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Das Geistliche Wort | 07.02.2021 | 08:40 Uhr

Mit einem stillen Alaaf!

Guten Morgen.

Zugegeben: Ich selbst bin überhaupt keine Karnevalistin. Aber ein Jahr so ganz ohne Straßenkarneval – das finde sogar ich eigenartig. Eigentlich geht er ja ab Weiberfastnacht so richtig los. Das Covid-19-Virus aber macht den Jecken einen Strich durch die Rechnung: Kein Schunkeln, keine „Bützche“, keine Kamelle. Was wird es stattdessen geben? Etwa Beerdigungsstimmung?

Nein – es muss ja nicht gleich Totenstille sein! Obwohl Karneval und Beerdigung manchmal gar nicht weit auseinander liegen. Vor ein paar Jahren bin ich darauf gestoßen: Unter einer Todesanzeige in meiner Tageszeitung stand – sozusagen als letzter Gruß: „Mit einem stillen Alaaf!“ Zunächst musste ich lachen. Dann hat es meine Neugier geweckt. Und mittlerweile habe ich eine ganze Sammlung von Todesanzeigen, in denen der Karneval und der Tod eng zusammenrücken.

 

Musik I: Jupp Schmitz, „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“

 

Karneval auf der einen Seite – der Tod auf der anderen Seite. Die beiden Pole verbinden sich nicht erst am Aschermittwoch, wenn alles vorbei ist und wo in der Nacht zuvor in Köln der Nubbel oder Zacheies verbrannt und damit ausgelöscht wird. In Düsseldorf ist es der Hoppeditz, der stirbt, und in Jülich bei Aachen ist es der Lazarus.

Auch in vielen Karnevalsschlagern liegen Tod und Karneval eng beieinander. Bands wie Brings oder Kasalla laden in ihren Songs ein, ordentlich zu feiern, „su lang mer noch am Lääve sin“ – so lange wir noch am Leben sind. Oder miteinander anzustoßen – auf die Liebe, auf das Leben, auf die Freiheit und den Tod, wie sie auf Kölsch singen.

Auf den ersten Blick mag das fast ein bisschen an das mittelalterliche „Memento mori“ erinnern. Das „Bedenke, dass du sterblich bist!“

Anstatt die Menschen aber zu ermahnen, so zu leben, dass sie nach ihrem Tod, beim „Jüngsten Gericht“, in den Himmel aufgenommen werden können, geht es im Karneval gerade nicht um das „Memento mori“, sondern vielmehr um ein „Carpe diem“, um ein „nutze den Tag“. Mit anderen Worten: Genieße das Leben, denn der Tod kommt ja sowieso! Es ist sozusagen der Versuch, dem Tod ins Gesicht zu lachen – und ihn damit ein Stück weit zu bannen.

Lachen im Angesicht des Todes! Das gilt eigentlich als ganz großer Tabubruch. Und es würde viele Menschen verstören, wenn es nicht im Karneval wäre.

 

Musik II: Kasalla, „Alle Jläser huuh“

 

Aber warum gilt das Lachen im Zusammenhang mit dem Tod eigentlich als Tabubruch? Es gibt andere Kulturen, da wird der Tod gefeiert. In Ghana, in Westafrika zum Beispiel, ist eine Beerdigung keine reine Trauerveranstaltung, sondern Anlass zur Freude; denn das Leben des Toten wird hier gefeiert. Das ist ein Perspektivwechsel.

Und dieser Perspektivwechsel ist auch in den Todesanzeigen erkennbar, die ich gefunden und gesammelt habe. Traditionell gibt eine Traueranzeige Nachricht von einem Tod. In den Todesanzeigen meiner Sammlung aber geht es darum, was dem oder der Verstorbenen im Leben wichtig war. Manche Todesanzeigen zeigen dann den Menschen in einem der schönsten Momente seines Lebens. So ist auf einer Todesanzeige meiner Sammlung ein junger Mann im vollen Ornat als Prinz Karneval abgebildet. Auf anderen sieht man verstorbene Karnevalisten mit Narrenkappe, beim Schunkeln, in Uniform der „Funken“ oder „Stadtsoldaten“. Und ein Nachruf auf einen lieben Verstorbenen – die Keimzelle meiner Sammlung - lautet eben tatsächlich: „Wir verabschieden uns mit einem stillen Alaaf!“

Auf den ersten Blick mag das befremdlich erscheinen. Letzten Endes aber zeigt es ganz einfach, wofür dieser Mensch in seinem Leben brannte.

 

Musik III: Wicky Junggeburth, „Eimol Prinz zo sin in Kölle am Rhing“

 

In meiner Sammlung karnevalistischer Todesanzeigen findet sich noch eine weitere Verbindung von Tod und Karneval. Und die hat mit „Heimat“ zu tun: Der Begriff „Heimat“ steht im Karneval hoch im Kurs, und die Wahrzeichen der Heimat werden zu einer omnipräsenten Illustration. Karneval in Köln ohne Bilder vom Dom zum Beispiel? Undenkbar! Dass der Dom ein Gotteshaus ist, spielt dabei für viele Jecken eher eine untergeordnete Rolle. Er ist für Kölner einfach das Inbild ihrer Heimat. Kein Wunder, dass in Kölner Todesanzeigen die Silhouette des Doms häufig ein wichtiges Element darstellt – ohne dass die Anzeige erkennen lässt, dass der oder die Verstorbene ein gläubiger Mensch war.

