Nachhören.



Musik 1: Kinder an die Macht, von CD: Was muss muss – Best of, Track 3 (CD2), Künstler: Herbert Grönemeyer, Copyright: EMI Music Germany GmbH & Co KG (2011), Amazon.com Song ID: 200000306631206.

 

Autorin: Die einen meinen, jung sein in der Kirche: Das geht gar nicht. Weil da doch alles totenlangweilig ist. Die anderen meinen, Jugendliche in der Kirche: Die gibt’s gar nicht. Weil sonntagsmorgens sind die ja nicht da. Und wieder andere denken, dass wir die mühsam aufgepäppelten, seltenen Exemplare der unter 27jährigen eh verlieren – an die Großstadt, das Finanzamt oder an die Liebe. Also besser gar nicht erst investieren. 

 

Fiona Paulus sieht das anders:

 

O-Ton Paulus: Menschen, die jung gute Erfahrungen gemacht haben mit Kirche, bleiben ihr in der Regel auch verbunden.“

 

Autorin: Und schon sind wir im Gespräch. – Corona-konform natürlich ein Zoom-Meeting online. – Fiona Paulus, 23, ist die Vorsitzende der Evangelischen Jugend im Rheinland und sie sagt:

 

O-Ton Paulus: „jeder Mensch hat ne Stimme, die Gehör verdient hat.“

 

Autorin: Damit sage ich guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. 

Heute endet in Frankfurt der 3. Ökumenische Kirchentag. Sein Motto: „Schaut hin!“ 

Ich kenne den Kirchentag als ein Fest des Glaubens, ein Forum für Diskussionen mit vollen Messehallen und Kirchen. Mit vielen jungen Leuten, die mitfeiern, die Fragen stellen und die ihre Kirche mitgestalten wollen. Aber diesmal fand der Kirchentag digital statt.

 

„Hinschauen“. Mich interessiert, wie Jugendliche und junge Erwachsene auf „die Kirche“ gucken: Was sie mögen, was sie brauchen und auch, was so gar nicht gut läuft. Fiona Paulus sagt: „Wir sind Partner:innen auf Augenhöhe.“

 

Sie hat ihre Stimme bereits bei der ersten Jugendsynode für die Evangelische Kirche im Rheinland 2019 erhoben und gefordert, ein Recht auf die Beteiligung junger Menschen in der Kirche gesetzlich zu verankern. 

Mit ihr habe ich darüber gesprochen, wie das eigentlich gehen soll: jung und engagiert sein, auf dem sinkenden Schiff Kirche.

 

O-Ton Paulus: „Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Und solange uns das allen bewusst ist und wir alle Lust haben auf Veränderungen, ist das auch gar nicht schlimm. Dass sie sich jetzt was verändert, sondern vielleicht ist es auch einfach genau Zeit dafür. Und dann ist das gar nicht sinkend, sondern es ist, wenn man jetzt aufspringt, dann hat man jetzt die Möglichkeit, tatsächlich richtig was zu verändern.“

 

Musik 2: Ich frag mich seit `ner Weile schon, von CD: Mein Apfelbäumchen, Track 14, Künstler: Reinhard Mey, Copyright: EMI Germany (1989), Amazon.com Song ID: 202066740.

 

Autorin: Zukunftsfähig sein. Das heißt für Fiona Paulus, Veränderungen zuzulassen. Sie setzt auf gute Erfahrungen in der Jugendarbeit, darauf in der Gemeinde- und Kirchenleitung „out of the Box“ zu denken, sich bunt und vielfältig aufzustellen.