Auch die plattdeutsche Sprache spielt im Karneval eine wichtige Rolle. Und mittlerweile ist sie auch auf den karnevalistischen Todesanzeigen zu finden. Früher wäre eine Todesanzeige auf Kölsch oder Plattdeutsch undenkbar gewesen. Seit den 1990er Jahren aber ist eine zunehmende Liberalisierung der Form und Aufmachung der Todesanzeigen zu erkennen. Da grüßt dann eine Verstorbene noch einmal: „Isch bin dann ens fott – maaht et joot!“, „Ich bin dann mal weg – macht es gut“. Oder die Hinterbliebenen fassen ihre Trauer in den zweiten Satz des Kölschen Grundgesetzes: „Et kütt wie et kütt.“ „Es kommt wie es kommt.“

Was steckt dahinter?

Ich vermute einmal, dass das Reden in Mundart, das Sprechen „wie einem der Schnabel gewachsen ist“, unter dem Eindruck des Todes und der Trauer als authentische Ausdrucksweise empfunden wird; als näher und ehrlicher als das Hochdeutsche. Und es ist für viele Menschen wohl auch wirklich emotionaler. Wer schon mal eine Todesanzeige, formulieren musste, weiß, wie schwer das ist. Selbst mir, die ich hauptberuflich schreibe, fehlten da beim Tod meines Vaters die Worte. Es war mein Bruder, der sie schließlich fand. Die Mundart aber scheint für viele Trauernde eine Möglichkeit zu sein, Emotionen und die „Förmlichkeit“ einer Todesanzeige in Einklang zu bringen.

Und die Mundart steht für noch etwas: Sie ist der Indikator für die Herkunft des Menschen und damit für seine Heimat.

Mundart hat etwas Vertrautes. Und ganz unwillkürlich wird mit ihrer Verwendung auf den Todesanzeigen auch die Vorstellung hervorgerufen: Der oder die Verstorbene ist jetzt heimgekehrt, der Tod war ein Heimgang ins Vertraute.

 

Musik IV: Brings, „Isch möchte zu Fuß nach Kölle jonn“, instrumental

 

Der Tod als Heimgang oder als Heimkehr kann aber noch mehr bedeuten: Vielleicht kann man sagen: Der Tod ist eine Heimkehr zu sich selbst. Im Tod ist der Mensch „ganz bei sich“. Alles, was irgendwie mit dem Umfeld und den Bedingungen seines Lebens zu tun hatte, ist in dieser Situation hinfällig geworden. Im Bild vom Karneval: Im Tod fallen alle Masken und ich darf sein, wer ich bin.

Im Tod werde ich ganz bei mir sein. Und ich persönlich gehe vor allem davon aus, dass ich geborgen sein werde und meine Seele ihre Heimat finden wird: in Gott.

 

Diese Hoffnung habe ich auch in vielen Todesanzeigen von Karnevalisten gefunden:

Da ist in einer wieder mal ein Bild des Kölner Doms zu sehen. Und daneben nicht nur ein Spruch auf Kölsch, sondern ein Verweis auf das Ewige Leben: „Jetzt spillt hä de Quetsch im Himmel.“ – „Jetzt spielt er Akkordeon im Himmel.“ Darunter Datum und Ort der feierlichen Exequien und schon mal der Termin für das Sechswochenamt.

Oder die Anzeige eines verstorbenen Bonner Stadtsoldaten, der mitsamt Foto in voller, festlicher Uniform noch einmal ruft: „Alaaf, ihr Lieben!“

Unter diesem Bild steht, inbrünstig und fromm: „Und Gott sprach das große - Amen.“

Hier kommen nicht nur Karneval und Tod zusammen, sondern auch Heiterkeit und Glauben. Das ist für mich rheinischer Katholizismus wie er leibt und lebt.

 

Musik V: Jupp Schmitz, „Wir kommen alle alle in den Himmel“

 

Wie schon gesagt: Ich bin überhaupt keine Karnevalistin. Trotzdem erinnert mich die Verbindung von Karneval, Tod und Glauben ein Stück weit an die Vorstellung, die ich mir vom Leben nach dem Tod mache. Es scheint da doch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem zu geben, was die Karnevalisten im Karneval gesucht, gefunden und auch geliebt haben:

Ich erwarte ein großes Fest. Und ich erwarte Heiterkeit und Gelöstheit. Alle Formalien und Festgefahrenheiten, die den Alltag meines Lebens bestimmt haben, werden außer Kraft gesetzt sein. Ich kann mein altes Ich abstreifen und dann dennoch wieder ganz ich sein und ganz bei mir. Es wird für mich gesorgt sein und ich werde in Gemeinschaft sein – auch wenn ich dies alles nicht so spüren werde, wie ich es aus meinem irdischen Leben kenne.

In all dem aber werde ich umgeben und gehalten sein von der Sicherheit meines Glaubens – von Gott.

Was werden wohl meine Angehörigen mir hinterherrufen, wenn ich gestorben bin? Sicher nichts mit Alaaf – weder laut noch still.

Am besten sollte ich mich selbst um meine Todesanzeige kümmern und die passenden Worte finden für meine Vorstellung vom Fest in der Ewigkeit. Ich weiß noch nicht, was es wird. „Halleluja“ , oder „Amen“? Vielleicht entscheide ich mich auch – nach dem Vorbild des Bonner Stadtsoldaten - für ein fröhliches: „Credo, ihr Lieben!“

Und wer weiß, vielleicht gibt es ja jemanden, der mit dieser Todesanzeige eine eigene Sammlung beginnt...?

Aus Bonn grüßt Sie

Dorothee Haentjes-Holländer

 

Musik V: Jupp Schmitz, „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, instrumental

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