 

O-Ton Paulus: „Was weiß ich. Cooler Open-Air Gottesdienst und wir bereiten dann ein Jahr lang vor und das wird eine riesen Nummer, aber nach einem Jahr ist die Sache dann durch und es muss auch nichts verständigt und verstetigt werden, …“

 

Autorin: „Out of the box“ denken. Wenn ich das höre, dann denke ich an Bungeejumping vom Kirchturm oder Taucherkurse in der Krypta. Der Jugend wird oft unterstellt, sie habe kein Traditionsbewusstsein. Stimmt nicht. Es geht ihnen um die gleiche Frage wie mir: „Welche Relevanz hat die Kirche gesellschaftlich?“ Und auch die jungen Themen könnten meine sein:

 

O-Ton Paulus: „Für uns als Jugendverband sind politisch jetzt total wichtig Nachhaltigkeit und Klimawandel, Gender Diversität und Gender Gerechtigkeit. Inzwischen auch, aber das ist ja auch so ein Hype-Thema dieses Jahr – zu Recht, völlig überfällig – Rassismus Kritik und auch das Thema –– Seenotrettung, wo wir schon länger ziemlich mit drin sind.

 

Autorin: Für Fiona Paulus ist klar, die Kirche hat schon immer eine großartige Botschaft, die alle hören müssen. Von wegen sinkendes Schiff und Jugend ohne Gott und Traditionsbewusstsein:

 

O-Ton Paulus: „Also wir reden von der Auferstehung. Wie cool ist das denn bitte?“

 

Autorin: Fiona Paulus sagt, cooler, als die Geschichte von Jesus Christus geht’s kaum. Und sie sagt das mit einer Begeisterung, die mir sofort ein „Amen, Schwester!“ entlockt. Woher kommt diese Begeisterung, will ich wissen:

 

O-Ton Paulus: „Ich war 12 oder so, da bin ich das erste Mal in der evangelischen Jugendarbeit gelandet, und nach nem Jahr hatte ich plötzliche ne Workshopleitung. Und dadurch, durch dieses Zutrauen und die Möglichkeiten nen offenen Raum zu haben, da einfach machen zu können, was wir wollten, hab‘ ich mich da total zuhause gefühlt und auch total entwickeln können. Ich hab‘ da sehr, sehr viel durch gelernt.“

 

Autorin: Die Kirchengemeinde als zuhause. Schönes Bild. Jonas Einck, 21 und ebenfalls in der Evangelischen Jugend im Rheinland aktiv – erklärt mir, warum es wichtig ist, jung gute Erfahrungen mit der Kirche zu machen:

 

O-Ton Einck: Durch Partizipation soll ein Zugehörigkeitsgefühl zur Kirche geschaffen werden, dass junge Menschen motiviert über die Konfi-Zeit hinaus und auch, wenn das Alter beginnt, in dem Kirchensteuern gezahlt werden müssen, Mitglied der Kirche zu bleiben.

 

Musik 3: Children of the Revolution, von CD: Interstellar Soul, Track 20, Künstler: T. Rex, Copyright: Demon Music Group Ltd. (2007), Amazon.com Song ID: 212018560.

 

Autorin: Und was macht heute schon den Reiz von Kirche für junge Erwachsene aus? 

 

O-Ton-Collage 1:

Lucie: Für mich ist die Gemeinde ein Ort, an dem ich so sein kann, wie ich bin. Dort zählen keine Noten oder Können und jeder kann kommen und wird einfach mit offenen Armen empfangen.“ Anonym (m): Wenn man einmal irgendwie anfängt und zum Team gehört und dann mit Sachen vorbereitet, dann geht es ganz schnell, dass man nicht mehr aufhören möchte. Denn als Team ist es so wie eine zweite Familie finde ich also man hat einen großen Zusammenhalt.“ Julika: Ich verbinde mit der Kirche gute Laune und Spaß.“ Anonym (m): Man fühlt sich wohl, man findet neue Freunde, man lernt viele kennen und man kann einfach immer neue Dinge machen.“ Lucie: Ich engagiere mich in der Kirche, um anderen Menschen einen möglichen Halt und Zuversicht zu geben, sie näher an Gott zu bringen und zu zeigen, dass sie in der Kirche jemanden haben, denen sie sich anvertrauen können.“

 

Autorin: Und wir sieht’s mit Veränderungen aus?

 

Musik 4 = Musik 3: T. Rex, Children of the Revolution

 

O-Ton-Collage 2:

Jonas: „Wenn die Kirche in der Zukunft lebensnah an jungen Menschen, aber auch erwachsenen Menschen sein will und Ressourcen sparen will, dann muss sie digital gut aufgestellt sein.“ Lucie: Ansonsten finde ich es wichtig, dass die Kirche mit der Zeit geht und sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Besonders die jüngeren Gläubigen möchten vielleicht nicht immer die seit Jahrzehnten fest integrierten Lieder und Sprechgesänge in einem Gottesdienst singen, sondern auch mal eine neue Art des Lobgesangs entdecken.

 

Autorin: Die Jugendlichen, mit denen ich darüber gesprochen habe, wieso sie sich in der Kirche engagieren und die mir Sprachnachrichten mit ihren Statements geschickt haben, sind sich in einem einig: 

Die Kirche ist ein guter Ort, um sich auszuprobieren. Ein Ort, an dem Leistung nicht so wichtig ist, dafür aber jeder und jede herzlich willkommen. Die große Revolution scheint nicht geplant zu sein. Ich höre heraus, Popsongs im Gottesdienst wären cool. Kuchen als Trostpflaster fürs frühe Aufstehen. Und immer wieder: wahrnehmen und ernstnehmen.

 

Find‘ ich als Pfarrerin natürlich toll. Und ich bin froh, dass es Jugendliche gibt, die so gute Erfahrungen mit der Kirche machen, dass sie bleiben, der Kirche ein buntes Gesicht verpassen und manchmal auch ein blaues Auge.

 

Bela, 15 – engagierter Jugendlicher in meinem eigenen Team – aus Altenberg im bergischen Land sagt:

 

O-Ton Bela: „Ich persönlich glaube zwar nicht an Gott, aber finde gemeinnützige Arbeit sehr gut und helfe gerne. Zum Beispiel bei Freizeit mit Jüngeren oder auch andere Aktionen, bei denen Hilfe benötigt wird. Nicht profitable Arbeit finde ich sehr wichtig. Soziales Engagement und Glaube kann ich für mich da sehr gut trennen.“ 

 

Autorin: Bela setzt sich kritisch mit der Kirche auseinander:

 

O-Ton Bela: „Ich würde mir von der Kirche wünschen, dass manche Teile der Geschichte etwas besser aufgearbeitet werden und manche veraltete Statements von der Kirche widerrufen werden und modernisiert werden.“ 

 

Autorin: Damit spielt er auf die großen Skandale der Kirchen an.

Er findet’s blöd, wenn in der katholischen Kirche Homosexuelle nicht gesegnet werden und dass Frauen nicht Priesterinnen werden können. Und da ist der Weg vielleicht auch wirklich noch weit. Aber manchmal ändert sich was. 

Die Jugend in der Evangelischen Kirche im Rheinland hat mit Fiona Paulus lange dafür gekämpft, die „Partizipation junger Menschen in kirchlichen Gremien in der Kirchenordnung festzuschreiben“. 

 

Und so hat es die Landessynode 2021 beschlossen: 

Ab sofort soll das Presbyterium – also der gewählte Vorstand einer Kirchengemeinde – zusätzlich ein Mitglied der Kirchengemeinde berufen das noch keine 27 Jahre alt ist. Unter 18jährige nehmen beratend an den Sitzungen teil. Sobald sie volljährig sind, haben auch sie Sitz und Stimme.

Was die Kirchenordnung etwas kompliziert formuliert, heißt übersetzt: Seht zu, dass ihr engagierte, kritische junge Leute ins Boot kriegt.

 

Jonas Einck sagt nochmal klar, was Eingebunden-Werden in Entscheidungsprozesse gerade mit Blick auf die Zukunft bedeutet:

 

O-Ton Einck: „Anders als viele jetzt sicher erwarten, sind Senioren in der evangelischen Kirche gar nicht die größte Gruppe, sondern die größte Gruppe sind Menschen rund ums Konfirmanden Alter. Das heißt, Jugend ist nicht nur Zukunft der Kirche, sondern Jugend ist auch schon Gegenwart.“

 

Autorin: Tatsächlich überrascht mich das, was Jonas Einck sagt. Aber ich verstehe: Nicht die Zukunft ist jung. Die Gegenwart ist es.

Aber wo sind diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen denn jetzt so genau? Sonntags um 9 Uhr jedenfalls nur maximal verschlafen in einer der hinteren Bankreihen in der Kirche. 

 

O-Ton Einck: „Zur Lebenswelt dieser jungen Menschen gehört ganz klar die Digitalisierung oder die Digitalität und wenn wir ehrlich sind, gehört es auch schon zur Lebenswelt vieler Erwachsener. Um lebensnah zu bleiben, muss sich die Kirche also digital aufstellen.“ 

 

Autorin: Ah, digital!

Ein rotes Tuch. 

 

– Jedenfalls vor Corona. Und jetzt? Ne echte Chance. 

Der ökumenische Kirchentag aus Frankfurt hat es in diesen Tagen vorgemacht: Neben den großen Podien, denen man über live-Streams im Internet folgen konnte, gab’s Workshops zum Mitdiskutieren und Mitarbeiten. Zum Beispiel zu Themen wie Rassismus-Kritik und Nachhaltigkeit. – 

 

Mehr digitale Angebote bedeuten am Ende des Tages – so die Hoffnung – mehr Verbundenheit. Denn digitale Angebote machen es möglich, einerseits zum Studium nach Hamburg zu ziehen und andererseits sonntags im Altenberger Dom Gottesdienst zu feiern – ganz selbstverständlich zur Gemeinschaft zu gehören und über social media und Meetingplattformen wie Zoom, an Sitzungen der Gemeinde teilzunehmen. Muss man vielleicht einfach mal ausprobieren. 

 

O-Ton Einck: In mittelfristiger Zukunft heißt es vielleicht auch, dass ein digitales Angebot Zielgruppen zusammenbringen kann, die sonst vorher aufgrund von zum Beispiel räumlichen Gründen irgendwie getrennt waren.“

 

Musik 5: Church (take me back), von CD: Don’t Lose Hope, Track 8, Künstler: Cochren & Co., Copyright: Gotee Records (2021), Amazon.com Song ID: 200000375651060.

 

Autorin:

Die Jugendlichen, mit denen ich – digital – gesprochen habe sind sich einig: Das Konfi-Alter ist entscheidend. Wenn Jugendliche da keine guten Erfahrungen mit der Kirche machen, dann sind sie weg.

 

Was sagt man also Jugendlichen am besten zur Konfirmation? „Wir sehen uns dann zu eurer Hochzeit wieder...“? Nein. Das lieber nicht. Nachdem ich mit Fiona, Jonas, Bela und anderen gesprochen habe, möchte ich sagen: „Schön, dass ihr da seid! Da hinten steht der Wischmob, hier muss der Staub von Jahrhunderten raus, lasst euch was einfallen.“ Und dann fällt denen was ein. Diesen unverschämt jungen Menschen. 

Und mir fällt ein Stein vom Herzen. Kirche geht weiter. Das Schiff sinkt nicht. Und die Botschaft könnte cooler nicht sein: „Schaut hin, wir sind da, weil Jesus da war.“ 

 

Schlussmusik = Musik 5: Cochren & Co, Church (take me back)

 

Autorin: Dass Sie sich von der Energie und den Ideen der Jungen mitreißen lassen und der Kirche einen bunten Anstrich verpassen, die Türen weit aufstoßen und Menschen einladen, egal ob alt oder jung, von aus dem Dorf oder von wo anders, dass wünscht sich und Ihnen Pfarrerin Julia-Rebecca Riedel aus Odenthal.

 


Redaktion: Landespfarrer Dr. Titus Reinmuth

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